Warum tun Menschen dies anderen Menschen an?

Bereits in der Bibel wird einer der wichtigsten Grundsätze für ein friedliches und harmonisches Miteinander aufgegriffen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, Moses, 19,18. Leider entfernen wir uns in der heutigen Zeit immer weiter von dieser Richtschnur. Immer wieder wird man durch die Medien mit den schrecklichsten Taten, die Menschen begehen können, konfrontiert – seien es Gewalttaten, Amokläufe oder Morde. Aber es müssen nicht immer Taten mit solch schlimmen Ausmaß sein, um zu verdeutlichen, wie viel beziehungsweise wie wenig uns an unseren Mitmenschen liegt. Eine immer häufiger auftauchende Form der Schädigung von Menschen ist das Mobbing. Mobbing ist zwar ein sehr sensibles Thema, aber leider auch ein immer wichtigeres, da unsere Kinder und Jugendlichen in ihrem Alltag sehr wahrscheinlich mit Mobbing in irgendeiner Form konfrontiert werden. Da sich die virtuelle Welt, die durch Internet und Handys geprägt ist, immer weiter ausdehnt, gelingt es auch dem so genannten Cyber-Mobbing Fuß in unserer heutigen Gesellschaft zu fassen. Denn für welchen Jugendlichen ist es heutzutage nicht selbstverständlich, Freundschaften und Beziehungen über Handy und Internet zu pflegen? Für Menschen, die bisher wenig Erfahrung im Umgang mit derartigen Kommunikationsmitteln haben, stellt dies ein ganz neues Themengebiet dar, welches durch unsere Facharbeit nun erschlossen werden kann.

Begriff „E-Mobbing“
Allgemein versteht man unter dem Begriff „Mobbing“ so viel wie „anpöbeln“ oder „über jemanden herfallen“. Hierbei können drei verschiedene Formen des Mobbings unterschieden werden: Erstens das verbale Mobbing, wobei man seinen Gegenüber durch sprachliche Mittel, wie Verspotten oder Verbreiten von Gerüchten, schikaniert. Zweitens das physische Mobbing, welches durch körperliche Gewalt, wie beispielsweise Schlagen und Stoßen, gekennzeichnet ist. Und drittens das psychische Mobbing, bei welchem das Mobbing-Opfer ignoriert und aus der Gruppe ausgegrenzt wird.
E-Mobbing findet meist in Form des verbalen und psychischen Mobbings Anwendung. Eben dieses elektronische Mobbing, kurz E-Mobbing, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Vieles ging über diese Art des Mobbings bereits durch die Medien mit tragischen Ausgängen; doch was ist E-Mobbing überhaupt? Allgemein gesagt sprechen wir von E-Mobbing oder auch Cyber- Mobbing, sobald eine andere Person per SMS, E-Mail oder auf andere Art und Weise im Internet schikaniert, belästigt, bedroht, beleidigt oder ausgegrenzt wird – meist über einen längeren Zeitraum hinweg. Vor allem soziale Netzwerke werden im Internet für derartige Übergriffe missbraucht. E- Mobbing – und das macht die ganze Sache so brisant – ist etwas fast schon Alltägliches und wird von ganz normalen Menschen ausgeübt. „Mobber“ bedienen sich dementsprechend vielfach ganz ‚alltäglicher‘ Mittel, um ihr Opfer zu verunsichern und zu diskriminieren. Cyber-Mobbing unter Jugendlichen findet fast ausschließlich in der unmittelbaren Alltags-Umgebung der Opfer statt – vor allem die Schule ist wichtiger Bestandteil hiervon. Daher beschränken wir uns in der Facharbeit auf einen entsprechenden Fall in bzw. im Umfeld der Schule.

Warum tun Menschen dies anderen Menschen an?
Von E-Mobbing sind mehr Menschen betroffen, als man denkt, knapp jeder fünfte Schüler im Alter zwischen sechs und 19 Jahren war schon einmal Opfer von Handy- oder Internet-Mobbing. Doch die eigentliche Frage, die man sich bei all diesen Fakten stellen sollte, ist die Frage nach dem Warum. Warum gibt es Menschen, die dies anderen immer und immer wieder antun? Dieses Problem der Verursachung ist nur schwer zu klären. Für gewöhnlich kommen mehrere Faktoren zusammen, die einerseits am Opfer selbst liegen können oder andererseits in der Persönlichkeit des „Mobbers“ zu suchen sind. Anhand eines selbstgewählten Beispiels, das sich wie ein roter Leitfaden durch den Verlauf unserer Facharbeit ziehen wird, wollen wir nun dieses brisante Thema intensivieren und gleichzeitig dessen Wichtigkeit betonen.
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Beim Cyber-Mobbing ist es üblich, dass sich Opfer und Täter auch aus der „realen“ Welt kennen. In der Regel sind es also Personen aus dem eigenen Umfeld, die die Initiatoren des Mobbings sind, beispielsweise Nachbarn, Verwandte oder Schulkameraden. Mobber picken sich gezielt jemanden heraus und behandeln ihn auf verschiedene Weise so herablassend, dass der andere zum Opfer wird, wie auch Isabel. Gerade in ihrem Fall wird deutlich, dass sich die 14-Jährige alle Vorfälle stark zu Herzen nimmt. Sie ist von Natur aus ein sehr sensibles Mädchen und psychisch sehr labil. Das Einzige, was sie will, ist Klarheit – eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Doch diese Frage ist alles andere als leicht zu beantworten, denn auch in Isabels Fall haben ihrer Peiniger mehr als einen Grund. Meistens ist es so, dass die Vorfälle im Zusammenhang mit einer Vorgeschichte stehen und Ausdruck für gestörte Kommunikation sind. Häufig kommt es bei Jugendlichen zu Konflikten in der Klassengemeinschaft oder zu einer Veränderung von Freundschaften. Gute Freundschaften brechen auseinander und unter ehemals besten Freunden entstehen Hass- oder Rache-Gefühle, denen man dann überwiegend übers Internet freien Lauf lässt. Ferner können Mobbing-Attacken auch aus Gründen der Langeweile getätigt werden. Entdeckt der Mobber beispielsweise ein peinliches Foto einer Klassenkameradin im Internet, kann sich ein Streit entwickeln, der weite Kreise zieht. Werden solche persönlichen Informationen unerwünscht im Internet veröffentlicht, bietet das scheinbar Anlass genug für Cyber-Mobbing. Genauso gut kann aber auch die Kultur für Mobbing-Übergriffe verantwortlich sein, nämlich sobald interkulturelle Konflikte zwischen Jugendlichen verschiedener Nationalitäten entfachen. Möglich ist es aber auch, dass es gar keinen konkreten Anlass, wie etwa einen Streit, gibt.
Vor allem beim E-Mobbing fällt auf, dass es hier dem Täter relativ leicht gemacht wird ein Opfer zu finden und sich an diesem zu vergreifen – den unendlichen Weiten des Internets sei Dank. Heutzutage gibt es kaum noch Jugendliche, die nicht in irgendeinem Chat angemeldet sind, sei es bei ICQ, Partyfans oder Schueler VZ – man muss ja schließlich „IN“ sein. Gerade diese Chats sind es aber, was sich gut anhand des Beispiels von Isabell zeigen lässt, die sich für sogenannte „Mobber“ anbieten. Mit einem Klick können sie sich hier anmelden und haben mit dem Nächsten bereits schon ihr Opfer im Visier. Zudem bringt Cyber-Mobbing im Vergleich zu direktem Mobbing einige ganz neue Komponenten ins Spiel:
Isabel kann den Cyber-Mobbing-Attacken nur schwer entgehen, da Internet und Handy permanent verfügbar sind. Die Quälereien erreichen Isabel selbst am Rechner zu Hause, der Täter dringt also sehr tief in ihre Privatsphäre ein. E-Mobbing kann aber nicht nur rund um die Uhr stattfinden, es erreicht durch die schnelle Verbreitung von Inhalten auch eine breite Öffentlichkeit. Selbst wenn die Nachricht über Isabels Note 6 im Mathetest auf einer Website schon gelöscht wurde, wurde sie möglicherweise längst vielfach kopiert und weitergeschickt. Die Verlockung ist über das Netz aber auch deshalb besonders groß, da man nicht direkt mit der anderen Person, die gemobbt werden soll, konfrontiert wird. Weil geschriebene Bosheiten aber immer wieder nachgelesen werden können und somit dauerhaft sind, können sie noch weitaus verletzender sein als gesprochene. Lediglich zum Verfassen eines Textes muss sich der Peiniger aufraffen und kann diesen ohne erkannt zu werden auch noch anonym unter erfundener Identität abschicken, was bei Isabel allerdings für weitere Angst und Verunsicherung sorgt. Gerade dieser Aspekt verdeutlicht, dass „Mobber“ oft ein minderwertiges Selbstwertgefühl haben, sie haben eine schwache Persönlichkeit und sind feige. Dennoch fühlt sich Isabels „Mobber“ mit jeder Sms und Mail, die er an sie versandt hat, stärker und mächtiger – Isabel hingegen ist mittlerweile dauerhaft mit dem Gefühl der Erniedrigung belastet und wird in der Klasse zunehmend mehr isoliert. Es wird also deutlich, dass die Kluft zwischen Opfer und Täter mit jedem Angriff größer wird.
Darüber hinaus bleibt Isabel nichts erspart: Neben den fiesen E-Mails muss sie auch nahezu täglich spöttische Sms lesen. Genauso wie in Isabels Fall wird in der Regel nicht nur über einen Medienkanal gemobbt, die Opfer sind vielmehr vielen unterschiedlichen Belästigungen ausgesetzt. Handy und Internet werden auf diese Art und Weise für die vielfältigsten Variationen des Cyber-Mobbings missbraucht. Mithilfe der Kommentarfunktion bei Fotos und Videos können boshafte Beschimpfungen und Beleidigungen hinterlassen werden, die für alle sichtbar sind. Das Opfer wird öffentlich bloßgestellt. Ferner werden Opfer mit unterdrückter Rufnummer auf dem Handy verspottet. Darüber hinaus bedrohen und erpressen die „Mobber“ mit anonymen Handy-Anrufen und verstellter Stimme ihre Opfer. E-Mobbing tritt aber auch in Form von sexueller Belästigung und unangenehmen Anmachen auf. Dies betrifft vor allem Mädchen, die freizügige Bilder von sich im Internet veröffentlicht haben. Die Verbreitung intimer oder peinlicher Fotos sowie gefälschter Bilder, die über Bild-Bearbeitungsprogramme verunstaltet wurden, zählt ebenfalls zum Cyber-Mobbing. Von elektronischem Mobbing spricht man aber auch, wenn unbeliebte Personen aus Computerspiel-Teams ausgeschlossen werden. So bleibt den Opfern nicht nur der Zugang in die Gemeinschaft verwehrt, sondern auch die beliebte Freizeitaktivität muss aufgegeben werden. Ähnliches trifft auch auf soziale Netzwerke zu, wo die Anzahl der Freunde als soziales Statussymbol gilt. Viele virtuelle Freunde kündigen dem Opfer die Freundschaft, worunter zwangsweise dann auch dessen soziales Ansehen zu leiden hat. Legt man unter falschem Namen in einem sozialen Netzwerk ein neues Profil an und beschimpft dann beispielsweise über dieses Profil die Freundinnen des Opfers, ist dies unter dem Stichwort „Identitätsdiebstahl“ bekannt. Die Absicht von Isabels „Mobber“ liegt auf der Hand: Er will die Schikanen nutzen, um seine Stellung in der Clique zu festigen und um zu zeigen, wer das Sagen hat. In seinen Augen präsentiert er sich nämlich stark und mächtig, indem er die wehrlose Isabel einschüchtert und ihr täglich stärkere Angst einjagt. Zusätzlich nutzt der Mobber seine Cyber-Mobbing Attacken als Ventil für aufgestaute Aggressionen. Mobbing fungiert aber auch als Faktor, der das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Es geschieht meist innerhalb einer Gruppe, nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“. Aber auch die Angst, selbst zum Mobbing-Opfer zu werden, spielt beim E-Mobbing eine entscheidende Rolle. Denn wer riskiert schon gern seine Zugehörigkeit zur Gruppe? Scheinbar ist Isabel das perfekte Opfer: Sie hat einen Außenseiterstatus in der Klasse und gehört zu keiner Clique, weswegen sie sich kaum wehren kann. Die Gründe, warum Isabel ständig an den Rand gedrängt wird, können trotz all dem sehr vielseitig sein. So kann Isabels Kleidung, ihr Äußeres, ihre Schüchternheit oder gar ihre strenge Mutter ausschlaggebend dafür sein, dass sie als Outsider abgestempelt wird. Doch nicht nur Außenseiter in der Klasse, sondern auch Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten, wie z.B. Neuankömmlinge, sind möglicherweise gefährdet. Feststeht allerdings, dass Isabel aus irgendeinem Grund „anders“ als ihre Klassenkameraden ist – zumindest aus der Perspektive derer. Ersichtlich wird, dass Jugendliche, deren Anliegen es ist, andere zu kränken, immer einen Anlass finden. Daraus ergibt sich, dass es kein eindeutiges Opferprofil gibt, jedoch sind vor allem jüngere Schüler der unteren Klassenstufen von E-Mobbing betroffen. Je älter sie dann sind, desto weniger werden sie gemobbt. Im Gegensatz zum direkten Mobbing, wovon vorwiegend Jungen betroffen sind, sind es beim E-Mobbing beide Geschlechter.
Mittlerweile ist Isabel bewusst geworden, dass sie ihr mobbender Klassenkamerad mehr und mehr offen erniedrigt. Anfangs geschah noch alles im Verborgenen, inzwischen aber weiß die ganze Klasse über die Sms, die Mails und den „Hate-Block“ in SchuelerVz Bescheid. Diese Entwicklung liegt vor allem darin begründet, dass sich Isabel nach einiger Zeit in ihre Verlierer-Rolle gefügt hat.
img1Die 14-Jährige hat immer noch nicht herausfinden können, wer und wie viele Leute überhaupt an den Mobbing-Aktionen beteiligt sind. Aufgrund der Tatsache, dass das Mädchen seinen Peiniger nicht sieht, bleibt es ihr scheinbar verwehrt sich zu wehren. All dies lässt elektronisches Mobbing noch schlimmer als direktes Mobbing erscheinen. Der „Mobber“ nutzt seine Überlegenheit weiterhin aus, um Isabel unter Druck zu setzen und sie gezielt zu terrorisieren. Isabels Mobber verhält sich wie alle Peiniger selbstsicher und dominant, entsprechend aggressiv ist seine Wortwahl in den E-Mails. Er hat kein Mitleid mit Isabel. Erst gestern hat Isabel wieder eine neue E-Mail empfangen: Der Mobber teilte ihr mit, er habe überall herum erzählt, Isabel habe die Note 6 im Mathetest geschrieben. Darüber hat er „An die blöde Kuh“ geschrieben. Leider werden immer mehr Opfer verbal gemobbt, üble Gerüchte und Schimpfwörter machen inzwischen immer häufiger über E-Mails und Sms die Runde.
In Isabels Fall spräche man nicht von Mobbing, wenn sie „nur“ ab und zu im Internet blöd angequatscht würde und mal der eine, mal der andere der Übeltäter wäre. Entscheidend zur Kennzeichnung als Mobbing-Fall ist vielmehr auch die Tatsache, dass sich Isabel und der anonyme Täter jetzt schon über einen längeren Zeitraum hinweg nicht vertragen und durch die Auseinandersetzung ein zunehmendes Machtgefälle entstanden ist. Außerdem kann man E-Mobbing von „harmlosen“ Konflikten dadurch abgrenzen, dass sich das Opfer dauerhaft niedergeschlagen fühlt und sehr hilflos reagiert. Die Mobbing-Attacken wirken sich mittlerweile nämlich auch auf Isabels Verhalten in der Schule aus: Im Sportunterricht wird das Mädchen bei Mannschaftssportarten häufig als Letzte ausgewählt und in der Pause wird sie ganz und gar von gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen. Demzufolge steht Isabel oft alleine herum und sucht immer öfters die Nähe ihrer Lehrerin. Daraus geht hervor, dass Isabel sich nicht nur hilflos fühlt, sondern es auch tatsächlich ist. Weil mittlerweile die ganze Klasse von dem E-Mobbing gegenüber Isabel weiß, schämt sie sich auch noch vor den Klassenkameraden. Die ständigen Angriffe, denen Isabel nichts entgegenzusetzen hat, verursachen schlichtweg Angst bei der 14-jährigen Schülerin. Sie hat Angst davor, dass gleich wieder eine Sms droht, die sie aufs Neue schikaniert. Angst davor, dass sie sich auch diesmal nicht wehren kann und hilflos ist. Angst wiederum bedeutet Stress und Stress macht bekanntlich krank. Ein ähnlicher Prozess kommt so auch bei Mobbing-Opfern aufgrund der Mobbing-Übergriffe ins Rollen. Zunächst gelang es Isabel nicht, die E-Mails und Sms zu deuten. Anfangs konnte sie also die Situation noch nicht einschätzen, war irritiert und verwirrt zugleich. Aufgrund dessen konnte sie sich in der Schule nicht mehr richtig konzentrieren und vergaß vieles. Jetzt aber, wo Mobbing schon längst den Alltag von Isabel bestimmt, beschäftigen sie nur noch die Quälereien, die sie tagtäglich aufs Neue erleidet: Wieso gerade ich? Warum hilft mir denn keiner? Kann ich die Sache überhaupt jemandem anvertrauen? Isabel fühlt sich umso elender, je mehr sie grübelt. Es ergibt sich ein Teufelskreis, dem das Mädchen jeden Tag ausgesetzt ist. Unumstritten ist zunächst, dass das Selbstbewusstsein leidet – so wirkt Isabel beispielsweise sehr nervös und ängstlich, wenn sie vor der Klasse sprechen soll. Nachts ist Isabel von Alpträumen geplagt und kann nicht mehr richtig schlafen, mittags hat die Schülerin keinen Appetit und die Kopf- und Bauchschmerzen lassen sie oft tagelang nicht mehr los. Darüber hinaus verliert die 14-Jährige jegliche Lust, etwas zu unternehmen. Insgesamt fühlt sie sich gedemütigt und ganz allein gelassen. Demzufolge ist es kein Wunder, dass Isabel in der Schule derzeit einen Durchhänger hat und schlechte Noten mit nach Hause bringt. Zum Mobbing-Stress kommt dann noch Schulstress hinzu. Isabel plagen immer größer werdende Versagensängste. Das Mobbing-Opfer fühlt eine Blockade: Nichts geht mehr. Isabel wird zudem immer verschlossener, auf Nachfragen der Mutter gibt sie keinen direkten Hinweis auf einen Vorfall und spielt die Situation herunter. An dieser Stelle hat es Isabels Mutter versäumt mit viel Geduld und erneuten Gesprächsangeboten auf das Mädchen zuzugehen.

Um den Mobbing-Opfern all die obigen Folgen zu ersparen, wären wohl vor allem auch an Isabels Schule einige präventive Maßnahmen gegen Mobbing sinnvoll gewesen. Zunächst gilt es, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken, dadurch wissen sie sich in schwierigen Situationen besser zu helfen. Oft ist es den Schülern nicht bewusst, dass ihre Taten andere verletzen. Daher ist es sinnvoll, die Schüler für dieses Thema sensibel zu machen. Um die Anzahl der Cyber-Mobbing Fälle zu reduzieren, kann auch die Verbesserung des Klassenklimas vorbeugend wirken. Erreicht werden kann dies vor allem durch projektorientiertes Lernen sowie die Wertschätzung füreinander. Denn generell gilt, je früher die Schüler einen wertschätzenden Umgang miteinander erlernen, desto unwahrscheinlicher ist das Auftreten von Cyber-Mobbing. Unumstritten bleibt auch die Tatsache, dass ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler dafür sorgt, dass sich die Betroffenen schneller an den Lehrer wenden. Genauso zentral erscheint es aber auch, das Thema „Cyber-Mobbing“ mit in die Schul- und Hausordnung aufzunehmen. So eine transparente Behandlung ermöglicht es, später leichter mit der Thematik umzugehen. Je öfter und je offener in der Klasse über Mobbing gesprochen wird, umso geringer wird die Gefahr, dass gemobbt wird. Eine weitere Idee zur Prävention gegen E-Mobbing ist die Einrichtung eines „Kummerkastens“, wo die Schüler anonym von Mobbing-Fällen berichten können. Außerdem darf man auch nicht die zahlreichen Hilfsangebote von außen vernachlässigen. So können Präventionsbeamte der Polizei, Schulpsychologen sowie Schulsozialarbeiter über einen verantwortungsvollen Umgang mit Internet und Handy aufklären und professionell eingreifen. Leider ist Cyber-Mobbing von außen nur schwer zu bemerken und zudem wird der Ernst der Lage häufig nicht erkannt. Wenn also überhaupt jemand eingreift, dann erst ziemlich spät. So geschehen auch in Isabels Fall: Nachdem Isabels Lehrerin eine Weiterbildung zum Thema ,Konfliktbehandlung‘ besucht hatte, schildert sie der Schülerin in einem Vier-Augen-Gespräch ihren derzeitigen Eindruck. Die Geduld und Einfühlsamkeit der geschulten Pädagogin veranlassen Isabel unter Tränen von den Cyber-Mobbing-Vorfällen zu berichten.
Wurde es also versäumt präventive Maßnahmen zu treffen, muss die Schule, sobald ein Cyber-Mobbing Fall bekannt wird, unverzüglich handeln. Da sowohl Schüler, Schulleitung, Lehrer und Eltern betroffen sind, liegt es an allen genannten Personengruppen Engagement zu zeigen. Um aktiv werden zu können, müssen im Voraus folgende Fragen geklärt werden: Was ist vorgefallen? Wer ist beteiligt? Wie schwer ist das Delikt? Anhand der Fotos und Profile gelingt es, Isabels „Mobber“ zu identifizieren. Es handelt es sich um einen ihrer Klassenkameraden. In einem darauf folgenden Gespräch zwischen Isabel und ihrem „Mobber“ sowie der Klassenlehrerin und der Schulsozialarbeiterin werden dem 13-jährigen Täter 30 „Sozialstunden“ verordnet, die er beim Hausmeister absolvieren soll. Zunächst weicht der Täter aus, als er in der Aussprache auf die Mobbing-Übergriffe angesprochen wird: „Das war doch nicht ernst gemeint.“ Er schiebt die Schuld dem Opfer selbst zu: „Isabel nervt mich, sie ist selbst schuld!“. Als jedoch Isabel von all ihrem Leiden berichtet, wird er auf einmal ganz kleinlaut und empfindet die 30 „Sozialstunden“ als durchaus angemessene Strafe. Unverzüglich wird auch veranlasst, den „Isabel-Hate-Block“ zu löschen. Rechtliche Schritte werden nicht eingeleitet, da der 13-Jährige als unmündiger Minderjähriger nicht strafbar ist. Allerdings müssen seine Eltern Schadensersatz leisten, da sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Darüber hinaus erhalten sie einen Brief der Schule mit der Androhung eines Schulausschlusses ihres Kindes bei Wiederholung derartiger Übergriffe.
Außer Frage steht, dass über E-Mobbing in der Schule keineswegs geschwiegen werden darf, vielmehr muss jeder Vorfall eine Chance bieten, um Aufklärung und Prävention zu betreiben. Hierbei können Fragen thematisiert werden wie „Wie fühlt man sich als Opfer?“ oder „Welche Motive haben die Täter?“ In diesem Zusammenhang erscheint es unerlässlich, den Umgang mit Internet oder Handy zu regeln: Was ist erlaubt, was ist nicht erlaubt? Welche Sanktionen gibt es bei Missbrauch? Klare Anweisungen müssen in der Schulordnung verankert werden, beispielsweise, dass das Handy während der Unterrichtszeit abgeschaltet werden muss. Um beurteilen zu können, ob rechtliche Schritte eingeleitet werden sollen, macht es Sinn, Präventionsbeamte der Polizei miteinzuschalten. Ansonsten können auch Beratungslehrer mit allen Beteiligten zusammenarbeiten und entsprechende Maßnahmen verordnen.
Bekanntermaßen liegt es vor allem an den Erwachsenen, Mobbing an der Schule zu verhindern und zu bekämpfen. Isabels Mutter stufte die Erzählungen ihre Tochter bisweilen als ganz „normale“ Rangstreitigkeiten ein, die Kinder am besten unter sich selbst ausmachen. Mittlerweile hat sie aus ihrer falschen Ansicht gelernt und hat den Elternabend besucht, der als Informationsveranstaltung zum Thema „Cyber-Mobbing“ diente und anlässlich Isabels Mobbing-Fall an ihrer Schule veranstaltet wurde. Als der Klassenvorstand erfährt, welche Ausmaße das Problem in der Klasse schon angenommen hatte, bespricht er das Thema „E-Mobbing“ mit den Schülern und gibt auch eine Hausaufgabe dazu.
Isabel hat sich mittlerweile von den Vorfällen einigermaßen gut erholt. Als Vorsichtsmaßnahme jedoch hat sie die Klasse gewechselt. Das Mädchen hat sich zusammen mit dem Beratungslehrer überlegt, wie man sich am besten gegen E-Mobbing wehrt, damit andere nicht das gleiche Schicksal wie sie erleiden müssen. Ihre 11 Tipps hat sie auf einem Flyer zusammengefasst:

1. Keine Selbstzweifel -> Du bist okay, so wie du bist! Glaube an dich selbst!
2. Reduziere die Kontaktmöglichkeiten -> Sperre das Profil der Personen, die dich via Internet belästigen! Ändere deine Handynummer, wenn du mit Anrufen oder SMS belästigt wirst!
3. Keine Antwort -> Reagiere nicht auf Nachrichten deines Peinigers!
4. Sammle Beweise -> Mache Kopien von Nachrichten, Bildern oder Online-Gesprächen!
5. Rede darüber -> Wende dich an eine Vertrauensperson!
6. Melde Probleme -> Informiere die Betreiber einer Website über Belästigungen! Melde den Behörden illegale Vorgänge!
7. Unterstütze Opfer -> Schau nicht weg, sondern schreite ein!
8. Schütze deine Privatsphäre -> Verwende ein sicheres Passwort! Gehe vorsichtig mit privaten Informationen um!
9. Äußere dich mit Bedacht -> Überlege sorgfältig, bevor du etwas sendest!
10. Nimm deine Rechte wahr -> Ohne deine Erlaubnis darf kein Foto von dir ins Internet gestellt werden!
11. Behandle andere so, wie du auch behandelt werden möchtest -> Lass dich nicht fertigmachen und mach niemand anderen fertig!

 

Bis dato sind uns keine weiteren Cyber-Mobbing Fälle an der Schule bekannt. Gleich für nächste Woche wurde eine Lehrerkonferenz einberufen, die verschärft Präventionsmaßnahmen gegen Cyber-Mobbing als Thema behandelt. Inzwischen hat sich auch Isabels „Mobber“ bei ihr entschuldigt und die ehemaligen Klassenkameraden haben ihr gemeinsam eine Karte mit allen Unterschriften überreicht.

ArtikelschreiberArtikel: Ramona Veith und Katharina Höland
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