
„Glauben Sie, nach 17 Uhr habe ich noch Bock, eine Verbesserung der Deutsch-Klassenarbeit anzufertigen?“ Berufsschule: Industrie/Büro/Bank, Deutsch. Für den Unterricht abgegebene Vorlage, kopiert für die ganze Klasse, strotzt vor Kommafehlern, Kommentar: „Das ist doch nur Schule, das ist doch nur Deutsch, das interessiert doch nicht, in meinem Betrieb mache ich das schon richtig!“ Von wegen, das mache ich schon richtig. Er hat es nicht drauf, er kann es nicht, er will es nicht und es ist ihm auch schnurzegal. Seine Geschäfts-Briefe oder -Mails sind Geschäftsschädigung und nur noch peinlich – für den Betrieb, die Firma!

Angehende Büro-Menschen! Eine Welle der Gleichgültigkeit schwappt mir entgegen. Die Engagierten schweigen, die Desinteressierten motzen. Es wird gerechnet, gewogen, kalkuliert, kein Gramm zu viel Engagement, keine Sekunde zu viel für Schule und Ausbildung. Mini-Engagement, Mini-Leistung, Mini-Einsatz – Maxi-Forderung, Maxi-Auftreten, Maxi-Gleichgültigkeit! Keine Rechtschreibung, keine Kommasetzung, keine Schreibfähigkeit, na und. Originalzitat: „Was soll’s, übernommen werden wir eh!“ Meine Berufs-Schülerinnen und -Schüler werden für einen Büro-Job, einen Service-Beruf ausgebildet: Kunden-Nähe, Kunden-Service, Kunden-Freundlichkeit – Deutschland, Service-Wüste! Bald: Deutschland, Service-Friedhof?

Bipolare Persönlichkeiten – Schokoladenseite für den Betrieb, ehrliche für uns? Engagement für den Bewertungsbogen, Desinteresse für die Schule? Nix können, nix wissen, nix druff, wo ist das Problem? Ohne Komma, ohne Rechtschreibung, ohne Schreibfähigkeit – meine Freizeit stört das nicht! Mein Gott, Lehrer, führ‘ dich nicht so auf, das passt schon, mach dir nicht ins Hemd – Komma, Rechtschreibung, Schreibfähigkeit sind nicht mein Leben! Mein Betrieb geht deswegen nicht gleich kaputt, meine Firma deswegen nicht gleich pleite! Gleichgültigkeit in der Schule – Engagement im Betrieb, meine bipolaren Berufsschüler? Manisch-depressive Büro-Hengste und -Stuten, manisch im Betrieb – depressiv in der Schule, und das im Takt der Woche?

Vor Jahren am Tisch mit Ausbildern. Wir nahmen uns drei Stunden Zeit, wir sprachen nicht groß über Noten, wir sprachen über Verhalten und Einstellung. Ergebnis: Ausbildungsbetrieb und Schule zeigten überdeutliche Parallelen. Auf einen Nenner gebracht: die Engagierten der Schule waren die Engagierten des Betriebs, die „Laschis“ hier, waren die „Laschis“ dort!
Warum keine Zusammenarbeit: Ausbildungsbetrieb und wir? Sie beklagen die Situation, Sie vermissen Engagement, Sie kriegen die Krise über Unkenntnis und gleichgültiges Achselzucken! Konsequenz für uns beide: Zusammenarbeit!
Artikel und Fotos (szenisch gestalteter Vortrag der Schülerzeitung beim Rotary-Club Tauberbischofsheim mit anschließender Diskussion, 2015): Klaus Schenck, 2025
Erstveröffentlichung: „BLV-Magazin“, Berufsschullehrerverband, November 2015. Link: https://www.klausschenck.de/ks/downloads/g37-2015-blv-bipolarekbs-sk.pdf

