„Es wird gut werden. Das sage ich nicht, weil ich es denke. Ich sage das, weil ich es weiß.“ Mit diesen Worten begrüßte unser Deutsch-Lehrer Herr Schenck uns zum Unterricht. An diesem Oktobertag hatten wir jedoch keinen gewöhnlichen Nachmittagsunterricht, bei dem der ein oder andere Schüler sein Mittagsschläfchen hält – an diesem Nachmittag wurde auf Schenck-Niveau gepowert. Weder gelangweiltes Sitzen an den Schulbänken noch auf die Tafel gerichtete Augen. Aber was noch viel wichtiger war: Auch Stimme und Mimik standen auf der Tabu-Liste. Das Motto dieser Stunde lautete „Theater ohne Sprache – Theater mit Masken“, wie Ramona Parino den Workshop einleitete. Herr Schenck hatte die Theaterpädagogin der Badischen Landesbühne Bruchsal auch in diesem Schuljahr wieder in seine „WG 11“ eingeladen. 

 

1Bevor es richtig losging, hatten wir Gelegenheit, Frau Parino über den Beruf des Schauspielers zu befragen. Wie sieht der Arbeitsalltag aus? Wie viele Stücke muss man gleichzeitig drauf haben? Bekommt man genügend Schlaf? Und wie viel verdient ein Schauspieler? Fazit: Die meisten Schauspieler müssen den lieben langen Tag Texte lernen und proben, um sechs bis zehn Stücke jederzeit spielen zu können, sind viel mit dem Tour-Bus unterwegs und stehen abends auf der Bühne. Dabei verdienen sie gerade genug, um sich mit Mühe ihre Ein-Zimmer-Wohnung leisten zu können. Positiv sind die geregelten zwölf Stunden tägliche Ruhezeit, im Theater zumeist eine Festanstellung sowie ein gut gefüllter Kühlschrank im Tour-Bus. Warum nehmen Schauspieler das alles in Kauf? „Es ist die Liebe zum Theater“, erklärte uns Frau Parino, „und diese Liebe kann man nicht erklären, da jeder Schauspieler sie unterschiedlich definiert.“ Für viele von ihnen fing es bereits während ihrer Schulzeit in der Theater-AG an. Das Theaterspielen interessierte sie schon damals mehr als der reguläre Schulunterricht.

 

Wir bildeten einen Kreis, und schon konnte es losge2hen. Beim Theater ist vor allem wichtig, wie man auf andere wirkt. Verschränkte Arme und überkreuzte Beine signalisieren Verschlossenheit. Deswegen mussten wir uns während des Workshops des Öfteren Frau Parinos Ausruf „Hände runter!“ anhören. Bei der ersten Aufgabe sollten wir uns vorstellen, eine Emotion in den Händen zu halten, und diese darstellen. An die nächste Person im Kreis weitergegeben, durfte diese die Emotion ändern. Dann stellte Frau Parino uns „Freddie, den Plüschball“  vor. Er symbolisierte nun die Emotion in unseren Händen. In der nächsten Runde durften wir die Stimme nicht mehr benutzen, und schließlich war auch jede Gesichtsmimik zu vermeiden. Was natürlich schwierig war, denn wie kann man Gefühle ohne Mimik darstellen?

 

Ausgebildete 3Schauspieler können das. Um weiter an unseren schauspielerischen Fähigkeiten zu arbeiten, lernten wir die „Isolations“ kennen. Unter den zu einem Dach geformten Armen sollten wir den Kopf abwechselnd nach links und rechts bewegen, ihn dabei jedoch gerade halten und auch die Schultern nicht mitnehmen. Diese kamen als nächstes dran, aber ohne den Kopf. Das Gleiche mit den Hüften, dann mit den Knien, alles noch einmal in umgekehrter Reihenfolge und dann zügig zusammen. So entsteht der „Korkenzieher“. Ein Schauspieler darf zwar nur lachen, wenn das Manuskript es ausdrücklich verlangt, doch bei den lustigen Bewegungen, die wir vollführten, konnte sich das keiner von uns verkneifen.

 

Als wir dann weiße Theater-Masken aufgesetzt hatten, fiel es uns schon viel 4leichter, das Lachen zu unterdrücken. Schließlich verbarg die Maske unsere Mimik und damit auch unsere Emotionen – wenigstens auf den ersten Blick. „Nun müssen eure Körper ausgleichen, was die Masken nicht hergeben“, sagte Frau Parino. Von ihr erfuhren wir auch, dass das Sprechen unter der Maske die größte Beleidigung gegenüber Pantomimen ist. Sie zeigte uns, wie diese Künstler beispielsweise eine Leiter hochklettern oder über eine Mauer sehen. Und wir wiederholten die Übung mit Freddie – diesmal jedoch maskiert. Schwieriger wurde es, als jeweils zwei von uns sich gegenüberstanden und versuchten, sich pantomimisch zu unterhalten. Ohne Sprache war die Verständigung wirklich schwierig. Da war die typische „Keine-Ahnung-Bewegung“ etwas häufiger zu sehen.

 

Der5 letzte Teil war sicherlich das Highlight des Workshops. Diesmal sollten wir eine vorgegebene Szene pantomimisch darstellen. Auf ihren Vorschlag erhielten Felix und Fabio den Auftrag, Drogen zu dealen. Felix zeigte seinem Gegenüber den (natürlich nicht real vorhandenen) Stoff, verlangte jedoch zunächst von Fabio das Geld dafür. Dieser holte seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche und gab sich durch Vorzeigen seines Dienstausweises als Polizist zu erkennen. Er zückte seine Pistole und verhaftete den Drogendealer. Auch bei dem anfangs glücklichen Pärchen Merten und Nicole siegte vermutlich die Gerechtigkeit, als er mit ihr Schluss machte und sie ihm deshalb eine Ohrfeige verpasste. Und das Rollenspiel von Till und Annkatrin nahm ebenfalls kein gutes Ende. Nachdem er ihre Katze überfahren hatte, bat er sie um Entschuldigung. Annkatrin trauerte jedoch sehr um ihre Katze und wollte Till nicht mehr sehen. Schließlich begruben sie das tote Tier doch gemeinsam.

 

Als das Pausenläuten erklang, konnten einige von uns gar nicht glauben, dass die zwei Schulstunden schon vorüber waren. Unsere gesamte Klasse hatte viel Spaß bei dem Theaterworkshop. Und selbst, wenn es richtigen Theater-Leuten auf der Bühne nicht gestattet ist, – wir hatten viel zu lachen. Auch unser Deutsch-Lehrer amüsierte sich beim Fotografieren (wieder einmal) sehr. Für ihn als Außenstehenden sei es sehr lustig und auch interessant gewesen  zu sehen, welche Wirkung die Masken auslösen, wie er uns nach dem Workshop per E-Mail mitteilte. Auch Herrn Schencks zukünftige WG 11er dürfen sich auf ein abwechslungsreiches Unterrichtsprogramm freuen – kein anderer Lehrer hatte bisher etwas Derartiges organisiert. Dafür ein großes Dankeschön von uns allen! Ebenso an Frau Parino, die uns zwei sehr unterhaltsame, aber auch lehrreiche Stunden „Deutschunterricht“ bescherte.

           

Fotos: Klaus Schenck