Ich wachte auf und öffnete meine Augen – ich saß im Flugzeug auf dem Weg nach Beijing. Ich musste gähnen und atmete einmal tief durch. Ich fühlte mich total entspannt und es kam mir so vor, als würde ich alles um mich herum verschwommen wahrnehmen.
Ich schaute aus dem kleinen Fenster, die Lichter waren leuchtend hell und ich vermutete, dass wir bald zur Landung ansetzen würden.

Ich flog während der Sommerferien und meine Eltern und ich hatten den Plan, Beijing, die Hauptstadt von China, welche eine lange Geschichte hat, zu besuchen.
Noch nie zuvor verreiste ich so weit wie dieses Jahr, weshalb ich vor unserer Abreise in Shenzen auch etwas aufgeregt war. Ich wälzte mich im Schlaf hin und her und wachte auf, weil mir so viele Fragen durch den Kopf gingen: „Was soll ich nur tun, wenn ich Sehnsucht nach meinen Freunden habe?“ oder „Wie soll ich mich verhalten, wenn ich auf fremde Leute treffe?“
Ich machte mir Sorgen und über mein jungenhaftes Gesicht kullerten Tränen. Wie als hätte meine Mutter bemerkt, dass ich weine, öffnete sich die Türe und sie setzte sich neben mich. Sie streichelte meinen Rücken und sagte: „Liebes, ich kann mir vorstellen, das du dir Sorgen machst aber das musst du nicht. Du bist noch so jung aber glaube mir, diese kostbare Erfahrung lässt dich reifen.“ Ich nickte und beruhigte mich. Ich lag wieder im Bett und starrte die Decke an und sagte zu mir selbst, dass ich versuchen sollte tapfer zu sein.

Als wir nach unsere Ankunft in Beijing auf unseren Touristenführer trafen, hieß dieser uns herzlich Willkommen. Trotz seines Enthusiasmus und seiner Leidenschaft konnte ich mich dieser neuen Umgebung noch nicht anpassen. Einige Leute sprachen mit mir, doch ich war zu schüchtern um zu antworten.
Ich sagte meiner Mutter, wie sehr mir meine Freunde fehlen, doch anstatt mich zu trösten sagte sie: „es ist Zeit für dich erwachsen zu werden!“
Ich war mir in diesem Moment nicht bewusst, wie sie das meinte und raunzte sie an: „Ich bin erst so jung und unerfahren, ich kann meine Emotionen nicht kontrollieren, ich brauche jemanden, der mir dabei hilft!“ – darauf bekam ich keine Antwort.
Ich wusste nicht, was ihre Absicht war und ich begann mich zu fragen, ob es sie überhaupt interessiert, was ich denke oder ob sie einfach nur meine Redegewandtheit verbessern wollte?! Ich wusste es einfach nicht.

Ich war gefesselt von den Szenerien Beijings. Zu dieser Zeit liefen die Vorbereitungen für die 29. Olympischen Spiele und es entwickelte sich alles so rasend schnell, dass ich verstehen konnte, weshalb die Technik so hoch gepriesen wurde. Auf der anderen Seite war ich besessen von der historischen Seite Beijings.
Wir besuchten viele beliebte Sehenswürdigkeiten, wie z.B. das „Palace Museum, „Great Hall of the people“ und die „große Mauer“.
Vor allem die große Mauer hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Sie beeindruckte mich nicht nur des kulturelle Aspekts wegen, sie lehrte mich auch eine wichtige Lektion.
Als wir zum Eingang der großen Mauer kamen, war es schrecklich überfüllt. Unser Fremdenführer erzählte, dass viele Touristen die große Mauer als Symbol des antiken Chinas sehen. Er gab uns die Tickets und wünschte uns viel Spaß auf der Tour. Wir beschlossen also auf der Mauer zu klettern. Ich verschaffte mir einen Überblick und stellte fest, dass die Mauer aussah wie ein riesiger, aschefabener Drache, welcher schlafend in der Landschaft lag. Er erschien sehr stark und erweckte den Eindruck, als wolle er in den blauen, wolkenlosen Himmel abheben.

Wir befanden uns am Fuße des „Pa-ta-ling-Berges“ und begannen zu klettern. Meine Eltern waren so schnell, dass ich sie nach einer Weile kaum noch sehen konnte, deshalb folgte ich den Leute mit denen ich vorhin nicht gesprochen habe und deren Kindern.
Es war ca. 15 Uhr und es war äußerst heiß. Jeder fühlte sich wie in einer Mikrowelle, als würden wir gebacken werden von dieser brutal heißen Sonne. Ein paar Kinder versuchten mit mir ins Gespräch zu kommen. Sie wollten wissen, woher ich komme und was meine Hobbys sind; ich antwortete nur in knappen Sätzen, da ich schüchtern und nicht sehr kommunikationsfreudig war. Die Sonne schmorte gnadenlos weiter und Schweiß lief uns den Rücken hinunter. Ich wurde müde.
Das Wasser in der Landschaft schien auf Grund der Hitze zu verdunsten, generell schien die Natur hier sehr leblos.
Wir waren seit ca. 30 Minuten unterwegs und ich litt unter Durst und Müdigkeit. Ich fühlte mich schrecklich unwohl, ich war kurz davor mich zu übergeben. Ich fühlte mich ohnmächtig, doch meine Füße bewegten sich noch immer. Mir wurde immer heißer, ich wollte gegen die Müdigkeit ankämpfen und gab alles, um nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Doch wegen meiner Kondition war es offensichtlich, dass das nicht zu schaffen doch, doch ich setze weiterhin einen Fuß von den andern.
Auf einaml wurde alles verschwommen und nebelig vor meinen Augen und ich wurde ganz schwach…

Als ich das nächste Mal meine Augen öffnete, sah ich einige Leute unserer Reisegruppe neben mir, einer von ihnen, ein junger Mann Mitte Zwanzig, hielt meinen Körper. Andere, unter anderem Kinder, standen um mich herum und machten sich offensichtlich Sorgen um mich. Ich fragte, was passiert sei, und sie antworteten, dass ich das Bewusstsein verloren hatte. Sie sagten auch, dass sie erste Hilfe geleistet hatten und fragten, ob ich mich besser fühlte. Ich bedankte mich, denn ich war zutiefst gerührt. Einige Kinder legten ihre Hände auf meine Schulter und sagten: „Komm, mein Freund, lass uns zusammen weiter machen“. Ich schaute ihm in die Augen und war sehr dankbar. Ich war zu Beginn zwar schüchtern und ungeduldig mit ihnen gewesen, doch trotz allem sahen sie mich als einen guten Freund.
Dann machte ich mich auf, um gemeinsam mit ihnen weiter zu klettern. Auf dem Weg zum Ziel öffnete ich mein schüchternes Herz und versuchte mich mit ihnen zu unterhalten, doch das Klettern verlangte mir nach wie vor sehr viel ab. Meine neuen Freunde ermutigten mich, sie sagten, ich solle einfach weitermachen und über meinen Schatten springen, also machte ich weiter.
Zum Schluss hatte ich all die Schwierigkeiten gemeistert und am Ziel angekommen sah ich auch meine Eltern wieder, die bereits auf mich gewartet hatten. „Super gemacht, Louis!“, sagte meine Mutter, „wir waren uns sicher du würdest es schaffen“, dabei lachten sie sehr stolz.
Ich entschuldigte mich bei meiner Mutter dafür, dass ich sie vorhin so hart angegangen hatte und bedankte mich gleichzeitig für diese unvergessliche Erfahrung.

Im Film „Spirited Away“ verlieh Chihiros ihre Reise in die Welt der Geister Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Sie wurde mit einigen Problemen konfrontiert und konnte letztendlich in die reale Welt zurückkehren.
Während meiner Reise zur großen Mauer habe ich viel gelernt: Ich bin viel offener und kommunikativer geworden, außerdem bin ich dadurch reifer und unabhängiger geworden.
Dank all meinen neugewonnenen Freunden und meinen Eltern, die mir diese prägende Reise ermöglicht haben, werde ich sie immer in guter Erinnerung und im Geiste behalten.

Gastbeitrag:   贺子豪   (Louis He)