Die Bildungspolitik in Baden-Württemberg hat sich in der Vergangenheit schon einigen Veränderungen unterziehen müssen, doch wie sieht die Zukunft aus? Welche Hürden muss vor allem das Berufliche Schulsystem, welches in der Öffentlichkeit in seinem Wesen meist unter den Tisch gekehrt wird, meistern? Welche Auswirkungen wird die Bugwelle („Überstundenwelle“) haben? Mit diesen Fragen sollte eine Podiumsdiskussion mit Experten aus verschiedenen Bereichen geführt werden, um „politische Vertreter, Eltern, Schüler, Lehrer, Betriebe und die Bevölkerung über das berufliche Schulwesen, seine Bedeutung, seine aktuelle Situation und die zukünftige Entwicklung im Main-Tauber-Kreis zu informieren und zu sensibilisieren.“ (Frank Stephan)

„Wie gefährdet ist die Berufliche Bildung im Main-Tauber-Kreis?“ Dies die zentrale Frage, die während des Abends aus verschiedenen Perspektiven erörtert und beantwortet werden sollte. Frank Stephan, Initiator der gesamten Veranstaltung, bedankte sich bei den Diskussionsteilnehmern und der Diskussionsleiterin von Brandenstein. In seinen Dank schloss er auch die „Financial T(’a)ime“, Schülerzeitung und Aushängeschild der Kaufmännischen Schule Tauberbischofsheim, mit ein, die verantwortlich für Getränkeverkauf und das Reichen des Mikrofons bei der späteren Fragerunde war. Stephan stellte anhand einer Kurzpräsentation aller Beruflichen Schulen des Kreises das hoch komplexe System dieses Schultyps vor, um die Verkettung und Wichtigkeit allen Anwesenden vor Augen zu führen.

Herbert Huber, stellvertretender Vorsitzender des Berufsschullehrerverbands, dankte Stephan für sein Engagement. Huber zeigte gleich zu Beginn die Abweichung der Prognosen zur Entwicklung der Schülerzahlen der letzten Jahre. Als Grund dafür sehe er, dass man den Anteil von Voll- und Teilzeit nicht bestimmen könne, doch würden durch diese falsche Prognose 190 Stellen gesperrt, was so viel heißt, dass sie umgebucht worden seien. Er fordert die Entsperrung dieser Stellen. Insgesamt sei es schwierig Nachwuchs für Berufliche Schulen zu bekommen, so müsse man schon im Februar oder März damit beginnen Nachwuchs anzuwerben, um gewünschte Zahl an Lehrern zu erreichen. Gleichzeitig weist Huber darauf hin, SPD und Grüne hätten zu Oppositionszeiten 400 Lehrerstellen gefordert hätten, er warte noch immer auf die Verwirklichung des Versprechens „Wann wird geliefert?“. In Bezug auf Kleinklassen, das Schicksal vieler ländlicher Schulen, bezog Huber klar Position: kleine Klassen seien besser als gar keine, es gelte im Einzelfall die Wirtschafts- und Ausbildungsstruktur  und die Ausbildungszahlen zu berücksichtigen. Huber sprach dann ein zentrales Thema des Abends an: Die Bugwelle! Diese entstand durch das Vorausarbeiten der schon eingestellten Lehrer. Diese hätten in der Hoffnung, die Überstunden irgendwann vergütet zu bekommen, die Arbeit geleistet, die durch 2000 neue Stellen bewältigt werden müssten. Somit hätten diese Lehrer dem Staat ein zinsloses Darlehen von über 100.000 € gegeben. Gegen Ende seiner Rede verdeutlichte Huber, die Unternehmen vertrauten in Berufliche Schulen. Der zunehmende Fachkräftemangel könne nur durch Bildung bekämpft werden, wobei es aber ohne Berufliche Schulen keine Auszubildenden gäbe. Die umstrittene Gemeinschaftsschule sehe er nicht als Konkurrenz der Beruflichen Schulen, jedoch litten durch die Einführung solcher Schulen die Gymnasien und die Beruflichen Schulen mit Vollzeitklassen.

Landrat Frank betonte gleich zu Beginn, dass durch den demografischen Wandel die Beruflichen Schulen heutzutage noch wichtiger als je zuvor seien, da die Bildungsabwanderung von Jugendlichen ständig zunehme. Deshalb seien für ihn auch die Lehrer nicht nur am 5. Oktober, dem Weltlehrertag, die Helden des Alltags, sondern jeden Tag, da sie den Schlüssel für die Zukunft aller Kinder und Jugendlichen in der Hand hielten. Er verdeutlichte so seinen Respekt vor der Unterrichtstätigkeit der Lehrkräfte. So hätte der Main-Tauber-Kreis ohne die rund 340 Pädagogen keine 5500 Schüler und auch keine drei Schulzentren, an der jede zweite Hochschulreife erworben werde. In Bezug auf die drei zentralen Schulzentren im Main-Tauber-Kreis versicherte er, dass es unmöglich sei, ein Zentrum zum Vorteil eines anderen zu schließen, und dass es für die regionalen Unternehmen zentral sei, wenn die Beruflichen Schulen,  vor allem während der Ausbildung, in der Nähe angesiedelt seien.

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde: Herbert Huber (BLV), Landrat Reinhard Frank (Tauberbischofsheim), Siegfried Neumann (SPD), Prof. Dr. Wolfgang Reinhart (CDU), Kerstin Lüchtenborg (Handwerkskammer), Dr. Timm Kern (FDP). Der gemeldete Teilnehmer der Grünen hatte aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, ohne einen Vertreter anbieten zu können.

Die Podiumsdiskussion wurde nach einer kleinen Pause von Frau von Brandenstein eingeleitet, indem sie auf das Thema der ominösen Bugwelle zurückkam und als Ersten Prof. Dr. Reinhart von der CDU das Wort gab. Dieser verdeutlichte gleich  zu Beginn, durch viele Auslandsaufenthalte wisse er, dass Baden-Württemberg vor allem durch das Duale System einen exzellenten Ruf habe. Doch mahnte er auch, man solle mehr für das System Beruflicher Schulen werben, speziell in Zeitungen, wodurch es auch möglich sei die ländlichen Schulen einfacher zu schützen. In Blick auf die Bugwelle forderte er, diese schnellstmöglich abzubauen.

Dr. Timm Kern verdeutlichte in seinem Statement, die alte Landesregierung sei durch den Mangel an Glaubwürdigkeit und durch die zu geringe Investition nicht wiedergewählt worden. Er selbst bedauere, dass die beruflichen Schulen leider meistens unter den Tisch fielen. Ein fairer Wettbewerb könnte garantieren, die Ressourcen unter allen Schulen gleich aufzuteilen und den angestrebten Abschluss für jeden erreichbar zu machen. Wenn jeder Zweite einen Abschluss an einer Beruflichen Schule mache, könne das System nicht so schlecht sein.

Siegfried Neumann unterstützte die Wichtigkeit der Bildungspolitik und unterstrich gleichzeitig die Schwierigkeit solcher bildungspolitischen Entscheidungen. Kerstin Lüchtenborg (Handwerkskammer) griff nochmals die von Prof. Reinhart gelobte duale Ausbildung auf. Sie unterstrich die Bedeutung, dieses System zu unterstützen, damit es an Attraktivität nicht verliere. Doch sei es durch gefährdete Standorte noch schwieriger die Unterstützung aufrecht zu erhalten. Doch ihre Aussage, dass sie am liebsten das BEJ und das BVJ abschaffen wolle, stieß auf Empörung im Publikum, da die Lehrer diese beiden Angebote als existenziell für viele schwächere Schüler ansahen.

Dr.  Kern erläuterte seine Sichtweise der Bildungspolitik der aktuellen KLandesregierung, die er als „Geisterfahrt“ betrachte. Der Grund dafür sei, dass der Weg falsch  herum angegangen worden sei und  werde, da zunächst eine regionale Bildungspolitik hätte angegangen werden müssen. So sei er auch kein ideologischer Gegner der Gemeinschaftsschule, sondern sehe es als sinnlos an, alle paar Jahre, wenn der Regierungswechsel erfolgt, eine neue Bildungspolitik einzuführen, die noch nicht einmal in ihren Grundgedanken ausgereift sei. Im eigenen Garten gehe man behutsam mit dem Spaten vor und komme nicht gleich mit dem großen Schaufelradbagger.

Lüchtenborg forderte eine Verbesserung des öffentlichen Verkehrsnetzes, so könnte das Einzugsgebiet von Schülern erhöht und das Problem von Schülermangel in bestimmten Schulzentren angegangen werden. Gegen Ende der Diskussion warf Frau von Brandenstein die Frage nach der bestmöglichsten Zukunft dieses Bildungssystems auf.

Lüchtenborg hob hervor, dass es in Zukunft für jeden möglich sein solle, den Abschluss anzustreben, den er für sich als den besten  ansieht, was nur möglich sei, wenn die Bündelung von Schulen nicht in die Ballungszentren gelegt, sondern der ländliche Raum unterstützt werde.

Prof. Dr. Reinhart unterstrich nochmals die Bewunderung für die dezentralen Strukturen, die er in Brüssel von den EU-Vertretern erfahren habe und rief dazu auf gegen den Trend der Urbanisierung zu kämpfen. Er sehe die Zukunft nicht in Strukturdiskussionen, sondern in der Unterstützung von Lehrern, denn diese seien die Verantwortlichen für die Kinder und Jugendlichen von gestern, heute und morgen. Da aber vor allem der dünn besiedelte Main-Tauber-Kreis von dem demografischen Wandel betroffen sei, sollte man in Zukunft extrem in Bildung investieren, damit die regionalen Unternehmen nicht noch mehr unter dem Fachkräftemangel litten.

Landrat Frank sieht die energetische Entwicklung als wichtigen Bestandteil der Zukunft. Kleinere Klassen sollten unterstützt werden, da der Lerneffekt in Kleinklassen umso höher sei. Doch müsse die Attraktivität durch verbesserte Lernorte mit Fachräumen und Fachlehrern gesteigert werden.

Huber, als Letzter in der Runde, sieht durch die behutsame Weiterentwicklung der Beruflichen Schulen neue Perspektiven. Durch Top-Schulgebäude und durch Bildung, die nach den Neigungen und den Begabungen der Schüler ausgerichtet ist, sei die Zukunft der Beruflichen Schulen für ihn gesichert.

Nach dieser informativen Diskussion wurden im Publikum viele Fragen aufgeworfen, die direkt gestellt wurden. Hierbei wurde unteranderem die Frage gestellt, ob denn Dr. Kern (FDP) die Gemeinschaftsschule abschaffe, wenn man mit der FDP wieder an die Macht komme. Die Antwort darauf war eindeutig, denn er wiederholte abermals, dass er solch einer Schule nicht grundsätzlich abgeneigt sei, denn das Wichtigste in der Bildungspolitik sei Beständigkeit, sodass sich ein System auch einmal verwirklichen könne. Doch würde er nach Möglichkeit gerne eine Individualisierung einführen, die erlaubt, die Klasse erst nach der sechsten oder siebten Klasse aufzutrennen.

Für viele Lehrkräfte war wohl am Ende des Abends die klare Aussage von Landrat Frank beruhigend, dass kein beruflicher Schulstandort geschlossen werde. Auch Herr Stephan beantwortet die Frage wie gefährdet die Berufliche Bildung im Main-Tauber-Kreis sein: Solange ein Unterrichtsdefizit besteht und Pflichtstunden ausfallen, Kleinklassen ohne Rücksicht auf ländliche Verkehrswege geschlossen würden, sei die Berufliche Bildung im Landkreis in Gefahr. Wenn aber die politischen Entscheidungsträger und Betriebe im Kreis ihre heute gemachten Versprechungen einhalten und für die beruflichen Schulen kämpfen, dann sehe er etwas beruhigter in die Zukunft.

 

 Artikel: Natascha Haberkorn,

Chefredakteurin der „Financial T(’a)ime“ (www.schuelerzeitung-tbb.de)

natascha [dot] haberkorn [at] gmx [dot] de

 

Fotos: Klaus Schenck