Dieser Artikel soll nicht nur den Hauptschülerinnen und Hauptschülern, für die dieser Beitrag eigentlich gedacht ist, sondern auch allen anderen Schülern, die „keinen Bock“ auf Schule haben, Mut machen. Mut, freiwillig zu sagen, ich gehe in die Hauptschule! Ein „nur“ ist hier aber nicht angebracht, weil Hauptschüler keine schlechteren Menschen sind. Sie haben nur einen anderen, und zwar längeren Weg gewählt. Auch die komplette Ablehnung der Schule, das bedeutet, jeden Morgen mit einem „Oh Gott, schon wieder Schule“ aufzuwachen, ist erlaubt. Warum? Weil jeder von uns diese Phase kennt, etwas tun zu müssen, wozu man eigentlich keine Lust verspürt, dessen Sinn man erst später erkennt, manchmal zu spät, denkt man. Kommt dann auch noch ein Migrationshintergrund dazu, scheint es gar keine Zukunft mehr zu geben, alles wird nur noch als Ausweglosigkeit empfunden. Doch Auswege gibt es immer. Wichtig ist nur der Mut, sich selbst die Chance zu geben, etwas zu ändern, zu sich selbst zu stehen und seinen eigenen Weg in seine persönliche Zukunft zu finden. Woher ich das weiß? Ich bin eine Betroffene! Meine Familie stammt ursprünglich aus der Türkei. Meine Großeltern sind vor rund fünfzig Jahren als Gastarbeiter eingewandert, meine zwei Geschwister und ich sind hier geboren. Unsere Heimat ist Deutschland, dennoch schätzen wir unsere türkischen Wurzeln und wollen diese auch nicht verleugnen. Seit 26 Jahren besitzen wir ein Steakhaus in einer fränkischen Kleinstadt, das einen überregionalen guten Ruf genießt. Erfolgreiche Geschäftstätigkeit der Eltern wird in Deutschland automatisch mit hoher Bildung verbunden, sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder. Trotzdem war ich „nur“ Hauptschülerin. Mir hat schon die Grundschule keinen Spaß gemacht und ich hatte keine Lust zum Lernen. Damit blieb nur noch die Hauptschule für mich übrig, schnell war ich die „Türkin“, die zu nichts zu gebrauchen war, die alles Mögliche im Kopf hatte, nur Lernen gehörte nicht dazu. Ich hatte kein Ziel und mir war nicht klar, dass die Schule irgendwann beendet ist, ich einen Beruf brauche, um mit beiden Beinen im Leben stehen zu können. Sicherlich haben meine Eltern versucht, mich auf das Leben vorzubereiten, mich moviert, fleißiger zu sein. Aber wer hört mit 14 schon gerne auf seine Eltern? Außerdem war ich damals schon viel selbstständiger als Gleichaltrige und habe neben der Schule im Betrieb meiner Eltern mitgearbeitet und so ein bisschen eigenes Geld verdient – dachte, so kann und wird es ewig weitergehen. In der achten Klasse hat mich dann das Leben eingeholt, aber nicht überholt. Ich hatte so schlechte Noten, dass ich mich heute noch frage, wie ich die Versetzung überhaut geschafft habe. Das ging auch vielen Mitschülern so. Leider war bei uns an der Schule kein Lehrer so richtig in der Lage, uns aufzufangen und aus diesem Tal der Ausweglosigkeit herauszuholen, uns das Gefühl zu vermitteln, auch wir können etwas Sinnvolles vollbringen und der Gesellschaft dienen.

Doch plötzlich war mein Ehrgeiz wieder da, den ich jahrelang in der Schultasche versteckt hatte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jemand hat an meine Tür geklopft und gesagt: „Komm, steh endlich auf, ich bin dein Leben und möchte dich gerne abholen, unsere Zukunft wartet auf uns.“ So kam es mir zumindest vor, tatsächlich war es aber meine Familie, meine Eltern, die sich aus dem Nichts eine selbstständige Existenz aufgebaut haben. Meine große Schwester, die neben der Arbeit im Restaurant jeden Abend in Würzburg die Schulbank drückte, um das allgemeine Abitur nachzuholen, um studieren zu können. Plötzlich wurde mir klar, dass ich das auch können wollte. Auch ich wollte, wie sie, es allen zeigen, als Migrationskind Abitur und Studium zu meistern. Gott sei Dank konnte ich mit meinen Eltern über alles reden. Sie sagten nicht: „das geht nicht, das wird zu teuer“ oder „wir brauchen dich hier im Restaurant“. Stattdessen nahmen sie mich in die Arme, sagten mir, wie stolz sie auf mich seien, dass ich endlich meinen Weg gefunden hätte. Zusammen mit ihnen und meiner Schwester haben wir alles durchgeplant, denn vier Jahre Abendschule sind nicht ohne. Eigentlich hätte die Schule nicht nur mir, sondern allen Schülern, diese Perspektiven aufzeigen müssen, doch das habe ich vermisst. Vielleicht hätte ich sonst eher gemerkt, was wirklich wichtig und richtig für mich ist. Heute bin ich Studentin an der Universität in Würzburg und arbeite nebenbei weiterhin im Restaurant meiner Eltern, um diese zu unterstützen. Ich werde hoffentlich nächstes Jahr mein Examen erfolgreich bestehen, dann bin ich Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Aus der kleinen Türkin ist also doch noch etwas geworden, ein Mensch, der erfolgreich mit beiden Beinen in seinem Leben steht!

Seine Erfahrungen muss jeder Mensch für sich allein sammeln, das kann ihm keiner abnehmen. Aber ich möchte allen, die nicht der Norm entsprechen oder sich gerade in einer „Null-Bock-Phase“ befinden, Mut zusprechen. Traut euch zu sagen, ich brauche eben etwas länger, aber ich weiß, wo ich hin will, oder bittet um Unterstützung, wenn ihr nicht mehr weiter wisst. Ich bin das sogenannte „lebende Beispiel“ dafür, dass man auch mit Migrationshintergrund nicht zum Scheitern verurteilt ist. Immerhin bringe ich demnächst als „Türkin“ deutschen Kindern ihre Muttersprache bei und das hoffentlich höchst erfolgreich. Das ist mein erklärtes Ziel!

Zudem ist es mir eine Ehre, in beiden Kulturen leben zu dürfen und sie miteinander zu verbinden – aus beiden das Positive herauszunehmen und weiterzugeben.

Vertraut euch selbst und gebt jedem die Hand und die Hilfe, die derjenige braucht. Egal, was ihr seid und wo ihr seid, fragt, wenn ihr etwas nicht versteht, erklärt, wenn ihr gefragt werdet! Wollt ihr eure Eltern nicht fragen, dann fragt jemand anderen, dem ihr auch vertrauen könnt, und wenn es „nur“ der Lehrer in der Schule ist. Denn so einen hätte ich mir gewünscht. Ich möchte die Lehrerin werden, die ich gebraucht hätte! Auch das ist mein erklärtes Ziel!

Artikel: Yade Tokgöz

Mail-Adresse: 24yade [at] gmail [dot] com