Das Abi war geschrieben und wochenlanges Feiern lag hinter mir. Doch was nun? In wenigen Monaten schon anfangen zu studieren? Klares Nein! Nach 13 Jahren Schule musste erst mal eine Auszeit her. Bund bzw. Zivi ließen sich ja doch recht leicht umgehen, denn so stellte ich mir meine Auszeit nicht vor. FSJ war auch keine wirkliche Option, Praktika in Deutschland zu langweilig und im Ausland entweder nur unbezahlbar oder selbst mit viel Vitamin B nur schwer zu bekommen. Meine erste Wahl waren die USA – cooles, mächtiges Land mit anmutendem Slang. Da die USA zu der Zeit aber stark an der Finanzkrise litten, war es leider nicht möglich, eine Praktikumsstelle zu bekommen. Aber welches Land sollte es denn dann werden? Europa? Kennt man größtenteils schon und ist einfach zu nah dran. Dann lieber gleich ans andere Ende der Welt! Gesagt, getan: Online ein Working Holiday Visum für ca. 100 ? beantragt, Fragebogen ausgefüllt – bei Mörder, Terrorist und Rassist „Nein“ angekreuzt – und bereits eine halbe Stunde später bekam ich die Bestätigung per Mail, ich sei genommen und bräuchte nur noch innerhalb von 12 Monaten am Flughafen in Australien auftauchen. So einfach kann das doch nicht sein? Doch, ist es! Das Working Holiday Visum enthält eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für ein Jahr und kann bei bestimmten Kriterien auch auf zwei Jahre verlängert werden. Ähnliche Programme gibt es auch für Neuseeland, Japan und Kanada. So weit, so gut, fehlten nur noch der Flug, ein Rucksack und eine Kamera.

Wenige Monate später verabschiedete ich mich schweren Herzens von meinen Liebsten, stieg dann aber doch sehr optimistisch ins Flugzeug nach Hong Kong. Da man sowieso einen Stopover machen muss, habe ich meinen Aufenthalt in HK einfach auf 5 Tage verlängert. Ein bisschen chinesischen Lifestyle, Nachtleben und Smog genossen und es ging weiter nach Perth, australische Westküste. Dort angekommen kam ich erst mal für eine Woche bei einem Bekannten unter, wo ich in einer Baumschule meine ersten paar hundert Dollar verdiente. Nach einer Woche wollte ich dann aber doch selbstständig unterwegs sein und bin in ein Hostel in die City gezogen. Hier lernt man auch gleich jede Menge Leute aus allen Winkeln der Erde kennen, mit denen man seine Weiterreise planen kann. Dass Perth eine der schnellst wachsenden und teuersten Städte der Welt ist, habe ich dann auch recht schnell gemerkt. Für ein kleines Bier in den Clubs legt man gut und gerne 10 $ hin und Raucher bezahlen mindestens 15 $ für eine Packung Zigaretten (Wechselkurs um 0,75).

img1 So musste ich mir also bereits nach wenigen Wochen als Fundraiser (Spendensammler) über die Runden helfen. Kein schöner Job, aber 300 $ cash an meinem ersten Arbeitstag sprachen für sich. Ja, soviel kann man verdienen als Spendensammler, sei es bei Greenpeace, Unicef oder kleineren Vereinen. Da ich diese Abzocke aber nicht unterstützen wollte, habe ich noch in der ersten Woche gekündigt. Ausreichend Geld für den Roadtrip nach Exmouth hatte ich bis dahin wieder zusammen.
Zusammen mit zwei Gleichgesinnten und einem Camper-Van nahm ich den 5000 km Trip gen Norden in Angriff: Schwimmen mit drei Meter langen Haien, Delfin-Fütterungen am Strand, Korallenriffe, Stachelrochen, Sandboarden und Riesenschildkröten hautnah sind nur wenige der Highlights des 3-wöchigen Trips.

img1
img1 Als Nächstes war der Süden Australiens angesagt, diesmal in Begleitung eines Iren. Entlang der Küste von Perth nach Adelaide gab es wunderschöne Strände, Surfoasen, zerklüftete Klippen und dramatische Sonnenuntergänge zu sehen. Weihnachten und Silvester habe ich dann natürlich „The Aussie Way“ mit ein paar Bierchen bei über 30°C am Strand in Melbourne verbracht. Sonnencreme anstatt Winterjacke – eine angenehme Alternative. Melbourne – launisches Wetter, tolle Leute und City-Flair. Mal sehen, ob Sydney das noch zu toppen vermag. Nach Silvester in der Millionenstadt haben ein Freund und ich uns spontan dazu entschlossen, Tasmanien und Neuseeland zu erkunden.

img1
Doch zuerst musste das nötige Kleingeld her. Inserate im Internet durchgeschaut, etwas Passendes gefunden, angerufen und wir konnten schon am nächsten Tag anfangen. Den 600 km Trip haben wir mit einem ebenfalls arbeitssuchenden Australier bestritten. Es ging los mit Orangen ernten von Hand: Anfangs etwas mühsam und schwierig, aber nach ein paar Tagen hat man die Pflück-Technik in Höchstgeschwindigkeit dann heraus und arbeitet seine 13-14 Stunden am Tag bei 40° in praller Sonne. Klingt nach harter Arbeit? Man gewöhnt sich daran! Außerdem sind die 8 m³ geernteten Orangen mit einem Lohn von ca. $200 pro Tag ein nettes Trostpflaster. Nach 2 Wochen wurden zwei Jobs als Traktor- bzw. Quadfahrer frei, die wir natürlich gerne annahmen. In einem klimatisierten Traktor mit Radio zu sitzen oder mit einem Quad durch die Plantage zu heizen ist doch etwas anderes als in der prallen Sonne zu schuften. Da wir aber nur eine 9 h Schicht bekamen, sind wir danach zurück aufs Feld und haben bis zum Sonnenuntergang noch ein paar „bins“ gepflückt. Nach 5 Wochen hatten wir ein nettes Sümmchen erarbeitet und fuhren zurück nach Melbourne.

img1
Schnell den Flug nach Tasmanien gebucht, ein Auto gemietet und schon konnte es losgehen. „Tassie“ – Australiens südlichster Fleck – stellt mit seinen Wasserfällen, grünen Berglandschaften und Urwäldern einen krassen, aber erfrischenden Gegensatz zum sonst roten, heißen und sandigen Festland dar. Eine Woche später ging es dann für drei Wochen nach Neuseeland. Der Hauptgrund war für mich die atemberaubenden Möglichkeiten für Extremsport, weshalb wir die Hälfte der Zeit in Queenstown – „the worlds adrenaline capital“ – verbrachten. Alleine in dieser Stadt wurden wir dank Skydiving, Rafting, Canyoning und Bungy Jumping locker $2000 ärmer. Ein teurer Spaß, aber jeden einzelnen Cent wert! Höher als von 134 Metern in eine Schlucht springen kann man nur an zwei Orten auf der Welt. Auch aus über 4000 m Höhe 45 Sekunden freien Fall mit eigenem Kameramann genießen kann man nicht überall! New Zealand – mit seinen glasklaren Seen, türkisen Flüssen und den weltweit reinsten Frischwasserquellen – ein wunderschönes Land, das einen Besuch auf jeden Fall wert ist!

img1
Nach der grünen Abwechslung ging es zurück aufs rote Festland. In Melbourne kauften wir uns einen Camper-Van. eine Geschichte für sich: Der Verkäufer zeigte uns ein TÜV ähnliches, in Australien zur Ummeldung notwendiges Dokument, das lediglich erneuert werden müsste. Als wir dies tun wollten, offenbarte man uns lachend, da wäre wohl geschmiert worden und der Wagen würde so bestimmt keinen TÜV bekommen. Wir sollen uns aber keine Gedanken machen und den Van einfach im Namen des Verkäufers weiterfahren – als Dank für seine Abzocke muss er dann wohl für alle unsere Verkehrssünden geradestehen. Dieser Verpflichtung sind wir dann natürlich wohlwollend nachgekommen. Immerhin brachte uns das gute Stück bis an unser Ziel in Brisbane, wo ich ihn zum dreifachen Preis wieder verkaufte. In der Gründungsstadt der Surf-Marke Rip Curl, an einem der besten Surfspots weltweit kaufte ich mir ein Surfboard und Neoprenanzug, um mich diesem Sport auf dem Weg von Melbourne gen Norden an der Küste entlang zu widmen. Tatsächlich fand ich zahlreiche gute Surfspots wie beispielsweise Bondi Beach, Byron Bay und Surfers Paradise (ja, die Stadt heißt wirklich so!).

img1
Sydney ist eine beeindruckende Stadt, konnte mich aber dennoch nur eine Woche fesseln, da es noch so viel mehr zu sehen gab. Da sich unser Australien Aufenthalt aber langsam dem Ende neigte, beschlossen wir uns einen letzten Job zu suchen, um den anschließenden Thailand Urlaub zu finanzieren. In Byron Bay rief ich bei einem vielversprechenden Arbeitgeber an, der mir anbot (14:00) am nächsten Morgen um 6:00 anzufangen. Leider trennte uns eine Distanz von etwa 800 km, die ich um 16:00 antrat. Um ca. 4:00 nachts waren wir angekommen, gönnten uns ein Nickerchen und gingen zur Arbeit. Diesmal ging es um große Erntetraktoren, deren Größe und Komplexität ich am Telefon leicht unterschätzte. Mit „No worries, mate. You gonna make it!“ ermutigte mich mein Chef nach einer 5-minütigen Einführung und der erste Arbeitstag konnte beginnen.

img1
Dank der australischen Lockerheit ist ein extrem lockerer Umgang mit dem Chef, Polizisten und Autoritäten jeglicher Art völlig normal. So verwendet man stets „mate“, „bro“ und „buddy“ (zu Deutsch etwa „Alter“, „Bruder“ und „Kumpel“) oder „cheers“ als Ersatz für „thanks“. Nach einigen Tagen hatte ich mich an den neuen Job gewöhnt und die Arbeit ging trotz 13 h Schichten ohne Pause gut von der Hand. Obwohl es bereits Winter war, konnte man sich nachmittags bei locker 25° in der Sonne in Badeshorts draußen aufhalten. Als nach sechs Wochen die Zeit langsam ausging, fuhren wir nach Brisbane und genossen unsere letzten Tage in Australien, bevor das nächste Land in Angriff genommen wurde.

Australien – das Land der Gegensätze, ewigen Sommers, Naturwunder und unglaublicher Lockerheit! Ich vermisse es bereits sehr und kann dieses Land jedem aufgeschlossenen Reisewütigen empfehlen. Ich habe Erfahrungen mit nach Hause genommen, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, die mich geprägt haben und an die ich gerne zurückdenke. Ebenfalls habe ich neue Freundschaften geschlossen und eine Mentalität kennenlernen dürfen, die der typisch deutschen Spießigkeit kaum ferner sein könnte!

Cheers mate!

Artikelschreiber Artikel: Leo Herbst
Mail leo [dot] herbst [at] gmx [dot] de