„Sie sind wohl Lehrer“, sagte vor kurzem ein Berliner Universitätsprofessor auf einer Reise zu mir. „Sie sprechen wie die Schüler, aber Ihre Aufgabe wäre es, die Schüler zu Ihrer Sprache zu heben und nicht zu der Schülersprache hinabzusteigen!“ Dieser Vorwurf traf mich ins Mark. In mir hallte ein Satz aus einem Radio-Vortrag über Hannah Arendt wider: „Wer selbst nicht mehr so recht weiß, wo er hingehört, taugt schlecht, um der nachfolgenden Generation den Weg zu weisen und sich ihr als Partner anbieten zu können.“

Ich wurde nachdenklich. Selbstkritisch ließ ich meine versteckten Sehnsüchte, meinen Schulalltag Revue passieren. Sind wir Versager? Wir machen uns zu Versagern, weil wir uns als Erwachsene den Schülern versagen!
Wir gieren wie Süchtige nach dem Lob der Schüler und lassen uns ihren Lebensstil aufdrücken. Forderungen nach Spaß-Schule, „fun“-Unterricht, welch irre Erwartungen an eine Schule; Spaß-Schule, ein Widerspruch in sich und doch, wir sind so verführbar, uns feige diesem Kriterium der Schüler unterzuordnen, um dann als „mega-cooler“ Lehrer gelobt zu werden.
Wir versagen als Lehrer, weil wir oft versuchen, uns als Freunde den Schülern an die Brust zu werfen, anstatt es als Erwachsene auszuhalten, nicht mehr zur Jugend zu gehören. Wir äffen nicht nur ihre Sprache nach, wir kleiden uns wie sie und sind mächtig stolz, wenn uns die Schüler auf die Schultern klopfen und uns als die ihren betrachten, wenigstens für einige Momente.
Wir versagen als Schule, weil wir unfähig sind, eine gemeinsame Erziehungslinie zu finden und diese dann auch durchzuziehen. Wir lassen uns ausspielen von den Schülern und viele von uns brechen bewusst gemeinsam getroffene Disziplinar-Abmachungen aus den unterschiedlichsten Gründen: „Einschleimertum“ bei den Schülern, Faulheit, Resignation oder fehlende Autorität. Wir sind der Spiegel der Gesellschaft: Wie diese unfähig zu klaren Erziehungsvorstellungen ist, so sind wir nicht in der Lage, selbst einen minimalen Erziehungskonsens zu leben.
Wir versagen in einer Gesellschaft, die aberwitzige Anforderungen an uns stellt – Aufgaben, für die wir nicht ausgebildet wurden. An manchen Orten verkommt Schule zu einem sozialtherapeutischen Aufbewahrungsort für junge Menschen, wobei man schon so weit resigniert hat, dass man gar keine große Wissensvermittlung mehr anstrebt, sondern nur noch fehlendes Sozialverhalten korrigiert.
Wir versagen aufgrund von Elternhäusern, die weder bergendes Haus noch erziehende Eltern bieten. Wir werden zerrieben zwischen Eltern, die sich vollkommen mit ihren Sprösslingen identifizieren und diese von einer Aktivität zur anderen hetzen, und Eltern, die ihre Kinder in absoluter seelischer Verwahrlosung vor sich hinvegetieren lassen, folglich auf Schule mit vollkommener Gleichgültigkeit reagieren.
Wir versagen aufgrund von bürokratischen „Schuloberen“, die uns nicht mehr die Sicherheit einer Fürsorgepflicht geben, so dass in uns die stete Angst ist, im Zweifelsfall allein und verlassen vor dem Schul-Kadi zu stehen.

Wir versagen, weil wir uns oft als wehleidige Waschlappen in der Öffentlichkeit darstellen, zu Klageweibern der Nation gerieren, anstatt in Selbstachtung, Stolz und Würde vor Schüler und Eltern zu treten, selbstbewusst unsere großen Leistungen, die wir Tag für Tag alle erbringen, zu präsentieren. Wir jedoch nehmen unsere eigenen Leistungen nur noch bekrittelnd und voll Selbstmitleid wahr.
Trotz allen Scheiterns, trotz aller Probleme: Wir, die Engagierten, wir sind keine Versager! Ich erbringe jeden Tag einen meist erfolgreichen Einsatz für meine Schüler, für die Gesellschaft, der mich mit Freude erfüllt, auf den ich stolz bin. Zusammen mit meinen Schülern schaffe ich oft Top-Leistung und Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch! Sagen wir es doch endlich!
Artikel: Klaus Schenck, 2026 (geschrieben: 2000!)
Erstveröffentlichung: „Rheinischer Merkur“, Februar 2001, Link: https://www.klausschenck.de/ks/downloads/11lehrerbrief.pdf
Artikel-Reihe zur Landtagswahl 2026: Ich klage an 🏫 – Schulrealität aus Lehrersicht

- 2. „Meine bipolaren Berufsschüler – manisch im Betrieb, depressiv in der Schule?“: https://www.schuelerzeitung-tbb.de/meine-bipolaren-berufsschueler-manisch-im-betrieb-depressiv-in-der-schule/
- 1. „Faule Säcke aller Länder – werdet Lehrer in Baden-Württemberg!“: https://www.schuelerzeitung-tbb.de/faule-saecke-aller-laender-werdet-lehrer-in-baden-wuerttemberg/
Für Deutsch-Abi-Gestresste

📢 „Das Wochenblatt des Deutsch-Abiturs“ – kostenlos + regelmäßig jeden Montag: aktuelle Abi-Lektüre, Oberstufenlektüre, psychologische Kurzsendungen und dosiert weitere Materialien: wenige Worte/Sätze mit jeweiligen Links → schneller Überblick. Der Schwerpunkt der „Abi-Wochenblätter“ liegt auf YouTube-Sendungen mit Manuskripten. Der jeweilige Link führt zur entsprechenden Ausgabe. Link: https://www.schuelerzeitung-tbb.de/das-wochenblatt-des-deutsch-abiturs-einzelne-ausgaben-durchnummeriert-mit-erscheinungsdatum-und-den-abi-werken-plus-themen/
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Für ukrainische Jugendliche habe ich meine Internetplattform zur Verfügung gestellt. Gleiches wollte ich jüdischen Jugendlichen anbieten und mailte alle jüdischen Gymnasien an – bis jetzt ohne Antwort. Mir wäre wichtig gewesen, jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen. Ich stelle das „Deutsch-Abi-Wochenblatt“ für Oberstufenschüler kostenlos auf meiner Homepage jeden Montag ein, schreibe für das städtische Mitteilungsblatt und ein Infoblatt in Arosa und als Pressewart für unseren Tennisclub. Alles nichts Weltbewegendes, aber es ist ein konkretes Tun, ein konkretes Engagement, ein konkreter Dienst für andere. Das nimmt mir das sinnlose Grübeln, Ängstigen und Verzweifeln an einer Welt, der ich mich hilflos ausgeliefert fühle.
Meine vier Schritte: Träumen, Wollen, Tun, Bekommen!
Der „Wenn“ und der „Hätt“ henn noch nie was g´hätt.
Klaus Schenck

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