v. Kleist: „Der zerbrochne Krug“: Klassenarbeit 2026 – Erörterung eines literarischen Textes

Die folgende Klassenarbeit mit Außentext und Aufgabenstellung wurde der „FT-Abi-Plattform“ zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Klaus Schenck

Abiturjahrgang 2025/27   Kurshalbjahr 12/1    Klausur Nr. 2 im LF Deutsch am 8.5.26
Aufsatzart: Erörterung eines literarischen Textes

Thema: Heinrich von Kleist (1779 – 1811): Der zerbrochne Krug. Ein Lustspiel

(entstanden 1802 – 1806, uraufgeführt 1808, als Ganzes zuerst veröffentlicht 1811)

Aufgabenstellung

  • Stellen Sie die wesentlichen Aussagen aus dem Interview mit Luise Grabolle dar und formulieren Sie schlussfolgernd ihren zentralen Interpretationsansatz. (ca. 30 %)
  • Erörtern Sie auf der Basis Ihrer Kenntnisse zum Drama Der zerbrochne Krug, ob bzw. inwiefern Grabolles Aussage über die Figur Eve Rull zutrifft, dass Eve als „Gegenspielerin“ gleich dreier Männer (Z. 15ff) zu betrachten ist. (ca. 70 %)

Beachten Sie, dass der Schwerpunkt der Gewichtung auf der zweiten Teilaufgabe liegt.

Luise Grabolle: Geschlecht und Gender in „Der zerbrochne Krug“ (2024)

Geschlecht und Gender der handelnden Personen werden im Zerbrochnen Krug nicht grundsätzlich hinterfragt, doch spielen sie eine zentrale Rolle, nicht nur, weil mit Adam und Eve der Urmythos der Geschlechterdifferenz aktiviert wird. Kleists Texte hinterfragen gesellschaftliche Ideale wie die Vorstellung von „weiblicher Tugend“, die auf „Werten“ wie Unterwürfigkeit, Hilfslosigkeit oder Naivität beruht. Der Wissenschaftler Seán Allan ist der Ansicht, dass solche in der Gesellschaft als „transzendente“ Kategorien geltenden Konzepte von Kleist als ideologische Konstrukte einer männlichen Machtelite entlarvt werden. Die Vor- und Darstellung von Weiblichkeit ist also vorgeprägt durch die männliche Perspektive. Kleist thematisiert diese Geschlechtskonstruktionen im Zerbrochnen Krug, indem er zwei Frauen porträtiert, die sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft auf unterschiedliche Weise emanzipieren und sich von ihrer „Typologie“ befreien: Eve und ihre Mutter Marthe Rull. […]

Eve wird oft als Opfer der Geschichte dargestellt. Dahinter steht das Stereotyp des naiven Bauernmädchens. Stattdessen ist Eve aus Allans Sicht aber eine herausragende Gegnerin. Sie ist die Gegenspielerin gleich mehrerer Figuren: Im Kontext des Adam-und-Eva-Mythos und der sexuell motivierten Erpressungsgeschichte erscheint sie als Gegenspielerin Adams, im Kontext der Ehe und des Motivs des Vertrauens ineinander und in Gott als Kontrahentin ihres Verlobten Ruprecht und im Kontext der gesicherten Ordnung der Welt und des Konzepts der absoluten Gerechtigkeit des Gerichts als Gegnerin Walters. In allen Beziehungen und moralisch-gesellschaftlichen bzw. weltanschaulichen Konflikten behält Eve die „Oberhand“ – ihre Position bleibt konstant, während sich die der drei Männer verschieben. Adams Straftat wird aufgedeckt und er wird aus dem Amt entlassen. Ruprecht (Nachname „Tümpel“!) muss einsehen, dass er sich geirrt hat und entpuppt sich als „Dorftrottel“, der in seiner verblendeten Fixierung auf Eves Reputation ihr eigentliches Handlungsmotiv, nämlich sein Leben zu retten, nicht erkennt. Walter schließlich ist, um die bedrohte Ordnung von Recht und Staat zu reinstallieren, gezwungen, Eve und ihrem Verlobten Zugeständnisse zu machen, wohl wissend, dass Eve die Korruptheit und Zerbrechlichkeit der Welt durchschaut. Walters abschließende Frage »Darf ich?« (Variant, V 471), mit der er Eve um Erlaubnis bittet, sie küssen zu dürfen, und die Ruprecht bezeichnenderweise an sich selbst gerichtet interpretiert, verdeutlicht, wie sich die Machtverhältnisse verschieben. Walter, der dem Namen nach Gebietende und Bestimmende, bittet Eve um consent. Die Rollen sind vertauscht. (523 Wörter)

Erläuterungen:

  • Gender: biologisches und soziales Geschlecht
  • Transzendente: übernatürlich, hier: unhinterfragt vorausgesetzte.
  • Typologie: Lehre/System verschiedener Typen einer Sache
  • Consent: Zustimmung, Einwilligung

Aus einem Interview von Christian Heigel mit Luise Grabolle (Fortbildungsmaterialien der ZSL Baden-Württemberg zum „Zerbrochnen Krug“) – zu Prüfungszwecken bearbeitet

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Erörterung eines literarischen Textes

Thema: Heinrich von Kleist (1779 – 1811): Der zerbrochne Krug: Ein Lustspiel
(entstanden 1802 – 1806, uraufgeführt 1808, als Ganzes zuerst veröffentlicht 1811)

Aufgabenstellung

Stellen Sie die wesentlichen Aussagen aus dem Interview mit Luise Grabolle dar und formulieren Sie schlussfolgernd ihren zentralen Interpretationsansatz. (ca. 30%)

Erörtern Sie auf Basis Ihrer Kenntnisse zum Drama Der zerbrochne Krug, ob bzw. inwiefern Grabolles Aussage über die Figur Eve Rull zutrifft, dass Eve als „Gegenspielerin“ von Adam, Ruprecht und Walter (Z. 15ff) zu betrachten ist. (ca. 70%)

Aufsatz

Im Interview „Geschlecht und Gender“ in „Der zerbrochne Krug“, veröffentlicht 2024, vertritt Grabolle die Ansicht, dass Eve als emanzipierte Frau eine Gegenspielerin zu Dorfrichter Adam, Gerichtsrat Walter und ihrem Verlobten Ruprecht Tümpel darstellt.

Luise Grabolle ist der Meinung, dass Gender und Geschlecht in dem Lustspiel eine zentrale Rolle spielen (vgl. Z.2). Der Autor Heinrich von Kleist hinterfrage gesellschaftliche Ideale, wie z.B. die Gerechtigkeit der Justiz, und entlarve diese als „Konstrukt einer männlichen Machtelite“ (Z.8). Laut Grabolle werde dies gezeigt durch die Figuren Eve und Marthe Rull, die sich auf unterschiedliche Weise emanzipieren (vgl. Z.11 f.).

Eine weitere These Grabolles ist, dass Eve zwar als Opfer der Geschichte dargestellt wird, aber trotzdem als Gegenspielerin von Dorfrichter Adam, Gerichtsrat Walter und ihrem Verlobten Ruprecht Tümpel fungiert (vgl. Z.13 ff.).

Außerdem bleibe Eves Position unbeugsam, während die Männer Zugeständnisse machen müssen (vgl. Z. 22 ff.). Dieser Rollentausch zeige sich vor allem, als Walter abschließend fragt, ob er Eve küssen dürfe (vgl. Z.30 ff.).

Luise Grabolle ist der Ansicht, dass durch Eves Auftreten als Gegenspielerin Adams, Walters und Ruprechts die gesellschaftlichen Rollen vertauscht werden und Eve und Marthe sich emanzipieren.

Diesen Thesen kann mit dem Drama „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, uraufgeführt 1808 und als Ganzes veröffentlicht 1811, teilweise zugestimmt werden. Das Lustspiel handelt von einem Prozess vor Gericht, der aufdecken soll, wer nachts in Eve Rulls Zimmer eingedrungen ist und dabei einen wertvollen Krug zerschlägt, der symbolisch für Eves Ehre und Jungfräulichkeit steht. Obwohl anfangs Ruprecht und der Flickschuster Lebrecht verdächtigt wurden, stellt sich schließlich heraus, dass der Dorfrichter Adam selbst den Krug zerschlägt, da er unter einem Vorwand in Eves Zimmer eindringt, um sie sexuell zu nötigen. Nach dieser Enthüllung flieht Adam, wird allerdings auf Gerichtsrat Walters Wunsch wieder zurückgeholt und seines Amtes enthoben. Das Drama spricht zentrale Themen wie Machtmissbrauch, Wahrheitsfindung und Korruption an und endet in Gerechtigkeit.
Luise Grabolles These, dass Eve als Gegenspielerin Adams, Ruprechts und Walters zu sehen ist, ist teilweise zuzustimmen.

Grabolles erstem Argument, dass Gender und Geschlecht in dem Lustspiel eine zentrale Rolle einnehmen, kann zugestimmt werden. Durch die Figuren Adam und Eve wird, wie im Interview schon gesagt, an die ursprünglichen Geschlechterdifferenzen zwischen Adam und Eve erinnert. Während in der Bibel jedoch Eva diejenige ist, die einen Fehler begeht, ist im Lustspiel Adam der Schuldige (vgl. V. 1895).

Außerdem ist Eve diejenige, die dieses Vergehen letztendlich aufdeckt, was Kleists Kritik an der gesellschaftlichen Dominanz des Manns gegenüber der Frau sowie den Rollentausch von Mann und Frau einleitet. Obwohl das Stück zu Zeiten einer „männlichen Machtelite“ (Z.8) spielt und Frauen oft auf Unterwürfigkeit oder Naivität reduziert werden, hat ein Bauernmädchen es hier geschafft, das Vergehen eines Dorfrichters zu entlarven. Jedoch spielt Gender und Geschlecht auch eine andere Rolle. Zwar wird Adam am Ende enttarnt, jedoch sind unter anderem die damaligen gesellschaftlichen Ideale dafür verantwortlich, dass das Verbrechen überhaupt erst begangen wird. Ada ist ein männlicher Dorfrichter, der in Huisum Macht und Autorität hat (vgl. V. 2014 ff.). Bevor Gerichtsrat Walter ins Spiel kommt, kann Adam ohne Konsequenzen tun, was er will (vgl. V. 2206). Eve hingegen ist ein naives Bauernmädchen, von dem Unterwürfigkeit verlangt wird (vgl. V. 1209 ff.). Diese gesellschaftliche Konstellation macht es Adam sehr einfach, das Verbrechen durchzuführen.

Ein zusätzlicher Punkt, der für die große Rolle des Genders und Geschlechts spricht, sind Eve und ihre Mutter Marthe Rull, die sich auf verschiedene Weise emanzipieren wollen. Während Frau Marthe ihren und Eves Ruf nach dem Zerbrechen es Krugs wiederherstellen will, indem sie Ruprecht als den Täter präsentiert (vgl. V. 608 f.), will Eve nicht lügen und stattdessen die Wahrheit ans Licht bringen (vgl. V. 1195). Dies wird jedoch dadurch erschwert, dass Adam sie mit einem Militär-Attest für Ruprecht erpresst, was wieder die Macht demonstriert, die Adam hier noch über Eve hat.

Außerdem vertritt Grabolle die These, dass Eve zwar oft als Opfer der Stücke gesehen wird, aber auch gut als Gegenspielerin fungieren kann. Ich stimme zu, dass Eve oft als Opfer des Lustspiels gesehen wird, würde sie allerdings nicht mit dem Stereotyp des naiven Bauernmädchens gleichsetzen. Anfangs will Eve das Attest für Ruprecht, das Adam ihr anbot, nicht annehmen. Sie willigt erst ein, als Adam ihr vorlügt, dass Ruprecht die Niederlande verlassen soll (vgl. V. 2090 ff.). Zwar ist sie naiv, Adams Worte zu glauben, und auch, ihn auf ihr Zimmer zu lassen (vgl. V. 2197), jedoch tut sie Letzteres nicht aus Gutgläubigkeit, sondern aus Angst um Ruprecht (vgl. V. 2196 f.). Ihr Vertrauen in Adam kann auf ihre geringe Bildung zurückgeführt werden, da sie bspw. nicht lesen kann (vgl. V. 2077). Sie vertraut in die Autorität und Gerechtigkeit des Richters, was sie nicht zu einem naiven Bauernmädchen macht.

Der Hauptthese, dass Eve die Gegenspielerin von Walter, Adam und Ruprecht ist, ist teilweise zuzustimmen. Das wichtigste Argument der Autorin in dieser Hinsicht ist, dass Eve während des Prozesses standhaft bleibt, die Männer jedoch gezwungen werden, ihre Position zu verändern. Eve fungiert als einzige involvierte Person, die nicht eigennützig handelt. Alles, was sie tut, ist motiviert von dem Wunsch, Ruprecht vor dem Militärdienst in Asien zu bewahren (vgl. V. 1914 ff.). Trotz der Erpressung durch Adam entscheidet Eve sich letztendlich dazu, endlich die Wahrheit zu sprechen, als Ruprecht das Gefängnis droht (vgl. V. 1898 ff.). Sie weicht nie von ihrem Wunsch und dem Drang, das Richtige zu tun, ab.

Ich stimme der Autorin zu, dass Eve die Gegenspielerin Adams ist. Dies wird nicht nur durch die Namensgebung, die Geschlechterrollen und das Machtgefälle zwischen den beiden impliziert, sondern auch durch ihre gegensätzlichen Motivationen und Ziele. Adam stellt sich nur die Frage, wie er die Situation so beeinflussen kann, dass er den größten Vorteil daraus zieht: „So war’s – der Lebrecht – […] oder Ruprecht – […] oder Lebrecht […] Auf mein Ehr, mir wär’s vollkommen recht, wen sie es alle beid gewesen wären.“ (V. 1084 – 1090). Adam ist bereit, jeden anzuklagen, solange er selbst unversehrt bleibt, und hat durch sein Amt als Dorfrichter auch die Macht dazu. Seine Machtposition nutzt er nicht etwa wie Walter, um für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern um durch Korruption und Erpressung zu bekommen, was er will. Auch vor Lügen schreckt er dabei nicht zurück. So ist seine Perücke, die eigentlich im Weinstock vor Eves Fenster hängt (vgl. V. 1627), angeblich verbrannt und von den Katzen ruiniert worden (vgl. V. 1846).

Außerdem versucht Adam während des gesamten Prozesses, seine Machtposition auszunutzen, um Eve einzuschüchtern und Einfluss auf sie zu nehmen (vgl. V. 1097 ff.). Eve stellt also sowohl moralisch als auch im Prozess seine Gegenspielerin dar. Wo Adam impulsiv ist (vgl. V. 607), den Prozess zu verhindern versucht (vgl. V. 1055 ff.), und bereit ist, für seinen eigenen Vorteil alle anderen zu ruinieren, ist Eve ruhiger und bedachter (vgl. V. 1260 ff.). Obwohl sie jede Möglichkeit gehabt hätte, den Prozess zu beenden, indem sie Ruprecht beschuldigt und damit auch den Wunsch ihrer Mutter erfüllen würde (vgl. V. 789), tut sie es nicht. Dadurch hält sie den Prozess zwar, so wie Adam auch, auf, jedoch nicht aus Eigennützigkeit, sondern aus Angst um Ruprecht. Sie beschützt Ruprecht, obwohl er ihr nicht vertraut (vgl. V. 439) und befindet sich durch Adams Erpressung in einer Zwickmühle: die Wahrheit sagen und riskieren, dass Ruprecht nach Asien geschickt wird, oder lügen und damit gegen ihre Moral verstoßen. Eve befindet sich in einer deutlichen komplizierteren Situation als Adam und wurde außerdem Opfer eines sexuellen Übergriffs, trotzdem entscheidet sie sich letztlich, die Wahrheit zu sagen. Somit sind Adam und sie nicht nur im rechtlichen Sinne als Täter und Opfer, sondern auch im moralischen Sinne als eigennütziger, machtmissbrauchender Lügner und Stimme der Wahrheit Gegenspieler. Das Gegenspiel findet seinen Höhepunkt, als Eve Adam schließlich enttarnt und sich so auch offiziell gegen ihn stellt.

Der These, dass Eve die Gegenspielerin von Ruprecht ist, ist teilweise zuzustimmen. Das Paar wird dem Leser als Gegenspieler vorgestellt, da Ruprecht beschuldigt wird, den Krug zerbrochen zu haben (vgl. V. 608), was Eve jedoch schon bald widerlegt. Der Eindruck, dass die beiden sich nicht gut gesinnt sind, besteht jedoch weiterhin. Ruprecht vertraut Eve nicht und ist sauer, da er denkt, sie würde ihn mit Lebrecht betrügen (vgl. V. 925, 444). Mit dem Krug scheint daher auch die Hochzeit zerbrochen zu sein. Eve probiert zwar, mit Ruprecht zu sprechen, doch er hört ihr nicht zu (vgl. V. 444 ff.). Außerdem stellt sich heraus, dass Ruprecht Eve am Vorabend in seiner Wut beleidigt hat (vgl. V. 1024 ff.). Dieses impulsive und unreife Verhalten steht Eves Verhalten entgegen. Sie versucht, ihn zu beschwichtigen und mit ihm zu reden, doch er vertraut ihr nicht genug, was wiederum Eve wütend macht (vgl. V. 1162 ff, 1931 ff.). Eve beschützt Ruprecht allerdings immer noch, während er sie weiter beschuldigt. Auch hier entsteht auf moralischer Ebene ein Kontrast zwischen Eves Selbstlosigkeit und ihren Schlichtversuchen und Ruprechts impulsiver Wut sowie seinen Vertrauens- und Kommunikationsproblemen. Jedoch enden die Gegensätze zwischen Eve und Ruprecht anders als zwischen Eve und Adam. Sowohl im Variant als auch im neueren Ende versöhnen sich die beiden, im Variant bekommt Eve sogar die Möglichkeit, Ruprecht vom Militär freizukaufen (vgl. V. 2352 ff.). Zwar unterscheiden sie sich charakterlich immer noch, jedoch schlichten sie ihren Streit und beschließen, bald doch zu heiraten (vgl. V. 2392). Ihre Rollen als Gegenspieler, die sie am Anfang des Stücks noch einnehmen, lösen sich auf. Die charakterlichen Unterschiede, die bleiben, machen sie nicht zu Gegenspielern, da Ruprecht und Eve nicht mehr im Konflikt zueinander stehen. Außerdem sind die charakterlichen Differenzen nicht so gravierend wie bei Adam und Eve.

Der These, dass Eve die Gegenspielerin von Walter ist, ist ebenfalls teilweise zuzustimmen. Auf moralischer Ebene sind die beiden sich sehr ähnlich. Beide wollen die Wahrheit ans Licht bringen, Eve aus einem Gefühl des inneren Drangs und Walter, weil er sich durch seinen Beruf als Gerichtsrat, den er ernst nimmt, dazu verpflichtet hat (vgl. V. 97 ff, 1557). Beide sind Adam gegenüber negativ gestimmt, Eve wegen der sexuellen Nötigung sowie Erpressung und Walter, weil er Adams Art, das Recht zu praktizieren, nicht unterstützt (vgl. V. 1060 ff, 1073). Jedoch begegnen auch Eve und Walter sich vorerst als Gegenspieler, wenn auch nur auf rechtlicher Ebene. Eve ist die Klägerin bzw. Zeugin und Opfer, Walter der Gerichtsrat. Obwohl Walter Eve gut gesinnt ist, ist es seine Aufgabe zu prüfen, ob sie die Wahrheit sagt, und er scheut auch nicht davor zurück, sie zurechtzuweisen (vgl. V. 1210 f.). Im Variant wirft Walter Eve außerdem vor, dass der Prozess deutlich schneller oder ganz vermeidbar gewesen wäre, hätte sie direkt die Wahrheit gesagt (vgl. V. 1924 ff.). Jedoch entwickelt Walter schnell Mitgefühl für sie, nachdem er die ganze Geschichte erfahren hat, und vergibt ihr: „Wie zu so viel, stets tadelnswerter, Schritten – Ich sage tadelnswert, wenn sie auch gleich verzeihlich sind […]“ (V. 2306f.). Außerdem erklärt er ihr, dass Adam bezüglich Ruprechts Dienst in Asien gelogen habe (vgl. V. 2308 ff.). Als Eve ihm nicht glaubt, gibt er ihr sogar Geld, damit sie Ruprecht ganz freikaufen kann, sie lehnt jedoch letztendlich ab und schenkt Walter ihr Vertrauen (vgl. V. 2372 ff.). Anschließend verspricht Walter, Ruprecht einen guten Platz im Militär zu verschaffe und lädt sich auf Eves und Ruprechts Hochzeit ein (vgl. V. 2385 ff.). So werden auch ihre gerichtlichen Gegensätze beendet. Walter und Eve sind sich charakterlich sehr ähnlich, und nachdem Walter Eve für ihr anfängliches Schweigen vergeben hat, entsteht eine gegenseitige Toleranz und Akzeptanz. Daher würde ich nicht zustimmen, dass Walter und Eve Gegenspieler im Hinblick auf „die gesicherte Ordnung der Welt und des Konzepts der absoluten Gerechtigkeit des Gerichts (Z. 19f.) sind. Sie haben beide das gleiche Ziel, nämlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, und stehen sich nur in ihren Rollen vor Gericht entgegen. Zwar muss Walter Eve Zugeständnisse machen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, doch das zeugt nicht von ihren andauernden Rollen als Gegenspieler, sondern von dem Verhältnis zwischen Adam und Eve, da dieser ihr Vertrauen missbraucht hat. Eve und Walter sind also zu Beginn des Dramas Gegenspieler im rechtlichen Sinne, sind sich jedoch moralisch sehr ähnlich, nur verschieden motiviert. Ein andauernder Unterschied herrscht hier nur zwischen ihren Motivationen, das Richtige zu tun.

Die letzte These der Autorin ist, dass sich das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau verschiebt, als Walter Eve nach einem Kuss fragt (vgl. V. 2377 ff.). Ruprecht bezieht die Frage zwar auf sich und antwortet für Eve, was zeigt, dass das ursprüngliche Machtverhältnis noch nicht vollständig beseitigt wird. Doch die Frage Walters bildet einen Kontrast zu Adam, der sich ungefragt Zutritt in Eves Privatsphäre verschafft hat und steht symbolisch für den Sieg über Adam. In dieser These stimme ich Luise Grabolle zu.

Insgesamt ist der These Grabolles, dass Eve die Gegenspielerin von Walter, Adam und Ruprecht ist, teilweise zuzustimmen. Obwohl Eve ein junges Mädchen ist, hat sie es als Gegenspielerin Adams geschafft, ihn zu enttarnen. Anfangs kann sie als Gegenspielerin Ruprechts gesehen werden, was sich jedoch im Laufe des Prozesses legt und in einer Versöhnung endet. Ihre charakterlichen Unterschiede bilden keinen gravierenden Konflikt mehr. Die Gegenspielerin Walters ist Eve zu Beginn nur rechtlich, da sie schon immer das gleiche Ziel haben. Nach einem Gespräch wird dieses Gegenspiel größtenteils beendet. Gegenspieler sind sie nur noch in ihren verschiedenen Motivationen, die Wahrheit zu finden, und ihrem unterschiedlichen Bildungsstand. Im Sinne der gesellschaftlichen Ordnung ist Eve jedoch während des Prozesses die Gegenspielerin aller drei, da sie es als junges Mädchen geschafft hat, drei Männern gegenüber standhaft zu bleiben und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Weitere Deutsch-Abi-Materialien zu „Der zerbrochne Krug“

Heinrich von Kleist: „Der zerbrochne Krug“ – kostenloser Deutsch-Abi-Crashkurs, Link: https://www.schuelerzeitung-tbb.de/heinrich-von-kleist-der-zerbrochne-krug-kostenloser-deutsch-abi-crashkurs/

Inhalt in Briefform (kurz zusammengefasst, ungefähr eine Textseite): https://www.klausschenck.de/ks/downloads/f40-07-neu-kleist-zerbrochner-krug-inhaltsanga.pdf

Interpretation in Briefform (kurz zusammengefasst, ungefähr eine Textseite): https://www.klausschenck.de/ks/downloads/f40-08-neu-kleist-zerbrochner-krug-interpretat.pdf

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Der „Wenn“ und der „Hätt“ henn noch nie was g´hätt.

Klaus Schenck

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Klaus Schenck, OSR. a.D.
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Über den Autor

Klaus Schenck unterrichtete die Fächer "Deutsch", "Religion" und "Psychologie". Er hatte 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 1.500 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Interessierte öffnet.

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