Für Deutsch-Abi-Gestresste

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Liebe Schülerinnen und Schüler,

„was ihr schon immer über Kafka wissen wolltet…“, auf diese Idee kam ich Mitte März bei der Vorbereitung meines neuen Crashkurses zu Kafka: „Der Prozess“.
Ich hatte schon alle Werke der Schul-Sekundärliteratur gelesen, fand dort zur Thematik „Frauen – Sex – Psyche“ eher allgemeine Aussagen und nur sehr kurz, also ging ich ins Internet und googelte und bekam ganz überraschende KI-Informationen, das meiste kannte ich echt nicht trotz der Handvoll Bücher der Sekundärliteratur. Auch fand ich im Internet alles ungemein gut und kurz aufgelistet, so entstand die Idee dieser Datei. Weiter stieß ich auf einen längeren Artikel der „NZZ“ von 2017, als „NZZ“-Abonnent konnte ich ihn kostenlos herunterladen, diese Ausführungen runden das Thema „Kafka und die Frauen“ ab.
Ich baue jetzt alles für euch zusammen, so könnt ihr euch selbst ein Bild von Kafka machen.
Wichtig ist Folgendes: Alles stammt aus dem Internet/KI, einer Kafka-Monografie und der „NZZ“, nichts ist von mir, mein Teil ist ausschließlich die Zusammenstellung. Ich übernehme einfach alles aus dem Internet – ohne Linknachweise bis auf den ausführlichen Artikel. Gebt bei Interesse einfach die verschiedenen Textblöcke bei Google ein, dann werdet ihr an der richtigen Stelle landen.

Wenn ihr vieles über Kafka nun erfahrt, so werdet ihr ihn, besonders aber seine Werke – hier: „Der Prozess“ – besser und angemessener verstehen. Dies ist kein Interpretationsansatz, sondern ein Verständnisansatz für diesen armen Menschen, der so produktiv war, so viel Großartiges leistete und sich selbst vor sich so vernichtete, so verachtete, dass er seinen Freund Brod bat, später alle Manuskripte zu verbrennen.
Klaus Schenck
1. Psyche
Franz Kafka litt unter schweren psychischen Problemen, die sich in Depressionen, Angststörungen (u.a. soziale Angst, Prüfungsangst) und zwanghaften (anankastischen) Persönlichkeitszügen äußerten, was auch seine berühmte Magersucht beeinflusste. Er erlebte psychische Schwäche, Einsamkeit und einen starken Minderwertigkeitskomplex, oft verbunden mit einem angespannten Verhältnis zu seinem Vater. Seine Werke spiegeln diese Leiden wider, wobei moderne Interpretationen auch Hinweise auf eine gestörte psychosexuelle Entwicklung sehen.
Schlüsselsymptome und Diagnosen (nach heutiger Sicht):
- Depression und Angst: Ständige Niedergeschlagenheit, Nervosität und eine tiefe Lebensangst.
- Anankastische Persönlichkeit: Zwanghaftes Verhalten und Perfektionismus, die seine Leistungsorientierung prägten.
- Soziale Phobien: Scheu vor Menschen, Angst vor Prüfungen, Spinnen, Dunkelheit, etc.
- Essstörung (Anorexie/Magersucht): Seine Magersucht wird als Ausdruck seiner psychischen Not und als psychosomatisches Phänomen gedeutet.
Zusammenhang mit körperlichen Krankheiten:
- Kafka sah selbst einen engen Zusammenhang zwischen seiner Geisteshaltung und seiner Tuberkulose-Erkrankung, die schließlich zu seinem Tod führte.
- Seine Angst und psychische Not schwächten sein Immunsystem und trugen zur Entwicklung seiner körperlichen Leiden bei.
Selbstwahrnehmung:
- Er beschrieb sich in seinen Briefen als „menschenscheu und ängstlich“ und dokumentierte seine nervösen Zustände ausführlich in seinen Tagebüchern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kafkas psychische Gesundheit von tiefgreifenden Ängsten, Depressionen und Zwanghaftigkeit geprägt war, was sich sowohl in seiner Persönlichkeit als auch in seinen Werken und körperlichen Krankheiten manifestierte.
Obwohl Franz Kafka sich nicht im physischen Sinne direkt „bestrafte“, war sein Leben von einer tiefen, oft als selbstquälerisch beschriebenen psychischen Haltung und strengen asketischen Lebensführung geprägt:
Psychische Selbstbestrafung und Selbstzweifel
- Massive Selbstzweifel: Kafka sah sich trotz seines Talents zeitlebens als gescheiterten Autor. Er litt unter ständiger hypochondrischer Selbstbeobachtung und phobischen Ängsten.
- Schuldgefühle: Sein Werk ist durchdrungen von Themen wie Schuld und Sühne. In seinem Privatleben fühlte er sich oft unzulänglich, insbesondere im Vergleich zu seinem dominanten Vater, was er im berühmten „Brief an den Vater“ verarbeitete.
- Sadomasochistische Tendenzen: In psychologischen Analysen und Tagebucheinträgen finden sich Hinweise auf sadomasochistische Fantasien und eine zwanghafte, depressive Persönlichkeit.
Physische und literarische Disziplin (Asketismus)
- Schreiben als Opfer: Kafka schrieb oft nachts unter extremem Schlafmangel, während er tagsüber seinem ungeliebten Beruf als Versicherungsangestellter nachging.
- Körperliche Strenge: Er verfolgte zeitweise eine extrem strenge Lebensweise (z. B. als „Fletcherist“ mit exzessivem Kauen oder durch Vegetarismus), was als Form der Selbstkontrolle und Disziplinierung seines als schwächlich empfundenen Körpers gedeutet wird.
- Vernichtung des Werks: Die wohl radikalste Form der literarischen Selbstbestrafung war sein Testament, in dem er seinen Freund Max Brod anwies, alle unveröffentlichten Manuskripte zu vernichten.
Literarische Spiegelung
In seinen Werken wie „In der Strafkolonie“ oder „Der Prozess“ thematisiert er grauenvolle Bestrafungssysteme, in denen die Schuld der Protagonisten oft „unzweifelhaft“ ist, auch wenn sie diese nicht kennen. Dies wird oft als Projektion seines eigenen inneren Erlebens interpretiert.
Pawlatschen-Szene: Kindheitstrauma – der mächtige, beherrschende Vater

„Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.
Das war damals ein kleiner Anfang nur, aber dieses mich oft beherrschende Gefühl der Nichtigkeit (ein in anderer Hinsicht allerdings auch edles und fruchtbares Gefühl) stammt vielfach von Deinem Einfluß. Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Wegs gebraucht…“ (aus: Franz Kafka: „Brief an den Vater“, https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/vater/vater.html)
Pawlatsche: […] Das tschechische Wort pavlač bezeichnet einen offenen Hauseingang. […] In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt ein Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen um den Pawlatschenhof.
Der vertikale Zugang der einzelnen Ebenen erfolgt über einen ebenerdigen Zugang im Innenhof. Dahinter windet sich eine oft schmale Steintreppe nach oben, ähnlich einer Wendeltreppe in einem Turm. Von dieser Treppe aus gelangt man auf die einzelnen Pawlatschengänge. https://de.wikipedia.org/wiki/Pawlatsche , 23.08.2023
2. Sex und Frauenbild

Franz Kafka hatte im Juli 1903, während seiner Studienzeit in Prag, vermutlich sein erstes sexuelles Erlebnis mit einem jungen Ladenmädchen, das in der Nähe seiner Wohnung arbeitete prag-to-go.com. Diese Begegnung wird oft im Kontext von Kafkas komplexem Liebesleben und seinen frühen sexuellen Erfahrungen genannt, die von einer Mischung aus Sehnsucht und Angst geprägt waren.
Hier sind die wichtigsten Punkte zu diesem Thema:
- Zeitpunkt: Die Begegnung fand im Sommer 1903 statt, kurz bevor Kafka seine rechtshistorische Staatsprüfung bestand prag-to-go.com.
- Kontext: Laut Biografen wie Saul Friedländer war Kafkas Sexualität oft konfliktreich und mit Unsicherheiten verbunden.
- Literarische Verarbeitung: Auch in Kafkas Texten finden sich Darstellungen von Beziehungen, die auf distanzierte Weise soziale Schichten oder flüchtige Begegnungen thematisieren, wobei das „Ladenmädchen“ als Typus für unerreichbare oder flüchtige Frauenfiguren steht.
- Allgemeines Frauenbild: Die Begegnung passt in das Bild eines jungen Kafka, der zwischen intensiven Gefühlen und der Unfähigkeit zur Bindung schwankte, was sich später in seinen Beziehungen zu Frauen wie Felice Bauer oder Milena Jesenská widerspiegelte.

Den Schlüssel zur Deutung von Kafkas Prosa liefert die Episode aus seinem Leben: Das angeblich tabuisierte (und von Rieck vermutete) Liebesverlangen des neunzehnjährigen Franz Kafka zu dem einundzwanzigjährigen Dienstmädchen Anna Pouzarová, „welches sozusagen als eigentliche Muse Kafkas in Frage kommt“…
Anna Pouzarová war eine tschechische Erzieherin, die in den Jahren 1902 und 1903 von der Familie Kafka angestellt wurde, um Franz Kafkas Schwestern zu betreuen.
Zu dieser Zeit war Franz Kafka etwa 19 Jahre alt und studierte Jura in Prag. Pouzarová ist für die Kafka-Forschung aus zwei Gründen von besonderer Bedeutung:
- Biografische Erinnerungen: Im Jahr 1964 verfasste sie rückblickend Schilderungen ihrer Zeit bei den Kafkas. Darin beschrieb sie unter anderem, dass der junge Kafka sie angeblich „unaufhörlich mit lüsternen Augen im Spiegel verfolgt“ habe – eine Behauptung, die in der Forschung oft als subjektive Vermutung eingeordnet wird.
- Literarisches Vorbild: Literaturwissenschaftler sehen in ihr ein reales Vorbild für das Dienstmädchenmotiv in Kafkas Werk. Die Übereinstimmung zwischen der realen Anna und literarischen Figuren (wie etwa dem Dienstmädchen Anna in Der Verschollene oder Das Urteil) gilt als wichtiger Anhaltspunkt für die Analyse des „Kafkaesken“.
Kafkas Frauenbild

„… Es ist irrig, Kafka als einen Heiligen darzustellen, den nur widrige Umstände daran gehindert hätten, ein liebender Familienvater und geselliger Mensch zu sein. Alle Versuche Kafkas (es sind zahlreiche genug) dieser Sehnsucht nachzugeben, scheiterten, sie scheiterten nicht an den Personen und Umständen, sondern an ihm selbst, der ihr Gelingen als Verrat gegenüber einem ausschließlich der Literatur gewidmeten Leben ansah…
Aus diesen Gründen schließt Kafka nach 1912 keine Freundschaften mehr, aus diesen Gründen blieb er in Prag, aus diesen Gründen wurden die drei Verlobungen (1914, 1916, 1919) wieder gelöst, ebenso die Verbindungen mit der Schweizerin (1913), Grete Bloch (ab 1914) und Milena Jesenská (ab 1920), nur die letzte mit Dora Diamant, ein halbes Jahr vor seinem Tod, war von einer gewissen Euphorie überstrahlt…
‚Das Geschlecht des Weibes ist in die Konvention geschnürt und das männliche entfesselt.‘ (Karl Kraus) Dieselbe sexuelle Etikette, die die Bürgertöchter dem Jungfräulichkeitsideal unterwarf, verpflichtete die Bürgersöhne zu Kenntnissen und Erfahrungen, die sie infolgedessen nur im Bordell erwerben konnten…
Seine Begegnungen mit Huren besaßen kaum die vorgetäuschte Nonchalance der Zeitgenossen. Vielmehr waren auch sie verborgene Gemeinschaftssehnsucht…, 1908 Kafka an Brod: Ich muß so dringend jemanden suchen, der mich freundlich berührt, daß ich gestern mit einer Dirne im Hotel war… Die wenigen Beziehungen zu solchen Frauen hat Kafka später als unrein angesehen unter dem zweideutigen Namen Fräulein Bürstner oder der Dienstmädchenabbreviatur Leni, als abgestumpfte Triebwesen…
Die Frauengestalten bei Kafka sind gewissermaßen als Huren konzipiert, die Verbindungen mit ihnen so, dass sie nicht zur Ehe führen können [Ehe = Ende des Schreibens] …“ (Klaus Wagenbach: Franz Kafka. rororo, rm 50649, 20072, S. 91 – 96)
Für interessierte Kafka-Freaks:
Kafkas Angst vor dem Glück (NZZ-Artikel)
Er liebte die Frauen vor allem auf Briefdistanz. Für die Weltliteratur waren die Neurosen Franz Kafkas ein Segen, für sein Beziehungsleben ein Fiasko. Pauline Krätzig 10.03.2017, 20.47 Uhr 11 Leseminuten
Die Verlobte ist weg – welch Glück!

August 1914. Ein Mann sitzt in der Bilekgasse 10 in Prag. Er ist 31 Jahre alt, «eine Erscheinung wie ein spanisch-arabischer dichtender Prinz des Mittelalters aus Cordoba oder Toledo, olivenbraun, mit ganz schwarzen Augen», schrieb der «Prager Mittag» einmal über ihn.
In Prag ist er geboren. Jetzt lebt er zum ersten Mal allein. Nicht mehr bei den Eltern, in einem Durchgangszimmer. Nachts, wenn es still geworden ist, schreibt er. Mit Stahlfeder und schwarzer Tinte. Lange lief das Schreiben zäh. Jetzt schreibt er eine Geschichte über Josef K., dem eines Tages «Der Process» gemacht wird und der nicht weiss, wie ihm geschieht.
Die Worte brechen aus dem Mann heraus. Er fühlt sich wie befreit. Seine Verlobte hat ihn kürzlich verlassen. Franz Kafka strotzte in diesen Tagen vor Schöpfungskraft. Viele seiner Werke entstanden im Rausch. Die meisten blieben unvollendet. Ein ähnliches Schicksal ereilte Kafkas reale Liebesgeschichten.
Dreimal war er verlobt, keinmal verheiratet. Ständig litt er an Selbstzweifeln und kultivierte dazu eine neurotische Bindungsangst…
Auch Kafka war wohl Opfer eines argen Kindheitstraumas. Im «Brief an den Vater», den er nie abschickte, beschreibt Kafka, wie der Vater Hermann den kleinen Franz eines Nachts im Hemdchen auf den Balkon stellte, weil er um Wasser gebettelt und trotzig gestört hatte.
Aktiv mit dem Dienstmädchen: Sexuelle Erfahrungen machte Kafka reichlich, wenn auch mit Frauen jenseits seines Standes.

Der Autor Gerhard Rieck glaubt, dass diese Erfahrung der Grund für Kafkas pathologische Distanz ist, die dieser beim Schreiben verarbeitete, aber nie überwand. «Ich hatte einen inneren Schaden davon», kommentierte Kafka selbst. Und sein Leben ist Zeuge. Der erste Satz vom «Process» wurde viel zitiert und interpretiert.
Mehr über Kafkas Sexualität verrät sein zweiter Satz: «Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht.» Kafka hatte eine Art Dienstmädchen-Fetischismus.
Auch das fand Gerhard Rieck heraus, indem er das Werk vom ersten erhaltenen Text «Beschreibung eines Kampfes» bis zum letzten Roman «Das Schloss» durchkämmte und bemerkte: In den Erzählungen treten regelmässig Dienstmädchen auf. Anna heisst im «Process» die Köchin, der sich Josef K. unsittlich genähert hatte.
Anna Pouzarová hiess auch das 21-jährige Dienstmädchen, das dem 19-jährigen Pubertätsbolzen Kafka 1902 ein Jahr lang das Frühstück aufs Zimmer brachte. Sie wurde ihm zum Vorbild für fast alle seine wichtigen Geliebten- und Verführerinnen-Figuren. Seine erste Muse.
Kein asozialer Autist

Das düstere Bild, das man jahrzehntelang von Kafka zeichnete, ist längst revidiert. Sicher, er war voll von zahllosen Ängsten, aber deshalb war er nicht zwangsläufig auch ein asozialer Autist. Kafka ruderte gerne, schwamm, turnte jeden Morgen um halb acht in Prag zehn Minuten lang nackt am offenen Fenster und erfreute sich an Frauen.
Bald spielte Kafka in Dresden Tennis mit der hübschen Stella und schrieb ihr ein Gedicht. Bald beobachtete er Anna Pouzarová heimlich beim Händewaschen im Spiegel. Dann verliebte er sich in Hedwig Therese Weiler, das erste Mädchen, das er namentlich nennt.
Sein erstes Mal hatte Kafka mit 20 Jahren, in einem Hotelzimmer mit einem tschechischen Ladenmädchen, das im Haus gegenüber in einem Konfektionsgeschäft arbeitete. Er fand es «reizend, aufregend und abscheulich» zugleich und war froh, dass er «endlich Ruhe hatte vor dem ewigen jammernden Körper».
Diesen seinen Körper beschrieb Kafka in gewohnter Selbstzerfleischung: Die Waden seien «gut, die Schenkel nicht schlecht, der Bauch geht noch an, aber schon die Brust ist sehr schäbig». Bei Frauen, vor allem jüngeren, kam der 61 Kilogramm schwere, 1,86 Meter grosse Mann jedenfalls gut an – trotz seiner Hühnerbrust und seiner defensiven Art.
Tagsüber sass er im Café, nachts landete er mit Freunden oft im Bordell.

Sexuelle Erfahrungen machte Kafka reichlich, wenn auch überwiegend mit Frauen jenseits seines Standes und zeit seines Lebens fast nur auf den 1,3 Quadratkilometern Prager Altstadt. Mit seinem Freund Max Brod liess er in seinen Zwanzigerjahren die Puppen tanzen. Tagsüber sassen sie in Prags Kaffeehäusern und widmeten sich auch einmal lieber der pornografischen Bibliothek des Oberkellners als der Philosophie.
Abends zogen sie weiter, in Weinstuben, das «Trocadero» oder das «Eldorado», oder in Bordelle, das «Šuha» oder das «Gogo». Professioneller Service für zehn Kronen im Etablissement der Madame Goldschmidt. An diesen Orten gab es keine peinlichen Anbändel-Rituale, der Umgang mit Frauen war lässig, sie liessen sich leicht verführen oder bestellen wie ein Glas Champagner.
Einen entscheidenden Haken hatten diese Liebschaften: Sie waren Illusionen. «Ich erinnere mich», schrieb Brod später über Kafka, «an seine Leidenschaft zu einer Weinstubenkellnerin namens Hansi, von der er einmal sagte, ganze Kavallerieregimenter seien über ihren Leib geritten.»
Kafka besuchte die 21-jährige Juliane Szokoll, die sich «Hansi» und ihn «Franzi» nannte, in ihrer Kammer, aber «Franz war in dieser Liaison sehr unglücklich», bemerkte Brod. Oft war Kafka bis spät in die Nacht unterwegs, wechselte morgens zu Hause hastig die Kleider und kam wieder einmal zu spät ins Büro…
Kafkas Frühwerk ist weitgehend unbekannt. Das meiste verfeuerte er so schnell im Ofen, wie er es geschrieben hatte. Eines der erhaltenen Prosastücke heisst «Das Unglück des Junggesellen». Kafka schrieb es Ende 1911 in sein Tagebuch. Für Kafka-Biograf Reiner Stach ist das Stück ein Selbstporträt, eine Ansammlung innerer Spannungen, die zu einer Entladung drängten. Man könnte auch einfach sagen: Kafka sucht Frau.
Er fand sie an einem Dienstagabend im August 1912. Bei einem Besuch bei Max Brod traf Kafka dessen entfernte Verwandte, die Prokuristin Felice Bauer. Eine Woche später notierte er im Tagebuch: «Als ich am 13. VIII zu Brod kam, sass sie bei Tisch und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab.» …
Gefühls-Pingpong

Die «Briefe an Felice» nennt die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz einen wahr gewordenen «Kafka-Angsttraum». «Behalte mich bei dir», «Stosse mich fort!» – so geht das Gefühls-Pingpong hin und her. Da meint er erst, «unter keinen Umständen werde ich es als Erster aussprechen», und gesteht Felice im November 1912 dann doch: «Liebste, mein Gott, wie lieb ich dich!»
Kafka hatte Angst davor, glücklich zu werden, Angst vor «der Verbindung mit dem geliebtesten Menschen, ja gerade mit ihm». Ihn beherrschte die Idee, zum Schreiben ungebunden und allein sein zu müssen, in «Abgeschiedenheit, nicht wie ein Einsiedler, sondern wie ein Toter».
Der Briefwechsel mit Felice war sein Kampf um eine Nähe, die er allein mit der Kraft geschriebener Worte beschwören wollte. Es gelang ihm leider. Die Leidenschaft ihrer Beziehung fand nur auf Papier statt. Was die Frauen in Kafkas Leben zu seiner Beziehungsstörung zu sagen hatten, der sie in Hunderten Briefen ausgeliefert waren, weiss man übrigens nicht. Ihre Antworten sind nicht erhalten.
Sieben Monate und 200 Briefe nach dem ersten Schreiben traf Kafka Felice zum zweiten Mal. Wenige Stunden in Berlin. Die von ihm erschaffene Brieffreundin wurde zu Fleisch und Blut. Um Gottes willen. Unter Vorwänden zögert Kafka weitere Treffen hinaus, als wolle er die per Post erzeugte Nähe nicht noch einmal durch reale Nähe zerstören.
Verlobung mit Ehewarnung

Sie schickten sich gegenseitig Fotos. Von beiden zusammen gibt es eine einzige. Zehn Monate und drei Treffen nach dem ersten Schreiben machte Kafka Felice im Juni 1913 per Brief einen Antrag, den er sechs Tage lang verfasst hatte: «Willst du . . . überlegen, ob du meine Frau werden willst?»
Dazu lieferte er gleich mehrere Gründe, es nicht zu tun: Er sei krank, schwach, ungesellig, steif, traurig, ein hoffnungsloser Fall, und ausserdem verdiene er nur gerade 4588 Kronen im Jahr. Dass Felice sich mit ihrer Antwort einen Monat Zeit liess, überrascht weit weniger als die Tatsache, dass sie Ja sagte. Im April 1914 gab das «Berliner Tageblatt» die Verlobung bekannt.
Kaum kam das Jawort, kritzelte Kafka wieder die Hölle herauf. Jedes Hochzeitspaar sei ihm «ein widerlicher Anblick». Selbst ehrbarer Sex mit einer ehrbaren Frau schien ihn anzuwidern, und «der Coitus als Bestrafung des Glücks des Beisammenseins. Möglichst asketisch zu leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu ertragen.»
Mit Impotenz, die einige Historiker hinter Kafkas Verhalten vermuten, hatte das nichts zu tun. Kafka lockte «der Körper jedes zweiten Mädchens», wie er Max Brod schrieb, doch «der Körper jenes Mädchens, in das ich meine Hoffnung setzte, gar nicht». Felice verkündete er, dass ihr Eheleben kein «lustiges Plaudern Arm in Arm» sein würde, sondern «ein klösterliches Leben an der Seite eines verdrossenen, schweigsamen, unzufriedenen Menschen».
Mehr als einmal liess sie nichts mehr von sich hören. Kafka litt. Er liebte Felice aufrichtig, benahm sich aber permanent widerlich. Provokant erzählte Kafka ihr von der 18-jährigen Gerti Wasner aus Lübeck, in die er sich bei einer Reise nach Riva verliebt hatte.
Das Vakuum, das Felices Schweigen hinterliess, füllte er kurzzeitig mit Felices Freundin Grete Bloch – nur wurde aus der Ersatzbrieffreundschaft bald ein «erotisch aufgeheizter Briefwechsel, dessen intimer Ton unüberhörbar ist», so Kafka-Biograf Peter André Alt.
„Askanischer Hof“: „Gerichtshof im Hotel“

Am 12. Juli 1914 sitzt der Versicherungsbeamte Kafka in einem Zimmer des Hotels «Askanischer Hof» in Berlin seiner Verlobten Felice, deren Schwester Erna und Grete Bloch gegenüber. Wie später Josef K. im «Process» weiss er nicht, was der «Gerichtshof im Hotel», wie er ihn nennt, ihm vorwirft.
Gleich erfährt er es: Grete hat Felice ihren Briefwechsel gezeigt – zuvor allzu intime Passagen sorgfältig aus den Briefbögen geschnitten. Felice liest nun rot unterstrichene Stellen aus den Briefen vor. Dass Kafka an sich als Ehemann zweifelt, ist ihr nicht neu. Wohl aber, dass er an der ganzen Liaison mit ihr zweifelt.
Felice löst die Verlobung. Die erste Verlobung. Man lernt ja nie aus, manche Menschen lernen nicht einmal aus ihren Fehlern. Im Juli 1916 näherten sich Felice und Kafka wieder an, verbrachten zehn Tage im Kurort Marienbad. Es ist ihr längstes Treffen, inklusive einer ersten sexuellen Begegnung.
Danach dudelte wieder die alte Melodie der Unsicherheit. Es gab keine Zukunft für beide, am Ende nur Kafkas Wunschdenken: «Mit dir, aber frei.» Das Schicksal erlöste sie. Nach der zweiten offiziellen Verlobung brach im Sommer 1917 bei Kafka die Tuberkulose aus. Kafka machte höchst pathetisch per Brief mit Felice Schluss und zog zurück zu den Eltern.
Felice Bauer heiratete 1919 einen anderen, bekam zwei Kinder, siedelte in die USA über und starb mit 72 Jahren. Nach der Trennung von Felice habe er «mehr geweint als in allen Nach-Kinderjahren», schrieb Kafka in sein Tagebuch.
Neue Chance – viel Lachen: Julie Wohryzek

Julie Wohryzek war da eine erfrischende Abwechslung: «Grob gerechnet», meinte Kafka zu Max Brod, habe er «in den letzten fünf Jahren nicht so viel gelacht wie in den letzten Wochen» mit der 27-jährigen Prager Sekretärin. Er hatte sie und ihren Lungenspitzenkatarrh und ihr grosses Repertoire an Jargonausdrücken 1918 auf Kur kennengelernt. Sie verlobten sich.
Briefe zwischen ihnen sind nicht erhalten. Wohl aber die von Vater Kafka an den Sohn. Den Eltern gefiel diese Liaison nicht. Laut Gerüchten liess Julie nichts anbrennen, und der klaffende Standesunterschied veranlasste den Vater zur Bemerkung, er werde auswandern, wenn der Sohn ernst mache. Er solle lieber ins Bordell gehen, als eine X-beliebige heiraten.
Weniger der Vater oder die Tatsache, dass Julie sich mehr für Operetten und Puder als für seine Schriftstellerei interessierte, brachten die geplante Hochzeit im November 1919 zum Platzen. Grund war eine andere Frau.
Kafka on fire – Milena Jesenská

Die andere hiess Milena Jesenská, war Arzttochter, Journalistin, Literaten-Groupie und «It-Girl», in wehenden Gewändern, «mit gelöstem Haar, Blumen im Arm», eine «geradezu sensationelle Erscheinung», erinnerte sich ein Zeitzeuge. Milena war die selbstbewussteste Frau, die Kafka je liebte, ihm nicht ebenbürtig, sondern überlegen.
«Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe», bemerkte er selbst. Als die 23-jährige Tschechin sich ihm 1919 im Café Arco flüchtig vorstellte, war sie bereits seit einem Jahr mit dem Literaturkritiker Ernst Polak verheiratet. Der betrog sie längst, also tröstete sich Milena erst mit Koks und dann mit Kafka.
Sie bot an, seine Texte ins Tschechische zu übersetzen. Sie begann mit «Der Heizer», Kafka war on fire. Anfang Juli 1920 liefen sie vier intensive Tage lang durch den Wiener Wald, Kafka hustete kaum, hatte «schrecklich viel gegessen und wie ein Dudelsack geschlafen», erinnerte sich Milena.
«Dein Gesicht über mir im Wald und dein Gesicht unter mir im Wald und das Ruhn an deiner fast entblössten Brust», erinnerte sich Kafka. Kaum ein Jahr dauerte die Liebelei. Die «Briefe an Milena» sind, so der Prager Publizisten Willy Haas, ein «erschütternder Liebesroman, eine Orgie an Verzweiflung, Seligkeit, Selbstzerfleischung und Selbsterniedrigung».
Kafka schrieb nach Wien: «Wenn man durch Glück umkommen kann, dann muss es mir geschehen. Und kann ein zum Sterben Bestimmter durch Glück am Leben bleiben, dann werde ich am Leben bleiben.» Ersteres war der Fall. Der schwerkranke 55-Kilogramm-Kafka «litt unter der lebensstarken Milena», schreibt Margarete Buber-Neumann.
Milena verliess ihren Mann nicht, die Briefliebe wurde platonisch und für Kafka unerträglich. Im Dezember 1923 bat er Milena, ihm nicht mehr zu schreiben, um halbwegs weiterleben zu können. Milena kam 1939 ins KZ Ravensbrück, wo sie 1944 umkam.
Neue Chance – endlich Glück!

Kafkas letztes Lebensjahr verlief versöhnlich: Er verliebte sich noch einmal in die 25-jährige Polin Dora Diamant und zog mit ihr in eine Wohnung in Berlin-Steglitz. Das erste Mal lebte Kafka mit einer Frau zusammen, einem weiblichen Wesen, das seine Schreib-Askese unterbrach.
Seine grösste Lebensleistung sah er letztlich darin, dass er sich endlich von Prag und seiner Familie gelöst hatte. Am liebsten wollte er in Steglitz eine Kneipe aufmachen und kellnern. Die Briefe an Dora sind verschollen, aber Kafkas letzte Erzählung «Eine kleine Frau» aus dieser Zeit ist erhalten, in der er einmal mehr sein psychopathisches Verhältnis zu Frauen verarbeitete.
Zu Heiratsplänen mit Dora kam es nicht. Um Kafkas Gesundheit war es schlecht bestellt. Im April 1924 hiess es: Kehlkopf-Tuberkulose. Er begab sich in ein Sanatorium bei Wien. Kafka starb am 3. Juni 1924 mit 40 Jahren an Herzlähmung.
Irgendwie wollte sich dieses Herz ja nie so recht öffnen, jetzt gab es ganz Ruhe. Dora hatte Kafka bis zum Ende gepflegt. Doch im Sterbebett bat er den Arzt Klopstock, sie zum Postamt zu schicken, sie sollte seinen Todeskampf nicht mit ansehen. Dora war 26 Jahre alt…
https://www.nzz.ch/gesellschaft/franz-kafkas-angst-vor-dem-glueck-liebesleben-ld.1811936 (9.3.2026, gekürzt, eigene Überschriften und Hervorhebungen)
Franz Kafka: „Der Prozess“ – kostenloser Deutsch-Abi-Crashkurs:https://www.schuelerzeitung-tbb.de/franz-kafka-der-prozess-kostenloser-deutsch-abi-crashkurs/
Nicht piensen + klagen → anpacken + tun!

Für ukrainische Jugendliche habe ich meine Internetplattform zur Verfügung gestellt. Gleiches wollte ich jüdischen Jugendlichen anbieten und mailte alle jüdischen Gymnasien an – bis jetzt ohne Antwort. Mir wäre wichtig gewesen, jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen. Ich stelle das „Deutsch-Abi-Wochenblatt“ für Oberstufenschüler kostenlos auf meiner Homepage jeden Montag ein, schreibe für das städtische Mitteilungsblatt und ein Infoblatt in Arosa und als Pressewart für unseren Tennisclub. Alles nichts Weltbewegendes, aber es ist ein konkretes Tun, ein konkretes Engagement, ein konkreter Dienst für andere. Das nimmt mir das sinnlose Grübeln, Ängstigen und Verzweifeln an einer Welt, der ich mich hilflos ausgeliefert fühle.
Meine vier Schritte: Träumen, Wollen, Tun, Bekommen!
Der „Wenn“ und der „Hätt“ henn noch nie was g´hätt.
Klaus Schenck

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