Für Deutsch-Abi-Gestresste

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Liebe Schülerinnen und Schüler,

„Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden“, Theodor W. Adorno. Ich biete euch in dieser kurzen Briefform Ansätze, Ideen, aber nicht eine in sich komplett schlüssige Interpretation, eine solche hat niemand. Eine kleine Ermutigung: 2008 unterrichtete ich zum ersten Mal Kafka: „Der Prozess“, ich begrüßte meine 13. mit den Worten: „Ich blick‘ das Werk auf keinem Auge!“, Erstaunen der Schüler, und es wurde eine der faszinierendsten Unterrichtseinheiten, weil wir das komplett unklare Werk zu unserem Weg durch das Werk machten, jeder grübelte mit und keiner sagte: „Ich hab’s!“ Auch nicht der Lehrer! Lasst euch auf „Die Verwandlung“ ein und findet euren Weg, mehr könnt ihr nicht finden!
Gregor wacht auf – und liegt als Mistkäfer, biologisch wohl am ehesten als stinkender Totenkäfer, im Bett und kann sich nicht mehr richtig auf die Seite legen. Er reflektiert aber nicht, ein Ungeziefer zu sein, sondern er verflucht nur seinen verhassten Beruf als Vertreter für Tuchwaren. Das Bett ist warm und dann malt der Käfer sich noch aus, dass er am liebsten kündigen würde. Eigentlich total daneben, denn als Käfer hat er gerade gekündigt. Hier will jemand nicht mehr und steigt aus. Soziologische Deutung: Gregor, der Reisende, verweigert sich mit seiner Verwandlung der beruflichen Ausbeutung durch seinen Chef, durch das gesamte Kontrollsystem. „Der Mensch, dem jede Selbstverwirklichung versagt ist, verkommt zum Ungeziefer.“ (Sautermeister).
Wo bekommt Kafka die Idee zu dieser Novelle? „Im Bett, nach dem Erwachen. Es war der 17. November 1912, ein Sonntag. Kafka hatte keine Lust, sich zu erheben, er hatte zu überhaupt nichts Lust.“ (Stach). Vom Vater verachtet, in der Familie missverstanden, von der Geliebten Felice Bauer keinen Brief bekommen, er hat Selbstmordgedanken, wie er es seinem Freund Max Brod offenbart. Mistkäfer-Gefühle: Das bin ich, das ist meine Existenz. „Nun liege ich aber hier auf dem Kanapee, mit einem Fußtritt aus der Welt geworfen.“ (Tagebucheintrag, November 1911)
Biografische Spur: die vielfältigen Parallelen zwischen Kafka und Gregor, also eine Form der Autobiografie, teilweise sicherlich, aber nur teilweise! Kafka wohnt noch bei seinen Eltern – mit 29 Jahren als promovierter Jurist in einer Versicherung. Vater-Sohn-Konflikt in schlimmster Form: „Ich war ja schon niedergedrückt durch deine bloße Körperlichkeit … Ich mager, schwach, schmal, Du groß, breit.“ („Brief an den Vater“) Kafkas Vater vergleicht Menschen mit Ungeziefer, um sie herabzuwürdigen. So beschimpft der Vater Kafkas Freund Löwy, einen Schauspieler, als „Ungeziefer“ „und sah offensichtlich die Gemeinsamkeit von Löwy und Ungeziefer im parasitenhaften Dasein des Künstlers und des Ungeziefers.“ (Klett) Kafkas Künstlertum, sein Schreiben, sein ganzes Wesen war dem Vater mehr als zuwider – und so wird Gregor zu einem Ungeziefer in „Die Verwandlung“. Das Kind Franz wird ungemein geängstigt, als der Vater schreiend um den Tisch herumläuft und tut, als wolle er ihn fangen. Auch Gregor wird von seinem Vater um den Tisch herum verfolgt. Kafka schreibt, er sei vor dem Vater komplett verstummt, da er ihm jede Widerrede verboten habe. Auch der Käfer Gregor kann sich nicht mehr verständlich machen. Das Zimmer von Kafka und das Zimmer von Gregor liegt vom Wohnungsgrundriss an der gleichen Stelle – im Zentrum der Wohnung.
Gehen wir einen Schritt weiter und kommen dennoch gleich wieder zur Autobiografie zurück: Verwandlungsmärchen kennt ihr von den Brüdern Grimm. Es wird der Grund der Verwandlung und der Verursacher genannt, also eine Hexe, eine böse Schwiegermutter, ein Zaubertrank, eine Bestrafung, am Ende kommt es zu einer Rückverwandlung meist durch die treue Schwester oder eine junge Frau und dann wird die oder der Böse bestraft, siehe „Brüderchen und Schwesterchen“. Bei Kafka fehlt ein Grund, weshalb Gregor ein Käfer wird, es geht Kafka um das Schicksal des Verwandelten und die Reaktion seiner Familie, seiner Umgebung darauf. Aber ein anderer Punkt ist gravierender: die Position der Schwester, der bewusst gesetzte Kontrast zu jedem Verwandlungsmärchen. Sie, die vorher so fürsorgliche Schwester, verurteilt letztendlich ihren Bruder zum Tode („Weg muss es“, S. 57), dieser nimmt es an und stirbt. Und natürlich gibt es keine Rückverwandlung, folglich ist „Die Verwandlung“ ein Anti-Märchen.
Und nun der biografische Bezug: Kafkas Lieblingsschwester ist Ottla, die Jüngste, neun Jahre jünger als Kafka, sie ist seine Vertraute, sein einziger Bezugspunkt zu seiner Familie. Es gibt einen Familienkonflikt im Oktober 1912 wegen der familiären Asbestfabrik. Ottla steht diesmal auf der Seite der Familie und gegen Kafka. Dieser sei schuld an der körperlich schlechten Verfassung des Vaters. Kafka hält sich für alles schuldig, grundsätzlich schuldig, besonders gegenüber seinem Vater, auch seine eigene Tuberkulose betrachtet er als die gerechte Strafe für sein Schuldigwerden, das ist Kafkas wundester Punkt, und nun ist es ausgerechnet seine Lieblingsschwester, seine Vertraute, die ihn schuldig spricht, die ihm in den Rücken fällt. „Ihre Abkehr bedeutete endgültige Ausstoßung, ein neuerliches ‚Urteil‘, dessen verheerende Wirkung sich wenige Wochen später zum geschwisterlichen Bannfluch der VERWANDLUNG verdichten sollte.“ (Stach) Und im November 1912, also wenige Wochen später, beginnt Kafka mit „Die Verwandlung“.
Und noch etwas ist euch vielleicht aufgefallen: 1912 ist genau die Zeit der geschäftlichen Misserfolge und der Krankheit von Kafkas Vater. Bei einem geschäftlichen Ruin oder bei einer Verschlimmerung der Krankheit hätte Franz Kafka an die Stelle des Vaters treten müssen, was bedeutet hätte, seinen gesamten Lebensstil, eigentlich alles zu ändern. Gregor hat seine militärische Karriere aufgeben müssen, um anstelle des Vaters für den Lebensunterhalt der Familie aufzukommen. Diese Parallele springt einem als Parallele und als Kafkas Befürchtung, ausformuliert in dieser Novelle, ins Auge.
Nun noch der letzte Punkt: Der Käfer, das Ungeziefer kann auch als Metapher für das Judentum gedeutet werden. Kafka ist Jude und beschäftigt sich intensiv mit der Möglichkeit einer Auswanderung nach Palästina. In einem Brief an seine Geliebte Milena Jesenská schreibt Kafka: „Ist es nicht das Selbstverständliche, dass man von dort weggeht, wo man gehasst wird? … Das Heldentum, das darin besteht, dort zu bleiben, ist jenes der Schaben, die auch nicht aus dem Badezimmer auszurotten sind.“ Der Jude, das Ungeziefer, das Untier, letztendlich das Zeug, das „entsorgt“ werden kann, vielleicht sogar muss. Es klingt wie ins Heute gesprochen, so aktuell. Mit dieser Sicht zum Judentum wäre Kafka extrem hellsichtig, fast schon prophetisch gewesen. 1942: Tod der Schwestern Elli und Valli im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), 1943 Tod der Schwester Ottla im Vernichtungslager Ausschwitz, 1944 Tod Milena Jesenskás im Konzentrationslager Ravensbrück. Franz Kafka starb 1924, in Blick auf seine Schwestern ist ihm viel Unmenschliches erspart geblieben.

Ich habe euch nun verschiedene Interpretationsansätze kurz benannt, ausführlich werde ich sie in meiner Interpretationssendung auf YouTube darstellen. Sucht nach euren Schwerpunkten, euren Ideen, euren Ansätzen, die ihr am Text belegen könnt und macht die literarische Fremde zu eurer Vertrauten mit euren Anfragen an euer Leben, an eure Zukunft!
Klaus Schenck
Gesamter Ordner mit allen Materialien und Links zu Kafka: „Die Verwandlung“: https://www.schuelerzeitung-tbb.de/franz-kafka-die-verwandlung-kostenloser-deutsch-abi-crashkurs/

