BIOCHEMIE

 

Mein Schnuppertag in das Studium der Biochemie beginnt mit dem Glücksfall, dass meine Mutter1 nach Würzburg fahren muss und mich direkt an der Universität herauslassen kann. So komme ich darum herum, mich mit den Bussen zu verfahren oder wie eine andere Tandemschülerin an der falschen Universität auszusteigen. Trotz meinem Glück bin ich total nervös, mein erster Tag an der Uni. Meine größte Sorge ist nämlich eine ganz andere: Heute Abend die Universität mit der Erkenntnis zu verlassen, dass mein Wunschstudium überhaupt nichts für mich ist und ich wieder ganz am Anfang der Orientierung stehe. Punkt halb zehn stehe ich also an der Uni, noch eine halbe Stunde warten, bis ich mich mit dem Biochemie-Studenten Simon Hertlein und der Schülergruppe treffe. Genug Zeit, um Studenten zu beobachten, die alle zu wissen scheinen, wohin sie gehen müssen, während ich total orientierungslos am Treffpunkt stehe. Im Gegensatz zu meiner Erwartung einer hauptsächlich männlichen Gruppe treffe ich auf Simon und vier weitere Mädchen. Die Zeit, in der wir auf zwei weitere männliche Nachkömmlinge warten, verbringen wir mit ersten Fragen um den NC und darum, was uns erwarten wird.

 

Endlich vollständig geht es los zur Campusführung durch den Regen. Es dauert nicht lange, bis mir klar wird, dass ich mich allein zwischen den Chemie-, Biochemie-, Mensa- und Bibliotheksgebäuden längst verlaufen hätte. Alles wirkt so groß und unübersichtlich.

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Gegen 11 Uhr machen wir uns auf den Weg in die Mensa, was für uns Schulkantinenschüler vor allem erst einmal Überforderung bedeutet. Schon bei der Essensaufwahl und der Bestecksuche wird es kompliziert, kaum vorstellbar, wie das abläuft, wenn die Mensa mal wirklich voll ist, denn der große Ansturm komme erst in einer Stunde und das bedeute Chaos, so Simon.

 

Frisch gestärkt geht es in unsere erste Vorlesung und, um ehrlich zu sein, die Sitzplät3ze sind einfach nur unbequem und hier darf ich zwei Stunden sitzen. Abgesehen davon, dass das meiste genauso ist, wie ich es mir vorgestellt habe, gibt es doch ein paar Kleinigkeiten, die anders sind. Professor Fischer beginnt mit einer Kurzzusammenfassung seiner letzten Vorlesung, „zum leichteren Einstieg“, was ich mir nebenbei auch öfters in der Schule wünschen würde. 

Während ich, wie gesagt, modernere Technik erwartet habe, erwartet mich eine PPP und Studenten, die nicht am Laptop mitschreiben, sondern dasitzen und höchstens ein paar Notizen in den vor ihnen liegenden Ausdruck der Präsentation machen. Dabei frage ich mich, wozu ich auf Activeboard und Mitschreiben im Unterricht getrimmt werde. Generell ist die Konzentration im Saal nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nach nur fünf Minuten Vorlesung zückt Student rechts von mir sein Handy, ein Schüler weiter legt seinen Kopf auf den Tisch und schläft ein, direkt dokumentiert vom ersten Studenten, hat also doch einiges vom Schulalltag.

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Am Ende der zwei Stunden gehe ich allerding mit wirklich recht guter Laune aus der Vorlesung, da ich sogar hin und wieder ein Wort kannte und mir langsam einleuchtet, wozu mir das sinnlose Lernen für manche Biologiearbeiten doch noch etwas bringen kann.

 

Zusammen mit Professor Fischer gehen wir in Richtung Labor. Professor Fischer meint zur Konzentration der Studenten, dass nun auf der Uni jeder für sich selbst verantwortlich sei und kein Professor sich mehr um Studenten kümmere, die meinen, nicht aufpassen zu müssen. Am Labor erwartet uns Herr Polleichtner, welcher uns durch das Labor des Biozentrums führt und hier wirklich ein kleiner Schock: Von Ordnung kann hier echt keine Rede sein, aber vielleicht erk5enne ich nur einfach nicht das System. Vor mir stehen etliche Geräte, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und die teilweise etwas an Science Fiction erinnern, aber ich befinde mich in einem Labor. Auf dem Flur laufen wir vorbei an „Augenduschen“, falls wortwörtlich mal etwas ins Auge geht.

 Mit dem Tischkicker vor dem Aufenthaltsraum und einem aufgeblasenen Frosch mitten auf einer Maschine im Labor beweisen die Biochemiker uns sogar etwas Humor und schon erscheint alles nicht mehr ganz so trocken.

Für einige aus unserer Gruppe vielleicht eine beruhigende Nachricht der Führung, um Tierversuche mit Mäusen kann man im Biochemie-Studium in der Regel nämlich herumkommen,  – hängt  von der Wahl der Wahlpflichtmodule ab.

 

Letztendlich bin ich durch meinen Tandemtag nicht wieder an den Anfang der Orientierung zurückkatapultiert, sondern eher in meiner Entscheidung bestätigt worden.

Der einzige Haken aus meiner Sicht: Biochemie studieren bedeutet in den ersten drei Semestern keine Zeit für einen Nebenjob oder von zu Hause auszuziehen und selbst den Haushalt zu schmeißen.

 

DeboraFTArtikel und Fotos:

Debora Eger

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