– „Entweder der Beste oder ein Loser!“

 

Es ist 6.05. Das Handy schnarrt zweimal, SMS! Noch schlaftrunken greife ich danach… Robert Langdon, der Symbol-Forscher, wird in Dan Browns „Sakrileg“ so ins Geschehen geweckt. Viele Film-Kommissare, James Bond, und wie sie alle heißen, alle greifen schlaftrunken nach dem Telefon, Auftrag / Mission und die spannende Handlung beginnt.1

 

Zurück zu mir, SMS: „Hi Klaus, bin um 5.30 eingetroffen, um 6.00 ins Bett gefallen. Bin hoffentlich um ‚High Noon‘ wieder fit, Mittagessen, schicke mir SMS, wenn du kommst! Bis gleich! Axel“ Axel Ritsma (Spitzname in der Schule: „Faxel“), der Ruhrpott-Teufelskerl aus China, hatte für gestern 19.30 Uhr seinen Besuch bei mir in Litzirüti / Graubünden (CH) angekündigt, heute: mit dem Motorrad die ganze Nacht vom Saarland über Frankreich hierher durchgefahren, Wahnsinnstyp, unglaublich, die letzte Herausforderung waren die 350 Kurven hoch zu mir, 3,5 km unterhalb von dem Skiort Arosa, er hat sie wohl im Schlaf genommen. Ich treffe ihn kurz nach 12 auf der Sonnenterrasse des Motorrad-Hotels Ramoz, direkt gegenüber von uns! Er in Motorrad-Uniform, ich in Trainin2gsanzug und Hundebegleitung.

 

Nach gemeinsamem Mittagessen Interview mit Deutschlehrer Ritsma: Er holt seinen Laptop, aktiviert seinen Ramoz-WLAN-Zugang vom letzten Jahr, ist mit China verbunden, konkret mit der Homepage seiner Schule, seine Facts sollen stimmen, lockerer Typ, aber da ist er penibel! Sein beständiger Satz: „Das ist nur der subjektive Eindruck von mir, dazu noch meine Formulierung!“, absichernd, die Jahre in China prägen!

 

3Shenzhen Middle School, Zahlen: rund 5.000 Schüler, 400 Lehrer, Eliteschule, – was das heißt, erfahre ich im weiteren Verlauf des Gesprächs. „Ja, die Lehrer sind stolz an dieser Eliteschule unterrichten zu dürfen, ich auch!“ Dieser Satz glich einer Überschrift, aus der alles Weitere konsequenterweise folgt. Eine Aussage, die vieles erklärt! „Middle“ steht für die Schule von der 7. – 12. Klasse, „Groß“ ist dann die Uni!

 

Die Oberstufe, beginnend ab der Klasse 10, umfasst 3.000 Schüler, für mich nicht ganz logisch, da die Mittel4stufe nur 2.000 Schüler hat. „Wir nehmen nur 10% der Oberstufen-Bewerber!“ Wow, Eliteschule! Dann geht die Schul-Argumentation Schlag auf Schlag: 80er Jahre Vorzeigeschule in China! Vorzeigeschule? Neues Unterrichtssystem = selber lernen, selber denken, nicht nur auswendig runterbeten, was der Lehrer sagt! 2004 Modellschule für China! Und heute? Spitzenleistung um Spitzenleistung: „Wir nehmen nur die Besten der Besten!“ „90% unserer Bewerber an den Top-Unis der USA werden genommen, bei den restlichen schaffen es immerhin 60% an die Top-Unis in China!“ Eine typisch chinesische Argumentation, mir total fremd! So eine Statistik dürfte an deutschen Gymnasien gar nicht existieren! Vielleicht liegt in dieser fehlenden Statistik auch eine kritische Anfrage in Blick auf Leistungsanreiz unserer Schulen!

 

Äußerer5 Rahmen eines Schultages: fünf Stunden vormittags, vier nachmittags, dazwischen zwei Stunden Pause, natürlich sind Kantinen vorhanden, Ende also um 16.35 Uhr. Und was kommt dann, Hausaufgaben? Nein, Club! Jeder gehört ein oder mehreren der 65 Clubs an, klingt nach Ausspannen, deutsch gedacht, falsch gedacht: Deutsch-Club zum Beispiel, 2x pro Woche wird in hohem Tempo Deutsch gepaukt, also eine zusätzliche Fremdsprache.

Klar, Klassenarbeiten, was denn sonst! Club-Ergebnis steht als Kommentar im Zeugnis, also wichtig! 40 machen in den Klassen 7 – 8 Deutsch-Club, teilweise am Samstag von 8 – 11.30 Uhr noch zusätzlich. „Und bist du nicht der Beste, so bist du ein Loser!“ So ticken die Eltern, so werden die Kinder getickt, so funktioniert das System, besonders das einer Eliteschule!

 

Frage nach einem regulären Deutsch-Unterricht: Ja, gibt es, das sind dann die extrem Begabten, die Klasse 17 in der Stufe zehn! „Hier drin zu sein, das macht stolz! Das bringt Respekt in der Schule!“ Zehn Fächer, zwei Clubs und noch Deutsch als Unterrichtsfach zusätzlich, das packen nur die Besten! „Gerade haben sich 32 mit einem Motivationsschreiben für den Deutsch-Unterricht beworben, zwölf fliegen raus, wir wählen von den Besten die Allerbesten aus!“ „Wir sind im Augenblick erst im Anfangsstadium, das wird alles noch für Deutsch ausgebaut!“ Und wieder chinesische Statistik: sechs ehemalige Schüler studieren in Deutschland, drei Schüler sind im Austausch in Deutschland!

 

Ich staune! Und die Leistungsbereitschaft der Schüler? Sehr gut! „Die sind eigentlich Tag und Nacht über ihren Büchern! Hausarbeiten werden bis gegen 23 Uhr gemacht. Da rief mal ein Schüler meine Frau um 22.30 Uhr an, er kam bei einem Physik6problem nicht mehr weiter!“ Samstag / Sonntag gibt es natürlich für die Besten noch Förderkurse! Sie werden dort auf nationale und internationale Wettkämpfe getrimmt! Ritsma erklärt es mir am Beispiel seiner Frau, Abteilungsleiterin der Schule für Physik. Sie bereitet ein Team der besten Physiker der Schule auf einen weltweiten Physik-Wettkampf in den USA, natürlich auf Englisch, da müssen die chinesischen Schüler auch perfekt sein, vor. Hier treten die besten Jung-Physiker der Welt als Team gegeneinander an, die Mannschaft wird strategisch – wie beim Fußballspiel – aufgestellt. Vorher kommen die  jungen Physiker Sonntag um Sonntag von 8 – 12 Uhr zu ihrer Physiklehrerin nach Hause, und pauken, pauken, pauken! Und das Ergebnis: das Team von Ritsmas Frau holte letztes Jahr den ersten Platz, weltweit!!!

 

Wo man bei dieser Eliteschule hinguckt, nur Spitzenleistungen! Ich kann es nicht fassen! Der Chor der Schule hat die Goldmedaille gewonnen, er ist der einzige, der in der weltberühmten Lincoln Hall in Chicago auftreten darf! Regelmäßige Welt-Tournees! Dieser Schulchor ist der Spitzenreiter Chinas!

 

Was treibt die jungen Chinesen, auf alles andere außerhalb der Schulle7istung zu verzichten? Antwort: die Noten! „Die tun alles, um überall A zu sein, B geht gerade noch, aber schlechter gibt es nicht! Oder du bist ein Schulversager!“ „Und bei unserer Vorselektion gibt es kaum Schulversager! Wir haben ganz einfach die Besten! Punkt!!“ China hat viele Menschen, in den Köpfen der chinesischen Schüler hämmert immer die Motivations-Peitsche: wir sind viele, wir sind im ständigen Konkurrenzkampf und ich muss der Beste sein!

Dann verweist Ritsma aber noch auf eine andere chinesische Logik: Die Eltern pushen einfach ihre kids, Tiger-Mamas landauf, landab! Und die Kinder spuren, das ist „unser System“! Die Argumentationskette: so besser die Kinder, so besser die Ausbildung, so besser die Ausbildung, so besser der Job, so besser der Job, so besser das Gehalt, so besser das Gehalt, so besser können die Kinder ihre Eltern später unterstützen!!! Eine Altersvorsorge in unserem Sinne befinde sich erst langsam im Aufbau.

 

Freizeit sei kein Thema, „die kennen es doch gar nicht anders“. Und auch „der Spaßfaktor ist unbekannt“. „Und wie ist das mit deine8r Tochter Dodo, sie war jetzt ein Jahr hier in Deutschland! Die hat doch Blut geleckt an Freizeit und Spaß!“, frage ich. „Sie wird sich fügen, meine Frau ist eine Tiger-Mama, da bleibt keine Wahl!“ Nächstes Jahr geht Dodo für ein Jahr in die USA, um die nächste Klasse dort zu absolvieren. „Ach so, Klaus, und wenn du Dodo anmailen willst, sie ist gerade bei einem Journalismus-Seminar in Tokyo, sie ist die Einzige unserer Schule!“

 

Ich blinzle in den blauen Himmel, die mächtigen Berge empor, sie sehe ich in den Ferien täglich von unserer Höhenterrasse. Ich spicke hinüber zu unserer Wohnung, sehe Rocky, den Golden Retriever, zu meinen Füßen im Schatten schlafen, spüre die Stille der Mittagszeit, weiß, dass Axel Ritsma genau das in China vermisst. Beneide ich ihn, in China zu leben, an einer Eliteschule zu unterrichten, Schüler zu haben, die ich in Leistungsbereitschaft, Begabung und Ehrgeiz noch nie erlebte und nie erleben werde? Auch ich arbeite sehr hart, bin sehr ehrgeizig und leistungsorientiert, Leistung zu erbringen, Selbstwirksamkeit zu spüren ist wundervoll, ist beglückend, dennoch macht diese chinesische Eliteschule mir Angst, und zwar in zweifacher Hinsicht: Angst, objektiv gesehen, um die Zukunft meiner Schüler, die irgendwann in den nächsten Jahrzehnten in Konkurrenz mit diesen Elite-Schülern sein werden, was natürlich für ganz Europa gilt! Angst, subjektiv gesehen, in so einem System das zu verlieren, was auch zu mir als Sehnsucht, als Notwendigkeit gehört: die Stille, den Rückzug, den Freiraum und die Freiheit, auch mal ohne schlechtes Gewissen die Berge Graubündens hochblinzeln zu dürfen.

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Fotos: Axel Ritsma

 

 

 

 

Klaus Schenck

Klaus Schenck

Klaus Schenck unterrichtet die Fächer "Deutsch", "Religion" und das Wahlfach "Psychologie". Er hat 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 2.000 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Schulen, andere Interessierte öffnet.
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