Krimidinner – Ein Leichenschmaus im „Edelfinger Hof“

 

„Willkommen zur Testamentseröffnung des verstorbenen Lord Ashtonburry!“

Es ist kaum in Worte fassbar, was an diesem Abend mit und um die Gäste herum passiert. Zu Beginn des Dinners – alle ahnungslos, doch sehr gespannt, werden sie von den Familienmitgliedern der Familie Ashtonburry etikettengetreu zu ihren Plätzen im großen Gewölbekeller geleitet. Schottischer Flair gibt dem Raum seine besondere, leicht schaurige Atmosphäre: Große Kerzenständer auf den Tischen, Gläser, schon gefüllt mit unergründbarem Inhalt, abgedunkeltes Licht, Efeu an den Wänden und urige Tischkärtchen. Nach und nach wird klar, dass hier nicht nur ein Abendessen mit hohem Unterhaltungswert auf uns Gäste wartet, sondern dass wir selbst ein Teil dieses Leichenschmauses sein werden. Nachdem in einer ersten Vorspeiserunde für das leibliche Wohl der Gäste durch die charmanten Bedienungen gesorgt ist, meldet sich die Witwe des, leider durch einen unglücklichen Herzinfarkt verstorbenen Mannes zu Wort. Sie begrüßt uns, die Familie, und alle Angehörige des Verstorbenen. Sogleich fordert ihr Neffe uns auf, mit ihm als Brauch das Trinkritual zu vollziehen. Mit brennendem, in Absinth getränktem Zucker wird das schaurige Geschehen eröffnet. Es werden Ansprachen und Trauerreden gehalten, doch es scheint, als ob diese nicht alle aus reinem Herzen kämen. Statt mit dem Essen zu beginnen und danach die Testamentseröffnung  zu vollziehen, bestehen Witwe und Tochter schon jetzt darauf, das Schriftstück verlesen zu lassen. Ungeduld und Spannung erfüllt den Raum. Einer von uns wird kurzfristig als Notar auserkoren, um das Dokument zu öffnen. Doch kurz darauf schon die erste bittere Enttäuschung –  es steht geschrieben: „sein vorletzter Wille“.
Dieser beinhaltet, dass der Verstorbene die bis aufs Blut zerstrittene Familie noch einmal zusammen an einemTisch wissen will. Sie sollen seinen Leichenschmaus in Frieden und Eintracht miteinander feiern. Erst danach werde sein letzter Wille verlesen.
Im weiteren Verlauf des Abends werden wir immer wieder von neuem überrascht, sowohl von den Schauspielern, welche ihre Rollen wirklich fantastisch spielen, als auch von Speisen und  Ambiente um uns herum.
Wir essen „mörderisch geräucherten Fisch aus Miss Marpels Teich“ und eine „geheimnisvolle Suppe nach sagenumwobenem Familienrezept der Ashtonburry’s“, außerdem wird „ verdächtig zarte Maispoulardenbrust mit feiner Morchel-Sahne-Füllung auf dubios getrüffeltem Kartoffelpüree mit mysteriösem Gemüse umlegt“ serviert, welches dann mit einem „ süßen Finale – derzeit noch geheim“ perfekt abgerundet werden wird. Es ist alles in sich einfach nur stimmig.
Die Schauspieler begeistern mit Gesangs- und Tanzeinlagen, tollen Stimmen, Witz und unglaublichen Kostümen und Masken.

Als es den ersten Toten gibt sind Geschrei und Überraschung natürlich groß! Jeder verdächtigte jeden. Mehr und mehr werden die tiefen Abgründe der Familiengeschichte der Ashtonburrys deutlich – die hinterlistigen Spielchen der Einzelnen verweben sich zu einem undurchschaubarem, undurchdringbarem Geflecht der Bosheit. Anfangs scheint es noch so, als ob es ein Leichtes sei den Mörder zu überführen, doch mit der Zeit verstricken sich alle Verdächtigen in ihr eigenes Netz aus Lügen. Der Mörder kann ja schließlich nicht immer der Butler sein, nicht wahr?
Mit wahnsinnigen Lichteffekten werden Stromausfälle gemimt – Wolfsgeheul in den Bergen ist schauerlich hörbar. Blitze, Donner lassen erzittern. Aufwendige Technik, Musik und Lichteffekte erschrecken und verblüffen uns. Wortgewandt und mit frechem Mundwerk reißen die Akteure das Publikum, welches sich schon lange als Teil des Geschehens fühlt, mit. Es wurde mitgeraten, verdächtigt, spekuliert.
Die Sticheleien der Angehörigen, die teilweise auch leicht unter die Gürtellinie gehen, sind da eine willkommene Abwechslung und machen die Festlichkeit zu einem noch größeren Spektakel.
Die Affären und Liebschaften der einzelnen Hauptpersonen werden aufgedeckt, als Sherlock Homes in die Aufklärungsarbeit eingreift. Der köstliche Gaumenschmaus wird hier manchmal wirklich nebensächlich.
Zum großen Finale eskaliert die Situation. Panik bricht aus. Der Mörder ist entlarvt. Es wird heiß geschossen. Doch letztendlich kann auch dieser Kriminelle dingfest gemacht und der letzte Wille des Verstorbenen verlesen werden. Die Vorkommnisse des Abends sind schlagartig vergessen – in den Augen der Erbbeteiligten funkeln die Dollarnoten  –  …

Das Ende wird natürlich nicht verraten, da sich jeder selbst von den grausigen 60er Jahren und als Teil der Familie Ashtonburry  ein Bild machen sollte. Jeder, der die Unterhaltung liebt, und jeden, den das außergewöhnliche Erlebnis reizt, sollte einmal bei der Testamentseröffnung bei kulinarischem Kerzenlichtdinner dabei sein: Sie werden verblüfft sein, wie leicht auch Sie zu täuschen sind!

 

     Jennifer Freisem

      jennifer [dot] freisem [at] tele2 [dot] de