„Annotopia“ – Weg zur Selbsterkenntnis: Wer würdest du gerne sein?

Ein kurzer Vorspann zur allgemeinen Einordnung von „Annotopia“, entnommen den „Fränkischen Nachrichten“ (4.5.2026): „Elfen, Orks, Piraten, Endzeitgestalten, Steampunk-Figuren, römische Legionäre und zahlreiche kostümierte Besucher prägten am Wochenende das Bild rund um das Residenzschloss Bad Mergentheim. Von Freitag bis Sonntag machte das Fantasy-Festival Annotopia erneut Station in der Kurstadt … Annotopia verbindet mehrere Veranstaltungsformen: Festival, Markt, Musikprogramm, Straßentheater und Rollenspielatmosphäre. Das Residenzschloss wurde nicht nur als historische Sehenswürdigkeit wahrgenommen, sondern als große Bühne für eine Fantasiewelt, in der professionelle Darsteller, Musiker, Händler, Lagergruppen und kostümierte Besucher gemeinsam das Bild bestimmten.“

Beim Betrachten der Fotos machte ich mit mir ein kleines Psycho-Spiel: Welche der „Annotopia“-Gestalten wärest du am liebsten und welche käme für dich nicht in Frage?

Die grünen Figuren aus der Filmreihe „Shrek“, die in hoher Kindersprache – wie aus der „Haribo“-Werbung die Erwachsenen – sprechen und einen auf Kindlich/Kindisch machen, auf jeden Fall nicht. Auf einem Fantasie-Fahrzeug gemütlich über die Anlage tuckern und altväterlich winken, auch nicht. Und auch das vornehme Reisepaar vor hundert Jahren fällt raus. Alle zu lieb!

Ich bin eher still und zurückhaltend. Es geht aber nicht darum, wie ich bin, sondern darum, was mich spontan anspricht – mag es anständig sein oder nicht, das in einem Verborgenen ist meist eher gegensätzlich, man spricht nicht darüber, man verschweigt es, aber es ist doch psychisch wirkkräftig. Was mich spontan ansprach, war der kleine Junge auf dem Mini-Gefährt, der wie blöd über die Parkanlage raste, da wäre ich als Kind sofort dabei gewesen. Also, die Richtung ist gewiesen – wild und laut.

Orks – nein, dazu bin ich zu klein und schmächtig, nein, diese dumpfen, bösartigen, dunklen Gestalten aus der Tolkien-Welt sprechen mich null an, da stehe ich ganz langweilig bei „Herr der Ringe“ auf Seiten der Guten, der Freunde. Nur dumpf reinschlagen, das ist auch nicht mein Ding. Also fällt vieles bei „Annotopia“ weg.

Und nun habe ich in mir meine Lieblingsszene entdeckt, auch wenn sie vom letzten Jahr, also 2025, stammt:

Auf einem Motorrad sitzen, rumballern wie dumm, die Räder durchdrehen lassen, dass es nur so raucht, ich, der Held, der coole Typ, Rambo artig, der mal kurz aufräumt, wenn man ihm blöd kommt.

Ich schaue mich bei den „Wasteland Warriors“ um: hier die ungemein auf Echt gestalteten Materialien, aber auch die „wenigen Menschen, die die Apokalypse überlebt haben und nun zerrissen, zerschlissen als letzte Kämpfer vor sich hinvegetieren“, Endzeitszenario, zelebrierte Dystopie. Jetzt mal ehrlich, passe ich für die drei Tage „Annotopia“ zu diesem Menschenschlag, ich, der Oberstufenlehrer, der kein Bier trinkt, das Schreiben in der Stille liebt, die Reflexion, das Nachdenken beim Lesen. Also, das mit dem Rambo wird‘s wohl auch nicht werden. Zum coolen Helden gehört etwas mehr, aber auf jeden Fall mal einen Motorradführerschein.

„Annotopia“ ist mehr als ein billiges Kostümfest, es ist bei den aktiven Teilnehmern ein Ankommen bei sich, eins sein mit sich, wofür in unserer auf Sicherheit und Rationalität getrimmten Gesellschaft wenig Platz ist. Und diese Menschen am Residenzschloss machen sich ungemein viel Mühe, stundenlang, bis alles am Kostüm passt, das Outfit echt rüberkommt, um so in eine fremde Welt – „Utopia“ auf Griechisch: „Nicht-Ort“ – einzutauchen, der für diese drei Tage ihr „Glücks-Ort“ wird, in dem man viele „Annotopia“-Gefährten trifft, sie herzlich begrüßt, sich umarmt und neu verabredet. Und noch etwas fällt auf: Alle sind zueinander wie Freunde, ob Ork, Warrior, liebenswerte „Shrek“-Figuren oder altväterlich winkende Fahrzeuglenker, es ist eine „Ge-mein-schaft“, in der viele unterschiedliche Ichs zu einem verbindenden Wir werden, das besagt die Wortanalyse von „Gemeinschaft“, und diese Gemeinschaft spürt man hier.

Ich war fasziniert von der Phantasievielfalt, dem ungemeinen Mühen um „Echtheit“, der Herzlichkeit des Miteinanders. Das ist aber nur das eine, das andere sind die komplett gegensätzlichen Figurenwelten, die klar für eine bestimmte Richtung stehen, wie wir sie in dieser Klarheit im konkreten Leben nicht treffen, Utopia als gesellschaftlicher „Nicht-Ort“. Auf der „Annotopia“ können wir klar entscheiden für dies, gegen jenes. Am Ende kennen wir unsere versteckten Sehnsüchte, unsere nicht zugestandenen Wünsche. Was wir daraus in unserem realen Leben dann machen, bleibt jedem von uns selbst überlassen.

Auch 2027 soll es in Bad Mergentheim am Residenzschloss wieder den Event „Annotopia“ geben, und zwar Mitte April, aber der offizielle Termin ist noch nicht raus.

Artikel und Fotos: Klaus Schenck

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