Gewonnen oder verloren?
„Dead Sea“ – das Tote Meer in Amman, eine gar nicht mal ungefährliche Stadt. Als wir am Dienstag, den 5. April, am Flughafen in Jordanien landeten, warteten wir gemeinsam mit den anderen Fechtwaffen auf unser Gepäck, das wir zuvor beim Sperrgepäck abgeben mussten. Mit den Trainern, Physiotherapeuten und sonstigen Leitern machten wir uns samt unseren Rollbags auf den Weg zum Ausgang, wo bereits der Bus auf uns wartete. Wir stiegen ein und erreichten nach ca. 2 Stunden Fahrt unser Hotel. Beängstigend war, dass ungefähr 50 Meter vor unserem Hotel ein Jeep stand und darauf Männer in Uniformen mit Maschinengewehren. Was auch neu für mich war, wir mussten unsere Rollbags durch eine Sicherheitsschranke und einen Scanner schicken, denn dort konnten die Hotelangestellten feststellen, ob sich noch weitere Waffen in unseren Taschen befanden. Dies mussten wir jedes Mal vor Eintritt in das Hotel machen.

Voller Vorfreude, weil das Hotel total super und aufregend war – ich betone noch mal: aufregend (es hatte insgesamt 8 Pools und lag direkt am Toten Meer, die Zimmer waren besser denn je und das Essen war auch nicht schlecht) bezogen wir nach einigen Informationen unsere Zimmer. In der Lobby des Hotels stand ein Plan, wann welche Busse in die Fechthalle fuhren. Also nahmen wir am nächsten Tag den ersten Bus in die Halle, ließen unsere Sache bei der Waffenkontrolle überprüfen und hatten danach schon ein kleines Training. img1 Nicht umsonst kamen wir
4 Tage vor dem Wettkampf an. So hatten wir die Chance uns an das Klima, was eindeutig wärmer war als in Deutschland, und an das Essen zu gewöhnen. Außerdem hatten wir so noch genug Zeit, um ein paar Mal zu trainieren oder gar zu lektionieren. (Dies bedeutet Einzeltraining mit dem eigenen Trainer.) Als dann endlich die Wettkämpfe der anderen Waffen begannen, war es Standard, dass jede Waffenmannschaft gemeinsam bei dem gerade kämpfenden Fechter an der Bahn stand und ihn unterstützte durch Schreien, Klatschen oder sonstige Dinge! Bei jedem Sieg haben sich alle sehr gefreut und es machte Spaß anderen Fechtern unsere Nation mit dem Deutschlandanzug zu präsentieren. Natürlich kamen nicht alle sehr weit, was ziemlich schade war, aber so hatten dann die anderen unseres Teams die Chance ihr Können unter Beweis zu stellen.

img1 Nun stand mein „großer Tag“ schon vor der Tür! Wir standen an jenem Morgen auf und gingen gemeinsam frühstücken. Man sagt – „Mit vollem Magen, kann man nicht fechten.“ Doch ich hielt mich auch dieses Mal nicht an die Regel. Also aß und trank ich, so viel ich konnte. Zwei Stunden später waren wir abfahrtbereit und fuhren samt Rollbags in die Fechthalle. Doch diese schien nicht wie gewöhnlich! Es war nicht einfach nur eine stinkende Turnhalle mit aufgebauten Bahnen, nein, es war ein Palast! Mit Stöpseln und guter, motivierender Musik im Ohr lief ich mich ein und machte alle möglichen Aufwärmübungen, um richtig zu schwitzen :D.
Anschließend führte ich mein Dehnungsprogramm durch, um mir keinerlei Verletzungen zuzufügen. Kurz danach gab mir mein Trainer noch eine kleine Lektion, um die wichtigsten Aktionen zu üben und Gefühl dafür zu bekommen. Als dann endlich die Bahnen und Runden aufgerufen wurden, ging ich mit Waffen, Glücksbringer und Motivation an die Bahn. Meine Nervosität machte mir dabei keine Gedanken, denn meine Vorfreude war größer. In diesen „kurzen“ Gefechten auf fünf Treffer gab ich alles, um möglichst gut gesetzt zu werden, um später einen einfacheren Lauf zu erhalten.

Alle Nationen der ganzen Welt waren jeweils in Runden eingeteilt. Von jedem Land waren die besten 3 dabei.
In meiner Runde gewann ich 4 Gefechte und verlor 2. Nach Auswertung der Runden ging es später in der Finalhalle mit den KO-Gefechten weiter, welche auf 15 Treffer ausgefochten werden.

img1 Zuerst hatte ich ein Freilos und war automatisch in der nächsten Runde der besten 32 aus der ganzen Welt. Danach musste ich gegen eine Fechterin der USA fechten, ihr Name war „Russo“. Dieses Gefecht gewann ich relativ eindeutig. Dies gelang mir mit viel Kämpfen. Nachdem ich dieses Gefecht gewonnen hatte, war ich direkt in der nächsten Runde und somit unter den besten 16 der Welt. Anschließend musste ich gegen die Juniorenweltranglisten Erste fechten. Gedanken machte ich mir nicht wirklich. Angst hatte ich auch nicht. Das Gefecht verlief lange so, dass meine Gegnerin und ich abwechselnd Treffer setzten. Nach dem achten Treffer und der Pause gelang es mir durch die Tipps meines Trainers eine kleinen Vorsprung zu erzielen.

Da ich am Ende nicht mit ihr spielte, sondern meine stärksten Aktionen weiterfocht und mich gut umstellen konnte, gewann ich auch dieses Gefecht 15:12 und war so unter den ersten acht.

Ab der Gruppierung der letzten 32 wurden wir an unseren Elektrowesten durch W-LAN T-Shirts verbunden, so war das Fechten möglich, ohne mit Kabeln an der Bahn verbunden zu sein. Zudem mussten wir nach jedem Gefecht in den „Callroom“ gehen und unsere Waffen erneut testen lassen. Wenn die einzelnen Gefechte aufgerufen wurden, musste das gegeneinander fechtende Pärchen hinter den Kindern herlaufen, welche die Ausrüstung in einem Rollbag an die Bahn zogen. Nach einer großen Pause, in der ich die Chance hatte mich zu erholen, war mein Kampf gegen die Russin „Bolshakova“ an der Reihe. Mir gingen viele Sachen durch den Kopf, denn dies war der letzte Schritt zu meiner ersten Weltmeisterschaftsmedaille.

Ich habe wie ausgewechselt gefochten, war nicht ich selbst auf der Bahn und verlor dieses Gefecht. Oft ging mir durch den Kopf, dass ich jetzt nicht verlieren darf, und das war der entscheidende Fehler! Ich setzte mich also selbst unter Druck, was unter gar keinen Umständen hätte passieren dürfen. Und wenn dieser Gedanke erst einmal im Kopf ist, bekommt man ihn auch nicht ganz so schnell wieder los.

img1 Auch die Tipps meines Trainers konnte ich entweder nur schwer oder auch gar nicht umsetzen. Die Schreie meiner Teamkollegen im Hintergrund machten mir Mut und dann holte ich doch noch auf. Denn ich wusste, dass mein Team und auch andere hinter mir standen und ich nicht alleine war. Allerdings holte ich zu spät auf!! In meiner Waffe ist es sehr wichtig, den Anfang nicht zu verschlafen – doch weil dies der Fall war, konnte ich nur schlecht aufholen. Ich war sehr enttäuscht und hatte Angst, dass mein Trainer es auch war. Heute habe ich daraus gelernt, dass es nicht wichtig ist, was andere denken und dass ich mir im Voraus keine Gedanken um Gewinnen oder Verlieren machen darf. Entscheidend ist, wo meine Gedanken während des Gefechts sind und diese sollten nur bei diesem einen Kampf sein.

Video: Bolshakova vs. Freudenberger

Es kam anders als erwartet. Mein Trainer nahm ich den Arm und sagte, dass er stolz auf mich ist, dass ich generell gut gefochten habe und das es sehr schade sei, dass ich das letzte Gefecht verlor. Kurze Zeit später besprachen wir meinen Kampf, denn nur so konnte ich lernen, gleiche Fehler für die Zukunft zu vermeiden. Immer noch enttäuscht fuhr ich ins Hotel zurück und meine Gedanken blieben noch lange bei meiner Niederlage. Erst später habe ich gemerkt, dass ich aus dieser Niederlage viel an Erfahrung dazu gewann. Ich hatte einiges gelernt und zudem hatte ich die Weltranglistenerste geschlagen. Also war die Frage „Gewonnen oder verloren“ längst beantwortet gewesen.

img1 ArtikelschreiberArtikel: Lisa Freudenberger  Mail  lisa [dot] freudenberger [at] gmx [dot] de

ArtikelschreiberFotos: Lisa Freudenberger