Liebe Schülerinnen und Schüler,

Felix – der junge Mensch von heute? Hochstapelei als Social-Media-Geschäftsmodell?

Felix wächst auf mit dem Ruf des Kindermädchens: „Achtung, hier kommt der Kaiser!“, und alle salutieren. Ich bin schön, ich hab’s drauf – wofür lernen, wofür Schule, wofür Fleiß? Mit seinen Mitschülern verbindet ihn nichts – Durchschnittswesen, angehende Spießer, wem’s nicht von Geburt gegeben, der wird es nie gewinnen: Felix, das Sonntagskind, Felix, der Überflieger aus eigener Vollkommenheit, Felix, der Rollenkünstler. Du bist gut, du bist toll, du bist ein Ausnahmemensch, so der Pate Schimmelpreester. Von niemandem in der Familie gefordert, von keinen Grenzen berührt, wächst Felix in einer Welt permanenter Bewunderung und Verlogenheit auf. Betrug als Erziehungsmethode – der kleine Felix als Geigenimitator im Kurpark, Idee des Vaters, nichts können, aber gut scheinen, das wird Felix‘ Lebensprinzip, die konsequente Fortführung seiner Kindheit.

Felix kennt keine Schuldgefühle. Gewissenlos schwebt er über den anderen. Ein Künstler ist den Normen des gemeinen Volkes enthoben, der Künstler kann durch Gesetze für „Krethi und Plethi“ nicht gerichtet werden. Felix stiehlt im Delikatessengeschäft, er ist ein gemeiner Dieb, doch wäre er empört, wenn jemand ihn einen Dieb nennte. Die Ausführung des Diebstahls ist von solcher Kunstfertigkeit, dass sie nur Bewunderung verdient, die Ausführung zählt und nicht die Tat.

„Erkenne dich selbst“, so das Orakel von Delphi, „glaube an dich“, so die Push-Parole Felix‘. Selbstvertrauen ersetzt jede Selbsterkenntnis. Identität ist die Festlegung auf sich, Rollenwechsel die permanente Freiheit, spontan das zu sein, was andere in einem sehen möchten, sich geschmeidig jeder Situation anzupassen, zu sein, wie es taktisch klug ist, wie es der Vorteil erfordert, wie es Gewinn verspricht. In Rollen ist Felix mit sich identisch, in sich selbst ist Felix sich fremd, ein Sein aus dem Schein auf andere und ein sich ständig variierender, ständig verändernder Schein, der zum Sein wird. Und das ist der Hochstapler.

Madame Houpflé sieht in Felix beim Beischlaf-Diebstahl den Gott Hermes. Sie macht ihn zu Hermes, zu ihrem Hermes, um einem Gott zu begegnen, sie benutzt Felix für ihre „Gotteserscheinung“ und sie sagt das auch unverblümt, für Felix jedoch ist es eine Seins-Erweiterung in den göttlichen Raum: Er, Verkörperung des schönen Gottes, der rastlos die Sphären durcheilt, dem alles in Leichtigkeit gelingt: charmant, galant, listig. Der Seelilien-Vergleich von Prof. Kuckuck stellt Felix in die Jahrtausende der Entwicklungsgeschichte, diese, so die Sicht Felix‘, habe nur ein Ziel, eine Vollendung, die Vollendung – Felix Krull. 

Felix‘ Kunst ist die der Wirkung, die Wirkung auf andere macht ihn zum Künstler. Kunst ist Wirkung und der Wirkungskünstler täuscht, um die anderen in eine Illusion hinein zu täuschen, die sie begehren, nach der sie gieren, die sie in diesem Augenblick glücklich macht, so das prägende Erlebnis mit dem Sänger Müller-Rosé. Felix, nicht nur Wirkungs-Künstler, sondern Diener der Wünsche anderer, Felix, der sich im Dienst für andere erschöpft – in seinem verfeinerten Sex, ein beglückendes Geschenk, nicht nur für Madame Houpflé, im Dienst für andere als Liftjunge, als Kellner und natürlich als Marquis de Venosta. Wer so im intensiven Dienst für andere steht, muss edel genannt und seine „Bekenntnisse“ verzeihend gelesen werden – so Felix.

Zurück zur Eingangsfrage: Wie fremd ist Felix der heutigen Zeit, heutiger Erziehungsmethoden, heutiger Instagram-Identitäten, heutiger Angst vor Festlegung, Bindung und Verpflichtung? Wie fremd ist er euch?

Klaus Schenck

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Klaus Schenck, OSR. a.D.
Fächer: Deutsch, Religion, Psychologie
Drei Internet-Kanäle:
Schul-Material: www.KlausSchenck.de
Schüler-Artikel: www.schuelerzeitung-tbb.de
Schul-Sendungen: https://www.youtube.com/user/financialtaime
„Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“/Bange-Verlag 2020:
Info-Flyer: http://www.klausschenck.de/ks/downloads/f02-buch-1.-flyer-ueberblick-internet.pdf
Überblicks-Ordner: http://www.klausschenck.de/ks/lehrerbuch/index.html

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