PSYCHOLOGIE

 

Während der Rest meiner Mitschüler noch im warmen Bett liegt, sitze ich schon kurz vor acht in den Pfingstferien (!) im Bus. Mein Ziel – Würzb1urg. Doch heute steht keine Shoppingtour auf dem Plan, nein, ich möchte die Universität Würzburg in einem Schnupperstudium kennenlernen, genauer das Fach Psychologie. Angekommen an der Residenz mache ich mich auf den Weg in ein Café, ich habe noch fast zwei Stunden Zeit, bis ich mich mit der Master-Studentin Carmen Schüller treffe, um meinen Tag als Studentin anzutreten. Falls ich in Würzburg studieren sollte weiß ich jetzt schon, dass ich mir eine Wohnung nehme. Die mit den Busfahrzeiten verbundenen Wartezeiten sind ja grauenvoll, was soll man nur die ganze Zeit machen!? Ich bin schon ganz aufgeregt, schaue mir den Lageplan noch zigmal mal – hoffentlich finde ich den geplanten Treffpunkt! Schließlich mache ich mich schon eine halbe Stunde zuvor auf den Weg, ich traue meinem weiblichen Orientierungssinn doch nicht ganz, und finde das Physiologische Institut sogar auf Anhieb! Mein erstes Erfolgserlebnis an diesem Tag. Ich habe immer noch zwanzig Minuten Zeit, doch ich lerne sogleich andere Schnupperstudenten für Psychologie kennen, sogar ein bekanntes Gesicht aus der KSTBB  ;-P .  Pünktlich um 9.45 Uhr erscheint auch Carmen, sie begrüßt uns freundlich und gibt uns die nötigen Informationen für die kommende Vorlesung.

Nachdem die Nachzügler endlich auch angekommen sind, machen wir uns auf den Weg in den Hörsaal. Zum Glück beginnt die Vorlesung erst um 10 Uhr c.t., also eine viertel Stunde später, wir schaffen es also noch rechtzeitig. Aber irgendwie 2habe ich mir das Gebäude doch etwas moderner vorgestellt, außerdem erinnerten mich die Gänge an ein Krankenhaus. Angekommen im Hörsaal bin ich etwas schockiert, kein Mensch ist da, wir Sieben sind die einzigen! Auf Nachfrage meint Carmen: „Das ist ganz normal, die Studenten kommen und gehen wann sie wollen, schließlich gibt es keine Anwesenheitspflicht wie in der Schule.“ Nach einigen Minuten trudeln aber doch viele Studenten ein, komischerweise nur weibliche, und die vorderen Reihen füllen sich. Kurz vor Beginn der Vorlesung, der Professor ist schon da, kommen auch einige Jungs und besetzten die hinteren Reihen des Hörsaals. Zu meiner Überraschung sind sehr viele Studenten anwesend, aber nach Carmens Aussage sei das immer so im Erstsemester. Alle seien noch motiviert, das lasse aber nach. So erkläre ich mir auch die fleißigen Mitschriebe auf Block, Laptop oder Tablet-PC. Ich kann dem Dozenten während der Vorlesung sogar ganz gut folgen, das einzige was mich stört ist das flimmernde Bild des Beamers, nach einer halben Stunde werde ich fast verrückt! Die Vorlesung in „Allgemeine Psychologie I“ geht über Größenkonstanz und Bewegungswahrnehmung – ist das Psychologie!? Ehrlich gesagt habe ich mich zuvor nicht viel über das Studium Psychologie informiert, nach der Vorlesung können wir Fragen stellen und es stellt sich heraus, dass ich mir etwas anderes darunter vorgestellt habe. Mit Mathe oder Englisch habe ich weniger gerechnet, ich dachte es geht mehr um das Zwischenmenschliche. In meiner halbstündigen Mittagspause esse ich mit zwei der Schnupperstudenten. Beide sind sehr an dem Psychologiestudium interessiert, eine hat sich sogar schon mit ihrem 1,7 – Schnitt beworben, die Aussichten sind jedoch schlecht. An vielen Universitäten liegt der NC bei 1,35 oder besser und Wartesemester lohnen sich nicht sonderlich. Nach der Mittagspause zeigt uns Carmen das ganze Universitätsgelände am Röntgenring. Wir begegnen vielen Studenten, alle sitzen sie an Computern und lernen oder schreiben Hausarbeiten. Wenn ich schon in der elften Klasse so viel Stress in der Schule habe, wie soll das dann erst im Studium aussehen?! Ich bin beeindruckt von den ganzen Gebäuden, Räumen und der Bibliothek, eine riesige Fläche nur für Psychologie. So viel Fachliteratur ist auf Englisch geschrieben, mit meinem Schulenglisch verstehe ich dank der vielen Fachausdrücke fast gar nichts. Carmen meint, dass man das mit der Zeit lernt, das ganze Studium sei nicht so schlimm. Trotz ihres Optimismus bin ich skeptisch, zwar ist mir bewusst, dass das ganze Uni-Leben nicht nur aus Feiern und Schlafen besteht, doch für mich hört sich das alles viel mehr an, als zwei Mal im Jahr Prüfungen schreiben und ab und zu mal in die Vorlesung schauen. Nachdem wir länger als eine halbe Stunde vor einem Hörsaal gewartet haben, um in eine Vorlesung der „Einführung in die Geschichte der Psychologie“ zu gehen, aber weder Dozent noch Studenten erschienen sind, hat uns Carmen schließlich entlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof lasse ich den Tag, meine ganzen Eindrücke Revue passieren. Es hat wirklich Spaß gemacht, ich bin froh, teilgenommen zu haben, ein Tag als Student zu erleben. Einiges habe ich mir doch anders vorgestellt. Ob Psychologie wirklich das richtige Fach ist? Ich weiß es nicht. Zum Glück habe ich noch genug Zeit…

 

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Artikel und Fotos:

Stefanie Geiger

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