img1Das sogenannte „Dinner im Dunklen“ gibt es schon seit mehreren Jahren. Es entwickelte sich ursprünglich aus einem Dunkelrestaurant, in welchem Blinde bedienten.

Solche special events, als Alternative zu dem gewöhnlichen Essen, bieten mittlerweile immer mehr Gastronomiebetriebe an. So auch der Edelfinger Hof:

Wir Gäste wurden mit einem leckeren Aperitif und zuvorkommendem Personal empfangen. Niemand wusste so recht, was uns erwartete. Eine gewisse Spannung lag in der Luft. Alle Anwesenden waren mehr oder weniger ohne konkrete Vorstellung über den weiteren Verlauf des Abends.

Der Chef des Event-Lokals, Herr Motz, begrüßte die rund fünfzig Gäste freundlich, erläuterte nun den folgenden Ablauf und gab kleine, aber hilfreiche Tipps und Tricks zur Orientierung in der Dunkelheit. Er erklärte uns, wie die Tische eingedeckt seien und welche Flaschen und Karaffen wir auf unseren Plätzen vorfänden. Auch wurden wir gebeten keine Fotos zu machen und Lichtquellen, wie Handys, zu vermeiden.

Dann war es soweit! Immer vier Personen fuhren in einem Aufzug hinunter in den Keller. Im abgedunkelten, jedoch spärlich mit Kerzen bestückten Vorraum, warteten wir gespannt. Wie angekündigt wurde immer eine Personengruppe von dem geschulten Personal, welches mit Nachtsichtgeräten ausgestattet war, wie bei einer Polonäse langsam durch mehrere Vorhänge hindurch in den Speisesaal geführt und an die Plätze gebracht.

img1Es war ein komisches, ungewohntes und auch mulmiges Gefühl, die eigene Hand vor Augen nicht sehen zu können. Kein Spalt, kein Fenster, keine Kerzen – nur schwarz. Wenn nicht das Lachen, Fluchen und Reden der anderen Teilnehmer zu hören gewesen wäre, hätte man sich in solch einer Leere sehr schnell einsam gefühlt. Wo bin ich? Wer ist in meiner Nähe? Was ist vor mir? Wie sieht der Raum aus, in dem ich mich befinde? – waren Fragen, die uns durch die Köpfe schossen.

Unsere Vorspeise stand schon auf dem Tisch, war jedoch erst einmal nebensächlich. Auch wenn wir guten Hunger mitgebracht hatten, mussten wir uns vorerst auf die ungewöhnliche Situation konzentrieren. Körper und Geist versuchten einzuordnen, was gerade geschieht, versuchten mit dem Außergewöhnlichen umzugehen, was jedoch nur langsam gelang – bloß nichts umschmeißen, dachten wir uns!

Beim Essen dann die nächste Herausforderung, denn da niemand wusste, was es gab, war es schwierig zu ergründen, wo etwas auf unseren Tellern angerichtet war. Nach mehrmaligem Ins-Leere-Stochern mit Gabel und Messer wurde uns bewusst, dass wir, da unser Sehsinn komplett außer Gefecht gesetzt war, unseren Tastsinn einzusetzen hatten. Nun wurde also erst einmal gefühlt, was vor uns lag – und siehe da, aufgrund der Konsistenz mancher Lebensmittel konnte nun wenigstens erahnt werden, was gegessen wurde. Die verschmierten Hände und die Sauerei auf den Tellern sahen wir nicht und somit konnte man sich ganz ungeniert daranmachen, das Unentdeckte zu ergründen. Wir nahmen das Essen vor uns viel bewusster wahr. Nicht nur, dass es vorzüglich schmeckte, nein, es war das gezwungene Verlassenmüssen auf die noch übrigen Sinne wie Schmecken, Riechen und Fühlen, was die Spannung ausmachte.

Nach geraumer Zeit brachten die Kellner, welche wir nur durch ihre Stimmen wahrnehmen konnten, die Hauptspeise. Hier wurde es noch komplizierter, da man Warmes nur schwer mithilfe von Händen und Besteck zu sich nehmen konnte – doch wir waren voller Tatendrang und Neugierde Weiteres zu entdecken. Es war eine komische Art zu essen. Man hatte ein Erfolgserlebnis, wenn man das, was man aß, erraten hatte, war glücklich über das leckere Essen und auch, dass das Rotweinglas noch nicht auf dem Gegenüber gelandet war.

img1Auch fiel uns auf, dass man sein Gegenüber viel bewusster wahrnimmt. Man sieht nur Schwarz vor sich und hört dennoch eine vertraute Stimme. Man konzentriert sich so sehr auf seinen Tischnachbarn, dass man ungewöhnlicherweise das Drumherum völlig ausblendet. Es schien uns, als wären wir in einem eigenen Raum, in einer eigenen Welt. Unser Fokus lag, zumindest zwischen den Mahlzeiten, nur auf der gegenüber sitzenden Person. Man konnte nicht erahnen, wie der andere gestikuliert, wie sein Gesichtsausdruck ist, man sah kein Nicken und kein Kopfschütteln – wir waren ausschließlich auf die Stimme fixiert, – so sehr, dass man die 48 weiteren Personen im Raum gar nicht mehr wahrnahm. Man sah sie ja eh nicht. Vorher hätten wir uns eine solche Situation nie vorstellen können. In einem normalen Lokal schauen wir, auch wenn wir uns unterhalten, im Raum herum, begutachten die anderen Menschen, sehen den Kellnern mit den vollen Tellern hinterher, während wir auf unsere eigenen warten, studieren die Speisekarte und, und, und. Doch in völliger Dunkelheit fällt dies alles weg. Ein solches Gefühl hatten wir vorher noch nie.

Als wir den Nachtisch fertig gegessen hatten, klirrte auf einmal ein Glas. Aber nicht, weil es heruntergefallen war, sondern weil sich eine uns vertraute Stimme wieder zu Wort melden wollte. Es war der Chef. Er fragte nach unserem Wohlbefinden und auch nach unseren Vermutungen über das Essen und über die Größe des Raumes. Dann zündete er eine einzige Kerze an – es war unwahrscheinlich, wie hell sie uns schien. Es war, als erleuchtete dieses kleine Licht den ganzen riesigen Gewölbekeller. Es war ein warmes Licht und auch, wenn man zuvor nicht unbedingt Unbehagen verspürt hatte, war es doch eine Art von Erleichterung sein Augenlicht wiedergewonnen zu haben. Es fühlte sich gut an, seine Umgebung wieder wahrnehmen zu können, das Gegenüber anzulächeln und unsere Schweinerei auf den Plätzen zu begutachten.

img1Hatte ich mir das hier anders vorgestellt? Haben mein Unterbewusstsein, meine Wahrnehmung mich getäuscht? Haben meine anderen Reize versagt?

Jeder der anwesenden Gäste kann diese Fragen nur ganz für sich alleine beantworten, da jeder anders fühlte und andere Vorstellungen hatte, doch eins ist klar – es ist ein unglaublich spannendes Erlebnis, wenn eine menschliche Wahrnehmungsmöglichkeit wie ausgeschaltet ist – man keine andere Chance hat, als sich auf die anderen Sinnesorgane seines Körpers zu verlassen, aber dann in einer meist nie gekannten Intensität.

Es war ein lustiges-, es war ein sehr bereicherndes Erlebnis, das tiefer geht, als man es sich zunächst vorstellt, und somit nur weiter zu empfehlen ist!

Artikelschreiber Artikel: Jennifer Freisem
Mail jennifer [dot] freisem [at] tele2 [dot] de

Fotos: Klaus Schenck