
Als Fremder ist man nicht Teil der Aktivitäten um einen herum, man steht am Rande, beobachtet still, und was allen anderen selbstverständlich ist, wird bewusster, teils staunend wahrgenommen. Ich bin Fremder, ich bin Deutscher, ich kannte in der Kirche niemanden, aber mir war es, nach Jahrzehnten wieder in eine Gemeinschaft meiner Kindheit, meiner Kindheit auf dem Land, einzutauchen. Überall um mich herum kannte jeder jeden, jeder winkte irgendwann jedem zu, die letzten Geschenkle – schön verpackt – wurden verteilt und Kinder strahlten Onkel, Tante, Oma, Nachbarn entgegen. Alle hier waren wohl miteinander verwandt, auf jeden Fall Nachbarn, zumindest vertraut. Es atmete viel Weihnachtliches, viel menschliche Nähe, die nicht ausschloss, sondern auch den Fremden umfing. Dieses Freudige steckte an – wie das prasselnde Feuer eines Ofens alle im Raum erwärmt.

Mich faszinierte der Baum mit echten Kerzen und der Kerzenanzünder. Der Mann war nicht mehr ganz jung, an einem langen Holz-Stecken befand sich die brennende Kerze – Feuer für all die anderen. Der Mann balancierte auf dem Chorgestühl in tiefer Konzentration. Mit ruhiger Hand wurde eine Kerze nach der anderen entzündet. Mich faszinierte diese Ruhe, diese Konzentration, dieses Einswerden mit der gerade anstehenden Aufgabe – die echten Kerzen an einem echten Weihnachtsbaum anzuzünden – wie es in meiner Familie vor vielen Jahrzehnten mein Vater tat. Und ich dachte: „Wie daheim, nur ist der Raum ein bisschen größer, das ist aber auch alles!“
Und als dann Maria und Josef mit unechtem Esel, die Hirtenfamilie mit echtem Hund einzogen, war es mir, als kämen sie direkt vom Feld, von ihren Schafen, zweitausend Jahre Vergangenheit durchschritt den Mittelgang der Kirche, so glaubhaft wirkten die Gesichtszüge der Erwachsenen, so aufgeregt die beiden kleinen Hirtenmädchen, es war ja auch eine besondere Nacht, ein besonderer Stern, eine besondere Botschaft, sonst hätten sie nie und nimmer ihre Schafe verlassen.

Ich verstand vieles in den Liedern nicht, es war wohl Schanfigger Dialekt. Wer die Sprache nicht versteht, beobachtet genauer und wird auf eine andere Weise von der Botschaft angesprochen. Die beiden Hirtenkinder strahlten so viel Fröhlichkeit aus, besonders das eine, es spielte kein Hirtenkind, es war in diesem Moment ein Hirtenkind, es glühte vor Aufregung und vor jedem Lied übte es nochmals kurz mit den Lippen die Anfangsverse, so war man schon immer ein bisschen vorbereitet und in Aufregung, Glühen und Begeisterung hineingenommen.
Ja, so mussten die Hirten damals ausgesehen haben in ihren schwarzen Mänteln mit ihren schwarzen Hüten, das dachte ich immer wieder, wenn ich in ihre Gesichter sah. „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ So glaubhaft waren mir die Hirten noch nie begegnet, die Weihnachts-Botschaft vermittelt worden – direkt, unmittelbar, klar mit echtem Weihnachtsbaum, mit echten Kerzen, mit echtem Hundebellen, mit echt freudigen Menschen in der kleinen Dorfkirche Langwies.
Artikel: Klaus Schenck
Fotos: Waltraut Gut
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