Seit Beginn 2013 lasse ich vor meinem Unterricht die Handys in einer Schachtel einsammeln. Der Widerstand war viel geringer als erwartet, im Gegenteil, sogar ausdrückliches Schülerlob!

Mein Anti-Handy-Reifungsprozess in drei Schritten:

  1. Ich hörte zu Schuljahresbeginn meiner 12. Klasse zu. Das Handy als sinnloser Zeitdieb war einhellige Meinung, aber nicht mein Problem.
  2. In meinem Deutsch-Unterricht beobachtete ich immer genau, ob auch wirklich alle aufpassten, konkret, das Handy nicht benutzten. Ich wollte eine Schülerin 1überführen. Ich war überzeugt, sie tippt gerade eine SMS. Ich war besessen von diesem Gedanken, ich beobachtete und beobachtete, überlegte strategisch den Angriff, damit das Handy nicht an weiblichen, mir unzugänglichen Stellen verschwindet.  Wie mein Jagdinstinkt wuchs, sank mein Lehrer-Intellekt, ich „laberte“ irgendetwas vor mich hin, wusste es selbst immer weniger, bis ich vor der Klasse zugeben musste, nicht mehr zu wissen, welche Stelle ich gerade interpretiert hatte. Erstaunte Schülerblicke! Roter Lehrerkopf! Da reifte in mir der Entschluss des Einsammelns der Handys, der Leidensdruck war für mich übergroß geworden.
  3. Ein kleines Erlebnis bestärkte mich in meinem Tun: Mit einem Kollegen sah ich mir privat einen Videofilm an, als mein lautlos gestelltes iPhone mehrfach vibrierte, es kamen mehrere SMS. Ich wurde unruhig, unkonzentriert und sagte meinem Kollegenfreund, ich müsse auf die Toilette, er möge doch den Film kurz stoppen. Natürlich las ich dort sofort die SMS und betrachtete die geschickten Fotos! In diesem Moment war mir klar, die Handys im Unterricht überfordern die Selbstdisziplin meiner Schüler, obgleich Disziplintyp hatte das iPhone auch über mich gesiegt.

→ Diese drei Gründe machten mich zum Handy-Verbanner in meinem Unterricht!

Schon in den ersten handyfreien Unterrichtsstunden stieg die Konzentration gewaltig an, auch überraschten manche durch Mitarbeit: an das Handy verlorene Schülerseelen konnte ich wieder für den Deutschunterricht zurück erobern! Mich haute der Unterschied fast um, nein, kein Unterschied wie Tag und Nacht, aber eine Steigerung, die ich so weder erwartete noch kannte. Nun interessierte mich brennend, wie meine Schüler der 12. Klasse es sehen.

Das Schuljahr neigte sich seinem Ende, ideale Feedback-Time! Die erste Frage mit mehreren Unterpunkten hieß: „Wie beurteilst du das Einsammeln der Handys im Unterricht?“ Die Unterpunkte fragten nach der Veränderung in Mitarbeit und Konzentration, Zahl der SMS pro Schulstunde; die Chancen von Lehrkräften, das Handynutzen ohne Einsammeln zu unterbinden usw.

 

Hier nun verschiedene Aussagen aus den schriftlichen Feedbacks:

  • „Da Sie es unbedingt wissen wollen, wie ich es finde, dass Sie die Handys einsammeln, bin ich mal ganz ehrlich: SEHR GUT! Meiner Meinung nach ist die Konzentration deutlich gestiegen und jeder macht aktiv mit… Ich würde als Lehrer das Handy ebenfalls einsammeln… Als Ausgleich würde ich den Unterricht so aufpeppen, dass auch keinem langweilig wird.“
  • „Ich finde, dass sich das Einsammeln der Handys sehr positiv ausgewirkt hat. Denn wir passen alle viel besser auf und werden nicht durch ständiges Vibrieren der Handys gestört, wenn mal wieder eine Nachricht kam. Ich denke, dass viele das gar nicht mehr bewusst machen, sie sind schon total damit vertraut immer erreichbar zu sein und haben dadurch einen unbewussten Zwang, auf das Handy zu schauen, sodass man ja nichts verpasst.“

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  • „Ich finde das Einsammeln der Handys am Anfang des Unterrichts sehr gut. Ich denke, dass sich viele dadurch besser konzentrieren. Es lenkt nicht nur die ab, die selbst das Handy im Unterricht benutzen, sondern auch die, die daneben sitzen. Also ist das Handy gleich doppelter Störfaktor. Ich würde es als Lehrerin auf jeden Fall einsammeln… Es würde bestimmt fast die Hälfte ein Handy benutzen, wenn man es nicht einsammeln würde, deshalb finde ich den Lehrer mit dem Handy-Einsammeln besser.“
  • „Als Schüler habe ich natürlich ein Problem mit dem Einsammeln. Oft wird dies mit pseudoideologischen Grundsätzen – wie den Einbruch in die Privatsphäre – begründet. Eigentlich wollen Schüler nur selbst bestimmen, wann sie aufpassen wollen und wann nicht. Ich würde deshalb als Lehrer auch die Handys einsammeln, obgleich ich jetzt nichts davon halte.“
  • „Das Benutzen von Handys komplett zu unterbinden ist für einen Lehrer meiner Meinung nach ohne Einsammeln nahezu unmöglich.“

 

Nun zu der Zahl der SMS pro Unterrichtsstunde, hier gehen die Meinungen total auseinander:

  • „SMS bekommen viele Schüler im Minutentakt, wobei es sich in unserer Klasse in Grenzen hält, was die Anzahl der Personen betrifft. Diese schauen jedoch sofort nach und warten nicht bis zur Pause. Also ist das Einsammeln durchaus sinnvoll für die, die es nutzen.“
  • „Manche bekommen während dem Unterricht in ‚Whatsapp‘ sicherlich mehr als 20 Nachrichten, aber nicht jede Stunde.“
  • „Ich schätze ca. 5-6 Nachrichten. Natürlich wird sofort geschaut, wer denn da schreibt, außer das Handy liegt vorne bei Ihnen in d3er Schachtel, da geht das nicht.“
  • „Nur mal so nebenbei, es ist 9.38 Uhr und ich habe seit der Pause ca. 10 Nachrichten bekommen (Wochenendplanung halt):D.“ (Bei dieser letzten Deutsch-Stunde hatte ich die Handys nicht einsammeln lassen. Die vergangene Unterrichtszeit ist eine knappe halbe Stunde!)

 

Ein Schüler greift ein meist totgeschwiegenes Thema auf: Handys bei Klassenarbeiten:

  • „Außerdem herrscht durch ein Handy Ungerechtigkeit! Bei Arbeiten wird einfach gegoogelt oder sich per SMS oder Whatsapp Nachrichten hin und her geschickt. Schüler ohne Handy oder Schüler, die kein kostenloses Internet haben, haben überhaupt nicht die Möglichkeit sich Hilfe von außen zu holen. Im Endeffekt haben die guten Noten nichts mehr mit Leistung zu tun, sondern mit dem Besitzen eines Handys mit Internet. Oft wird auch die Arbeit fotografiert und weitergeschickt. Aber auch im Fremdsprachenunterricht werden die Vokabeln gegoogelt und so bekommt man super mündliche Noten! Auch unfair! … Also sollte man Handys unbedingt einsammeln! Vor allem während Klassenarbeiten, aber auch während des Unterrichts!! So wäre die Ungerechtigkeit endlich beseitigt! Und die guten Noten stehen einem auch zu. Man hat sie durch Leistung, Wille und Wissen erzielt! OHNE HANDY!“

Das Abfotografieren von Aufgaben und sich lösen lassen von außen – die nächste Uni-Stadt ist bei uns nicht weit – kenne ich von Schülerklagen gegenüber anderen Klassen seit Jahren. Hier scheint bei manchen Lehrkräften eine doppelte Blindheit zu herrschen: erstens während der Klassenarbeit und zweitens in Blick auf den Irrglauben, schon alles im Griff zu haben!

 

Ich fasse meine Position, die durch die Klassen-Feedbacks gestärkt wurde, zusammen:

  1. Das Einsammeln von Handys zu Unterrichtsbeginn wird von Schülern akzeptiert, wenn – hier wurde beim Feedback überraschend differenziert – eine entsprechende Lehrerpersönlichkeit dahinter steht.
  2. Es ist vergebliche „Liebesmühe“, den Kampf gegen die Handy-Kids während des Unterrichts gewinnen zu wollen. Einer wird erwischt, die Lehrkraft platzt vor Stolz, während zehn andere das gerade Erlebte in ihr Handy touchen und den Erwischten der „Weltöffentlichkeit“ präsentieren.
  3. Das durchorganisierte Einsammeln der Handys kostet keine Unterrichtszeit, sondern stellt einen ungemeinen Gewinn in Blick auf Mitarbeit und Konzentration dar.
  4. Das Nicht-Einsammeln von Handys während der Klassenarbeit ist unverantwortlich! Es verführt Schüler gezielt zu betrügen – teilweise mit einer perfekten Organisation außerhalb des Unterrichtsraums -, es ist eine bewusst hingenommene Ungerechtigkeit gegenüber den Schülern, die über das notwendige technische Equipment nicht verfügen, teilweise die sozial Schwächeren. Eine Gesamtlehrerkonferenz sollte beschließen, dass die Handys bei Klassenarbeiten und Tests abgegeben (Schachtel oder eigenen Tisch) sein müssen!

 

 

Klaus Schenck

Klaus Schenck

Klaus Schenck unterrichtet die Fächer "Deutsch", "Religion" und das Wahlfach "Psychologie". Er hat 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 2.000 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Schulen, andere Interessierte öffnet.
Klaus Schenck

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