Interview mit Winfried Kretschmann

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Winfried Kretschmann

FT: Warum haben Sie sich dazu entschieden, bei den Grünen Politiker zu werden?

Herr Kretschmann: Ich bin den Grünen nicht beigetreten, ich habe die Grünen 1979 mitbegründet. Als sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte, dass die Industriegesellschaften mit Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung dabei sind, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu vernichten, die etablierten politischen und gesellschaftlichen Kräfte aber das Problem ignorierten oder damit nicht zurande kamen, hatte die Geburtsstunde einer ökologischen Partei geschlagen. Der Erfolg der Grünen zeigt, wie richtig und notwendig dieser Schritt war.

FT: Sie sind nun schon seit einiger Zeit in der Politik tätig. Was konnten Sie bisher politisch erreichen und welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Herr Kretschmann: Egal ob in der Agrarpolitik, in der Energiepolitik, beim Verkehr oder in der Bildung: Unsere Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sie sind mehrheitsfähig und sie entscheiden über die Zukunft unseres Landes. Dies haben wir aus der Opposition erreicht, in anderen Ländern auch durch Regierungsbeteiligung. Als Ziel für die Zukunft haben wir uns die ökologische Modernisierung des Landes, ihrer Wirtschaft und ihrer Strukturen gesetzt.

FT: In Ihrer Position treffen Sie regelmäßig Entscheidungen, die viele Menschen betreffen. Um Entscheidungen treffen zu können, muss man sich Informationen einholen. Woher beziehen Sie die Informationen für Ihre Entschlüsse?

Herr Kretschmann: Ernsthafte Medien, die Sachfragen erörtern, bieten viele Informationen, um Entscheidungen vorbereiten zu können. Zunehmende Bedeutung gewinnt das Internet und nicht zuletzt haben wir im Parlament Fachleute, die uns ihr Wissen zur Verfügung stellen und die Informationsflut so aufbereiten, dass wir als Abgeordnete Entscheidungen treffen können. Allerdings bedarf es dazu nicht nur Informationen, sondern auch klarer Werte und eines guten Beurteilungsvermögen, das sich aus Erfahrung speist.

FT: Ihr Alltag als Ministerpräsident und Vorsitzender der grünen Landtagsfraktion ist vermutlich vor allem durch Stress und Hektik geprägt. Was sind Ihre persönlichen Strategien für Stressabbau und klares Denken?

Herr Kretschmann: Wenn die Tage stressig werden, muss man sie gut organisieren. In der – allerdings kargen – Freizeit gewinne ich einen klaren Kopf, wenn ich mit Herz und vor allem mit der Hand schaffe. Ich habe einen Garten, und ich bewohne ein altes Bauernhaus, an dem immer wieder etwas gerichtet werden muss. Da muss man sich konzentrieren, das hält die innere Mühle an und man kriegt den Kopf wieder frei.

FT: Was hat uns, speziell als Schüler und angehende Erwachsene, Ihre Partei zu bieten?

Herr Kretschmann: Die Grünen sind eine Partei, die vor 30 Jahren den Spruch „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“ zum Leitmotiv gewählt hat. Das bedeutet: Wir denken nicht in Wahlperioden, sondern langfristig, Lösungen und Maßnahmen müssen nachhaltig sein, und nicht nur um des schnellen Erfolges willen. Wer heute jung ist, sollte auch in 30 Jahren noch eine Welt vorfinden, in der ein gutes Leben möglich ist. Und jeder sollte die bestmögliche Bildung und Ausbildung mitbekommen, um seinen Weg gehen zu können.

FT: In dem Parteiprogramm der Grünen nimmt das Thema Bildung einen sehr hohen Stellenwert an. Was soll sich an unserem Bildungssystem unter der neuen grün-roten Landesregierung als erstes verändern?

Herr Kretschmann: Wir wollen vor allem damit Schluss machen, dass die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Bildungschancen ein Kind hat. Das gilt für Kinder aus Migrantenfamilien ebenso wie für Kinder aus bildungsfernen Schichten. Daher wollen wir eine individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes, keiner soll zurückbleiben. Um dies zu erreichen, gibt es verschiedene Wege. Hinzu kommt die demografische Entwicklung, die unser Schulwesen vor allem im ländlichen Raum stark verändern wird. Damit die Schule aber im Dorf bleibt, sollen neue innovative, integrative Schulmodelle gefördert und genehmigt werden. Wir werden keine Schulreform von oben machen, sondern die Lehrer und Eltern in den jeweiligen Kommunen in schulpolitischen Entscheidungen miteinbeziehen. Außerdem halten wir nichts vom Sitzenbleiben an der Schule, und die Hochschulgebühren wollen wir ebenfalls wieder abschaffen.

FT: Die vergangenen Jahre haben allzu oft gezeigt, dass Versprechen und Realität in der Politik (nicht nur bei den Grünen) weit auseinander klaffen und politische Macht häufig missbraucht wird. Weshalb sollten wir ausgerechnet den Versprechungen Ihrer Partei Glauben schenken?

Herr Kretschmann: Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital des Politikers, wer es verspielt, gewinnt es nur sehr schwer wieder zurück. Deshalb schenke ich den Wählerinnen und Wähler reinen Wein ein: Ich sage was ich politisch will und wie ich es umsetzen will. Aber ich mache keine Versprechungen, die ich nicht halten kann. Das ist nicht immer einfach für mich, denn viele wollen etwas anderes hören. So ist das etwa bei Stuttgart 21: Wir wollen es stoppen, aber ob wir das können, wird sich zeigen, zumal wir keinen Koalitionspartner haben, der das gleiche Ziel verfolgt.

FT: Für wie wichtig halten Sie es, dass sich auch junge Menschen mit Politik auseinandersetzen?

Herr Kretschmann: Früher oder später wird jeder junge Mensch feststellen, dass das, was ihn betrifft und sein Leben bestimmt, auch von ihm selbst gestaltet werden muss, sonst tun es andere. Das macht nicht immer Spaß, aber immer Sinn. Und es ist anstrengend, denn wir können Politik immer nur mit anderen zusammen machen, und die Menschen haben nun mal oft verschiedene Ansichten. Aber mit Argumenten andere zu überzeugen kann auch sehr befriedigend sein. Ich kann nur jedem raten: Misch dich ein.

FT: Welche Möglichkeiten bietet Ihre Partei Jugendlichen an, sich politisch zu engagieren?

Herr Kretschmann: Es gibt die grüne Jugend, es gibt grüne Hochschulgruppen, und es gibt die grüne Partei. Ob im Ortsverein, im Kreisverband oder als Delegierter bei Parteiversammlungen: Jedem Jugendlichen steht die ganze Palette des Mitmachens und Einmischens zur Verfügung.

FT: Gibt es noch etwas, was Sie an „uns“ Jugendliche loswerden wollen?

Herr Kretschmann: Die Jugend in Nordafrika ist gerade dabei, sich ihre Freiheit zu erkämpfen, mit Mut, Zuversicht und einem Riesenengagement. Unsere Freiheit hier beruht auch darauf, dass wir wachsam bleiben, wir nicht populistischen Demagogen oder mediengerechten politischen Popstars hinterherlaufen. Bleibt kritisch und wachsam, und überlasst das Machen nicht „Machern“, nehmt die Dinge selbst in die Hand!

ArtikelschreiberInterview: Christoph Baumann MailChristoph [dot] Baumann1 [at] t-online [dot] de