Die Heinzelmännchen zu Litzirüti

Wie war zu Köln es doch vordem / Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul, man legte sich / Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht, / Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten / Und klappten und lärmten…

So der Textbeginn des Gedichtes „Die Heinzelmännchen zu Köln“ von August Kopisch (1836) über die fleißigen Hausgeister zu Köln, die des Nachts, wenn alle schliefen, unbemerkt die Arbeit der Handwerker machten. Und warum tun sie es heute nicht mehr, wer hat sie vertrieben?

Neugierig war des Schneiders Weib, / Und macht sich diesen Zeitvertreib:

Sie wollte die nächtlichen Helfer sehen und streute Erbsen auf die Treppe. Und ihre Rechnung ging auf. Die kleinen Wichtel purzelten durcheinander die Stufen hinunter.

Die lärmen und schreien / Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall / Mit Licht: husch husch husch husch! – verschwinden all!

Ein herrlicher Sonntag in Litzirüti. Ich genoss die Sonnenstrahlen auf der Terrasse in meinem riesigen Sitzkissen, las und schlief immer wieder ein. Eher nebenbei hörte ich Stimmen von der Veranda des ehemaligen „Ramoz“ – heute „Rütliloge“ – in der direkten Nachbarschaft zu unserer „Bergarve“. Ich wusste um den Holz verkleideten Baracca-Imbisswagen vor dem Bahnhof direkt an der „Ramoz“-Veranda. Kurz entschlossen: Mantel übergezogen, rübergegangen, das „Weltmeister Raclette“ bestellt und sich auf die früher so vertraute Veranda gesetzt. Das Raclette schmeckte weltmeisterlich und fast schlief ich glücklich und wohl gesättigt auf dem Stuhl ein.

Und dann kam der im Wetterbericht voller Unwetterwarnungen angekündigte Wetterwechsel. Am nächsten Morgen stand ich staunend auf der Terrasse vor einem riesigen Schneehaufen. Und es schneite weiter, es schneite und schneite und schneite – Tag für Tag. Der Haufen wurde langsam zum Berg, zum Schneeberg und ich begann, mir Sorgen zu machen, Sorgen um das Dach über unserer Tiefgarage mit Tonnen von Schnee. Und es schneite weiter und die Sorge stieg. Kämen doch die Heinzelmännchen zu Köln des Nachts und räumten fleißig den Schnee vom Dach! Wunschträume aus Kindertagen, Wünsche aus Märchen, Sagen und Legenden.

Es war schon recht spät, ich wollte gerade ins Bett gehen. Da hörte ich Musik, nicht laut, aber vernehmlich. Tippte zunächst auf unser Haus, dann sah ich Licht gegenüber – aha, die Baracca-Crew „schmeißt“ wohl noch ne Party, erstaunt war ich aber schon. Ich sah genauer zum Fenster raus, da huschten Gestalten über unser Tiefgaragendach

und schoben und schafften / Und zogen und lachten

Und ehe man sich hat bedacht, / War ein Schneehaufen weggebracht.

Ich lebe als Germanist in der Literatur, in der Welt des Lesens und Schreibens, und als Theologe in Wundern und Erscheinungen. Also, kein‘ Zweifel: Die Heinzelmännchen sind da, vertrieben von des Schneiders Frau haben sie hier ihren Fluchtort gesucht und gefunden. Da hieß es vermutlich vor zweihundert Jahren:

Wir sind klein, wir sind fein, / Litzirüti muss es sein!

Hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen – da ist gut sein!

Meine Sorge haben sie erhört, meinen Wunsch erfüllt. Sie sind gekommen, sie sind da – die Heinzelmännchen zu Litzirüti. Ich bin sprachlos, wow, das Gedicht wird wahr – vor meinen Augen, die Sage lebt, die Wichtel zeigen sich, zeigen sich mir! Glaube kann Berge versetzen und Heinzelmännchen rufen!

Neugierig war des Schneiders Weib und auch in mir rumorte es: Wer sind die Heinzelmännchen zu Litzirüti? Wenn ich sie anspreche, springen sie vielleicht – husch husch husch husch! – Richtung Bahnhof, hüpfen über die Gleise und verschwinden für immer im Wald – und ich bin schuld! Und ich bin schuld, wenn das Tiefgaragendach einkracht und ich bin schuld, wenn die guten Geister ihr segensreiches Werk nicht mehr in Litzirüti tun.

Grübelnd stehe ich am Fenster. Licht darf ich auf keinen Fall benutzen – keine Taschenlampe, keine Handyleuchte, das lehrt mich das Gedicht, aber vielleicht kann ich sie ganz sanft ansprechen, also ganz allgemein, ganz freundlich und ganz lieb. Und Heinzelmännchen angemessen frage ich recht leise, gerade noch hörbar: „Was gibt das?“ „Ein Iglu“, die Antwort. Das klang in seiner Eindeutigkeit nicht unbedingt nach Heinzelmännchen, also große Zurückhaltung musste ich mir nun nicht mehr auferlegen: „Seid ihr Skilehrer?“ „Ja!“ und damit war alles geregelt – und die sprangen mir auch nicht davon.

Am nächsten Morgen – kaum erwacht, / Sah ich des Iglus volle Pracht:

Und für das nächste Iglu, Heinzelmännchen zu Litzirüti, wisst ihr, wo ihr Schnee findet!

Artikel und Fotos: Klaus Schenck, Haus „Bergarve“, Litzirüti (Arosa)

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Über den Autor

Klaus Schenck unterrichtete die Fächer "Deutsch", "Religion" und "Psychologie". Er hatte 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 1.500 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Interessierte öffnet.

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