Für Deutsch-Abi-Gestresste

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Interpretation in Briefform für ein besseres Verständnis des Romans
Liebe Schülerinnen und Schüler,

„Warum hört die Reue nicht auf? Das Schlußwort bleibt immer: Ich könnte leben und lebe nicht,“ aus einem Kafka-Brief an seinen Freund Max Brod 1922, also zwei Jahre vor seinem Tod. Franz Kafka – der Schuldige, der lebenslang Schuldige an der eigenen Existenz, der ständig Schuldige vor seinem Vater, für ihn höchste Instanz. Dessen Männlichkeitsbild: Ein „wahrer Mann“ frisst, säuft, hurt, kann salutieren, kann marschieren – und sein Sohn: „ä Hämädle“, beim Militär ausgemustert, der Vater: „ein Bierkutscher“, einer, der sich vom Hausierer hochschuftete zu einem Kaufmann mit eigenem Geschäft, ein Kraftstrotz, ein Härtetyp, der alle anderen zusammenbrüllte, vernichtete, letztendlich ein „Bierkutscher“ blieb. Der Sohn – eine einzige Enttäuschung. Am deutschsprachigen Gymnasium in Prag nur mittelmäßig, ständig von Versagensängsten geplagt – seine Unfähigkeit, sein Unwissen werde sicherlich eines Tages ans Licht kommen – die Drohungen des Vaters. Je höher in der Schule, je mehr ein verängstigter „Schülerkrüppel“, während sein Vater vom Leben nichts geschenkt bekam, aber dem Herrn Sohn flogen die gebratenen Tauben in den Mund, wie oft bekam der Sohn das zu hören. Darf studieren, Germanistik, Kunstgeschichte natürlich nicht, Jura musste es ein, der Sohn packte es, promovierte und übernahm nicht das groß gewordene väterliche Geschäft – Enttäuschung pur, Wut und Verachtung. Kafkas Karriere als Jurist in der „Arbeiter-Unfallversichungs-Anstalt“, seine ständigen Beförderungen, wen interessiert’s, den Vater sicherlich nicht. Dann schreibt der Sohn auch noch Geschichten, Erzählungen, Romane – mein Gott, und wenn er wieder was geschrieben hatte, brachte er es dem Vater, der beim Kartenspiel saß und nur sagte: „Leg’s zu den anderen Sachen auf den Nachttisch!“ Die nächste Versagensgeschichten des Sohnes: seine Frauen-Geschichten. „Wenn da eine nur mit ihrer Bluse ein wenig wedelt, denkst du, du müssest die gleich heiraten! Wenn du Probleme hast, geh ins Bordell, und wenn du zu ängstlich bist, ich begleite dich!“ Kafka war dreimal verlobt, dreimal entlobt – nie verheiratet: Versager, nicht mal ‘nen Familienvater packte er. Der existentielle Grund: Er fürchtete, keine Zeit mehr zum Schreiben zu haben, Schreiben war für ihn Leben, Schreiben alles, Schreiben die Befreiung vom Vater-Tyrannen, aber dann gab es noch das Leben, das Leben mit Frauen, die ihn begeisterten, inspirierten – und vom Schreiben abhielten, besonders Felice Bauer, seine erste Verlobte, die bei ihm zu langen Schreibblockaden führte. Kafka wollte beides: Schreiben und Leben, hatte er das eine, wollte er das andere – schuldig an einer Seite immer!
Bleiben wir bei Felice Bauer. Verlobung mit Kafka Mai 1914 – Kafka in sein Tagebuch: „gebunden wie ein Verbrecher…, mit Ketten an einen Winkel gesetzt.“ Entlobung Juli 1914 (das gleiche Spiel wiederholte sich Juli 1916 nochmals mit ihr). Kafka wird ins Hotel „Askanischer Hof“ nach Berlin beordert und ihm wird der Prozess gemacht – vor Familienmitgliedern und Freunden. Felice Bauer zitiert aus intim emotionalen Briefen Kafkas an ihre Freundin Grete Bloch, eigentlich war sie als Brücke zwischen Kafka und Bauer gedacht, Kafka lief sich aber in dieser Zeit an ihr warm und sie gab dann diese Briefe ihrer Freundin Felice und für sie war nun der Ofen aus – Entlobung und Prozess in familiärer Öffentlichkeit. Kafka schweigt, lässt alles über sich ergehen, kehrt nach Prag zurück – voll Schaffensfreude und Glück und beginnt im August 1914 sein Romanfragment „Der Prozess“.
„Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“, der berühmte Beginn von „Der Prozess“. Und nun fragt ihr euch, worin seine Schuld lag. Wie kann man das einen fragen, der die Ohrfeige schon spürt, bevor er überhaupt etwas getan hat, einen, der das Schuldigsein verinnerlichte, nichts anderes – und das von allen Seiten – kennt als: schuldig! Und in der Tat, er tut eigentlich nichts Böses, und wenn ihn jemand verleumdet hat, dann wohl er selbst, sein Inneres, sein Bild von sich. Nebenbei, hätte jemand zu Kafka gesagt: „Ihre Werke werden dereinst zur Weltliteratur gehören, Schüler an Gymnasien werden sie lesen (müssen),“ Kafka hätte nur ungläubig gelacht und achselzuckend gemeint: „Hier liegt wohl eine Verwechslung vor!“ Kafka hielt nichts, absolut nichts von seinen Werken, er schrieb nicht für ein Publikum, für eine Leserschaft, er schrieb für sich, für sich allein, nachts, um leben, um überleben zu können in einer Welt, die ihn permanent schuldig sprach und der er nirgendwo gerecht werden konnte. Es waren die anonymen Mächte in ihm – verkörpert von Josef K. Das Gericht, diese Mischung aus Schmutz und Sex, aus stickiger Luft, Dunkelheit und gebrochenen Menschen, dieses Gericht, an das er selbst nicht kommt, auch nicht in der Türhüter-Legende, dieses Gericht lässt ihn ahnen, wissen: „… das Verfahren geht allmählich ins Urteil über,“ so der Gefängniskaplan, Urteil und Hinrichtung stehen bevor.
Im Juli 1914 feierte Kafka seinen 31. Geburtstag, am Vorabend seines 31. Geburtstag führt Josef K. seine Henker zur Hinrichtungsstätte im Steinbruch, abgestochen wie ein Schwein, anstatt sich das Fleischermesser selbst einzustoßen, er versagt wieder, seine Schande wird ihn überleben, Josef K. endet „wie ein Hund“, doch Franz Kafka wird leben, wird überleben, er hat schreibend sich überleben lassen, er wird weitere Verlobungen eingehen, an weiteren Entlobungen sich schuldig fühlen, schreiben, viel schreiben, Weltliteratur schaffen und für Momente mit der wilden, unkonventionellen Milena Jesenská, dem „It-Girl“ ihrer Zeit, sie 23, er 36, „on fire“ sein: „Du bist das Messer, das ich in mir selbst wende; das ist Liebe.Das, meine Liebe, ist Liebe. “ Sie verheiratet, er schwer lungenkrank. Wieder nur ein kurzes Glück!
Seine letzte Geliebte: Dora Diamant, eine 26-jährige Polin, sie arbeitete als Kindergärtnerin in einem jüdischen Volksheim in Berlin und stand dem an Kehlkopf-Tuberkulose schwer Erkrankten bei – bis zu seinem Tod am 3. Juni 1924. Und damit endet auch Kafkas „Prozess“ mit sich selbst, mit seinem „nicht gelebten Leben“, die Tuberkulose war dafür und für alles andere auch die gerechte Strafe – so Kafka.
Mit diesem „Brief“ biete ich keine Interpretation von „Der Prozess“, es gibt nicht die eine Interpretation, es gibt viele – von euch, von eurem eigenen Leben, eurer eigenen Biografie abhängig. Was ich aber bieten wollte, war ein Verständnis für den „Prozess“, auch für den Prozess, den Kafka sich stets machte und dabei sich stets als schuldig verurteilte. „Der Prozess“ ist mehr als Kafkas Biografie, er ist ein eigenständiges Werk von enormer Wucht in seinen exakten Beschreibungen, insbesondere des Gerichtes, das wir nicht erfassen, ihm nicht nahekommen – genauso wenig wie Josef K.

Als Abschluss Milena Jesenská: Nachruf auf Franz Kafka, 1924:
„Es kannten ihn hier nur wenige, denn er war ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch… Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft. Er sah die Welt von unsichtbaren Dämonen, die den schutzlosen Menschen bekämpfen und vernichten.“
Und Kafkas Botschaft an uns: „Beuge dich nicht; verwässere es nicht; versuche nicht, es logisch zu machen; korrigiere deine Seele nicht der Mode.“
Artikel: Klaus Schenck
✨ABITUR-Hessen: Aktuelle Pflichtlektüre: Franz Kafka: „Der Prozess“ – „Was ihr schon immer über Kafka wissen wolltet: Frauen – Sex – Psyche



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Für ukrainische Jugendliche habe ich meine Internetplattform zur Verfügung gestellt. Gleiches wollte ich jüdischen Jugendlichen anbieten und mailte alle jüdischen Gymnasien an – bis jetzt ohne Antwort. Mir wäre wichtig gewesen, jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen. Ich stelle das „Deutsch-Abi-Wochenblatt“ für Oberstufenschüler kostenlos auf meiner Homepage jeden Montag ein, schreibe für das städtische Mitteilungsblatt und ein Infoblatt in Arosa und als Pressewart für unseren Tennisclub. Alles nichts Weltbewegendes, aber es ist ein konkretes Tun, ein konkretes Engagement, ein konkreter Dienst für andere. Das nimmt mir das sinnlose Grübeln, Ängstigen und Verzweifeln an einer Welt, der ich mich hilflos ausgeliefert fühle.
Meine vier Schritte: Träumen, Wollen, Tun, Bekommen!
Der „Wenn“ und der „Hätt“ henn noch nie was g´hätt.
Klaus Schenck

📌 Kostenlos jeden Montag – mir zur Freude, euch zur Hilfe!
