Wir, meine Schwester und ich, bekamen eine Intensiv-Führung im Bärenland Arosa – der Dank für Bären-Artikel und -Fotos auf meinen zwei Internet-Kanälen. Tierpflegerin Daria reflektierte über uns Menschen, nicht nur über Bären, und genau dies machte die drei Stunden zu einem besonderen Erlebnis.

Bärenland nach Corona-Zeiten, nach Aufhebung zahlreicher Einschränkungen: Frustrierte Menschen, denen das Virus den Urlaub raubte, suchen ungeduldig die großzügige Natur-Anlage nach drei Bären ab, Anspruch: Eintritt gezahlt, drei Bären vor dem Handy, drei Bären im Handy, nichts beobachtet, nichts gelesen, Bären-Event konsumiert, Fotos/Szenen verschickt, zum Ausgang ‘raus. Die Event-Ausgehungerten schlingen Events rein, jagen der verlorenen Event-Zeit nach wie Vielfraße: Hauptsache viel, schnell und ins Netz gestellt. Gestresste fordern und werden mit dem Gegenprogramm konfrontiert: Bärenland ist BÄREN-Land, der Raum der Bären, sie zeigen sich, wenn sie es wollen, wann sie es wollen und wo sie es wollen. Irritierend, befremdend, fast schon verstörend für die Dauer-Zapper, die Bären lassen sich nicht hinter dem Busch hervorzappen, sie entziehen sich der Anspruchshaltung moderner Menschen: alles, immer, sofort. Napa tappst ganz ruhig, majestätisch dort hin, wo er Fressen vermutet. Ihm ist es egal, ob fünf Handys auf ihn gerichtet sind oder tausend, die durchschnittliche Besucherzahl. Napa will nichts sein, er ist etwas: ein Bär. Nichts weniger, nichts mehr – ein Bär, hundertprozentig Bär, hundertprozentig Gegenwart, das Gegenprogramm derjenigen, die in der Gegenwart noch in der Vergangenheit oder schon in der Zukunft sind, gleichzeitig dank social media dort nicht sind, wo sie sind, und das mit Menschen teilen, die woanders sind. Der zerrissene Mensch begegnet dem in sich ruhenden Tier, menschliche Ungeduld prallt an Bären-Ruhe ab.

Dieses Ungewohnte erweckt teilweise Aggression: wer bezahlt, bekommt… – nur der Bär kümmert sich nicht darum. Und genau hier kommen die Tierpflegerinnen Irene, Irina und Daria ins Spiel. Sie klären ruhig und immer wieder die Fordernden auf, wer hier den Takt vorgibt: drei Bären, die im Bärenland Arosa das sein dürfen, was sie sind: Bären! Die drei Tierpflegerinnen beantworten nicht nur ungeduldige Faktenfragen, sie verweisen auf die Philosophie dieses „Freiheits-Geheges“, sie bringen die Ungeduldigen nach unten, sie stimmen sie ein, sich auf tapsende Pfoten einzulassen, auf Bären-Entschleunigung, auf Beobachten, auf Tier-Freiraum, dem sich der Fordernde unterzuordnen hat. Die Tierpflegerinnen sind nicht nur Auskunft-Gebende, sie sind auch Brücken zu einer anderen, einer neuen, einer angemesseneren Sicht auf Tiere, gezeigt an drei Bären. Daria berichtete, wie in manchen vieles plötzlich kippte, der Freiraum dem Fordernden sich öffnete, das ruhige Beobachten dem Ungeduldigen, die gereizte Stimmung zur ausgeglichenen, zur positiven wurde.

Die drei Tierpflegerinnen sind fast so wichtig wie die drei Bären, gemeinsam ändern sie die Sicht auf Tiere, ihr Recht auf Tier-Sein ohne Vermenschlichung, gemeinsam bringen sie Ruhe, Geduld und ein bisschen Bären-Rhythmus in die Menschen, für kurze Momente Einheit von Tier, Mensch, Berg-Natur – ein Innenhalten in dieser Einheit, so wird das Bärenland von Arosa zum Menschenland, ein Refugium, an dem der Mensch wieder bei sich ankommt – dank drei Bären, dank einer grandiosen Anlage in der Berglandschaft, dank drei Tierpflegerinnen, die die Augen für Bären, Tiere, die Einheit der Natur den hastenden „Blinden“ erst öffnen. Das Bärenland Arosa ist mehr als das Fotografieren von Bären, in seiner Anfrage an uns wird es zum Menschenland, und das ist zwanzig Franken wert!

Artikel: Klaus Schenck, August 2020  www.KlausSchenck.de

Bären-Artikel: http://www.klausschenck.de/ks/veroeffentlichungen/baerenland-arosa/index.html

Fotos: privat