Eine Achterbahnfahrt

Was bedeutet es, ganz knapp einen wichtigen Kampf zu gewinnen? Wenn man diese Frage mit nur einem Wort beantworten würde, wäre es definitiv das Wort „Achterbahnfahrt“. Ich versuche es an einem konkreten Beispiel so gut es geht in Worte zu fassen. 2017 nahm ich an der Heimweltmeisterschaft in Leipzig teil, dem Wettkampfhöhepunkt am Ende der Saison. Zu Beginn muss man hinzufügen, dass eine Heimweltmeisterschaft immer eine ganze besondere Sache ist. Zum einen gibt es ein höheres mediales Interesse und in Leipzig tatsächlich eine mit Zuschauer:innen voll besetzte Halle, was wir im Fechtsport leider nicht so regelmäßig erleben und dies somit völlig neue Bedingungen waren. Zum anderen war es ein Wettkampf, bei dem meine Familie und all meine Freundinnen mit Fanshirts zur Unterstützung angereist waren. Auch das erleben wir nicht so häufig bei Wettkämpfen. Insgesamt also eine Ausnahmesituation, bei der man sich natürlich von seiner allerbesten Seite präsentieren möchte. Bereits in der Runde der besten 64 und 32 gewann ich meine beiden Gefechte relativ deutlich vor den Augen meiner Familie, meiner Freunde, vielen Zuschauer:innen und vielen Pressevertreter:innen. Im Achtelfinale trat ich dann gegen die Topfechterin aus Südkorea an und wollte wiederum alles geben. Die Halle wurde abgedunkelt und das Gefecht startete. Ungefähr dreißig Sekunden vor Ende lag ich mit 4 Treffern zurück. Im Fechten ist das schon einiges, allerdings auch nicht unmöglich. Ich fuhr nochmal einen Gang hoch und tatsächlich konnte ich zwei Sekunden vor Ende den Ausgleich erzielen. Alleine dieser Treffer war bereits der absolute Wahnsinn. Während des Gefechts und bei voller Konzentration ist es unmöglich, von außen irgendetwas wahrzunehmen. Lediglich die Anweisungen des Trainers kamen noch bei mir an. Nachdem ich den Treffer zum Ausgleich gesetzt hatte, tobte die Halle bereits und die Zuschauer konnten sich nicht mehr auf ihren Rängen halten. Ich konnte das ungefähr eine Sekunde lang wahrnehmen, danach ermahnte ich mich selbst und versetzte mich direkt wieder in diese tiefe Konzentration oder auch „Tunnel“ genannt. Denn schließlich war das Gefecht noch nicht vorbei. Wenn die reguläre Gefechtszeit abgelaufen ist und bei beiden Fechter:innen die gleiche Anzahl an Treffern auf der Anzeige aufleuchten, gibt es den sogenannten „Sudden Death“. Hierbei wird eine zusätzliche Minute gefochten, bei der zuvor per Zufallslos einem der beiden Fechter:innen der Vorteil zugelost wird. Fällt in dieser Minute kein Treffer, gewinnt der/die Fechter:in, dem/der zuvor der Vorteil zugelost wurde, ansonsten der/die Fechter:in, die den ersten Treffer setzt. All dies geschieht in nur wenigen Sekunden. Nachdem die Ermahnung meiner selbst in meinen Gedanken angekommen war, drehte ich meinen Kopf zur Anzeige und sah bereits, dass mir der Vorteil zugelost wurde. Meine Gegnerin und ich stellten uns zurück an die Startlinie und der „Sudden Death“ startete. Meine Gegnerin wollte dieses Gefecht scheinbar schnell zu Ende bringen und begann direkt mit einem schnellen Angriff. Ich war voll konzentriert und setzte genau das um, was ich mir in den wenigen Sekunden Vorbereitungszeit zuvor überlegt hatte.

Auf der Anzeige leuchtete meine Lampe auf und ab dann ist alles nur noch so überwältigend, dass das Geschehen um einen herum ein wenig wie in Zeitlupe abläuft. Man schreit selbst die Anspannung, die pure Freude und den Stress heraus, der Trainer und Mannschaftskolleginnen stürmen auf einen zu und im Hintergrund jubeln hunderte von Menschen. Adrenalin strömt durch den Körper, lässt einen zittern und sich fragen, was zum Teufel eigentlich gerade hier vor sich geht. Oft ist es so, dass man sich nicht mehr richtig an den Siegtreffer erinnern kann und genauso oft kommt es vor, dass man den letzten Treffer wie in Zeitlupe immer wieder vor dem inneren Auge ablaufen sieht. An diesen Treffer in Leipzig erinnere ich mich noch heute sehr genau – an alles andere um mich herum erinnere ich mich kaum mehr (Natürlich habe ich mir das Gefecht, die Reaktion der Zuschauer:innen und die Stimmung in der Halle auf Video angeschaut und ich war ungefähr genauso aufgewühlt wie direkt nach dem Treffer).

Anne Sauer hatte das Viertelfinale mit einem Sieg über die Südkoreanerin Hee Sook Jeon erreicht. Foto: Jan Woitas

Insgesamt ist dieses Gefühl, ein Gefecht so knapp zu gewinnen, einfach unbeschreiblich. Es fällt so vieles von einem ab und man wird dafür belohnt, nicht aufgegeben zu haben, obwohl man schon so hoch zurücklag und man belohnt sich auch dafür, dass man tagtäglich im Training an seine eigenen Grenzen und auch darüber hinaus geht.

Artikel: Anne Sauer, Florettfechterin, deutsche Nationalmannschaft

Fechtbilder: Augusto Bizzi/FIE