Liebe Hauptschülerinnen und Hauptschüler,

etwa in der siebten Klasse kam es im Rahmen von Zukunftsperspektiven zu einer Diskussion in meinem Klassenzimmer. Ein Mitschüler brachte es auf den Punkt: Wir sind nur Hauptschüler, jeder weiß, dass wir nichts können. Wir sind der Abschaum der Gesellschaft. Meine Klassenlehrerin war empört, sagte, dass wir so etwas nicht denken dürften. Ich denke, es ist zumindest das, was die meisten von uns fühlten. Es war das, was uns von außen entgegengebracht wurde. Wir schämten uns an der Bushaltestelle einer Hauptschule in den Schulbus einzusteigen zu all den Anderen. Als es darum ging ein Praktikumsstelle für ein Pflichtpraktikum im Rahmen der Orientierung zu finden, prallte die Realität auf mich ein. Ich hatte Ziele, andere nannten es womöglich Träume. Wir nehmen keine Hauptschüler, hieß es von mehr als fünf Unternehmen.

Letztendlich nahm mich ein Arbeitgeber für die Hälfte der Zeit, weil man meine Familie schließlich gut kenne. Für die zweite Woche ging die Suche weiter. Gefrustet fragte ich letztendlich wahllos bei Geschäften in der Innenstadt.

Heute promoviere ich in einem naturwissenschaftlichen Bereich und es ist einsam hier für Leute wie mich. Wenn es heute überhaupt noch dazu kommt, dass ich aus meiner Hauptschulzeit erzähle, treffen mich verwirrte Blicke. Es scheint nahezu unvorstellbar zu sein für mein Gegenüber. In den meisten Fällen geht das Gespräch weiter mit der ungläubigen Frage, wie ich auf eine Hauptschule kam. Die Antwort ist schlicht, dass meine Grundschullehrer mir nicht mehr zugetraut haben. Dem folgt fast ausnahmslos die Feststellung, dass ich dann wohl gehörig falsch eingeschätzt wurde und ob ich es meinen Lehrern übelnehme. Ein Gesprächsverlauf, der nun mich verwirrt. Mein Gegenüber scheint es tatsächlich nicht für möglich zu halten, dass ein Hauptschüler unter normalen Umständen einen Universitätsabschluss erlangen kann. Ich weiß nicht, was mich mehr kränkt: Die Missachtung der Anstrengung meines Weges durch Zielstrebigkeit und Lernbereitschaft oder die Botschaft, die hinter eben dieser Aussage steckt. Wir können nichts, und wenn wir etwas können, sind wohl ein Fehler im System. Nun ist mir klar, weshalb ich hier so gut wie nie auf Andere von uns treffe. Ich weiß nicht, warum es bei mir funktioniert hat, aber wäre ich heute hier, wenn es anders gelaufen wäre? Hinter mir liegen fünf Jahre Hauptschule, ein Jahr Werkrealschule, drei Jahre Wirtschaftsgymnasium, fünf Jahre Studium. Ich nenne es gerne den dritten Bildungsweg und erinnere mich mit positiven Gedanken zurück an die Zeit auf meiner Hauptschule. Als eine meiner Lehrerinnen auf dem Gymnasium fragte, wo ich etwas gelernt hatte, das sie beachtenswert fand, sagte ich: „Ich war auf einer Hauptschule. Da wird viel Wert auf sowas gelegt.“ Es ist nicht alles schlecht, man wird einfach nur auf ein anderes Arbeitsgebiet vorbereitet. Es ist nicht verwunderlich, aber am Schwersten fiel mir später der Englischunterricht. Trotzdem habe ich vor wenigen Monaten meine Masterarbeit auf Englisch verfasst. So stellt sich jedem die Frage, wo er einmal hinwill. Die Frage stellt sich Gymnasiasten ebenso wie Hauptschülern. Wo willst du hin, wenn der Horizont ebenso weit sein könnte wie der eines jeden Schülers?

Abiball 2014

Wenn ich heute ehemaligen Klassenkameraden von damals begegne, bin ich erneut bedrückt. Es ist mir unangenehm zu erzählen, was ich heute mache. Denn, es ist ihnen unangenehm mir danach zu erzählen, was aus ihnen geworden ist. Es bedrückt mich, dass sie ihren Weg als so viel schlechter empfinden als meinen. Als sei es schlecht, dass sie bereits seit acht Jahren Geld verdienen und ich eben nicht. Ich bin nichts Besseres, ich hatte doch einfach nur andere Ziele als sie und etwas Glück, dass es niemand geschafft hat mich zu entmutigen.

Ich war nicht auf der falschen Schule, ich hatte einfach nur gute Lehrer, also Lehrer, die mir meine wohl irrsinnig erscheinenden Träume nicht ausgeredet haben. Ich sage nicht, dass es leicht war, aber es war möglich. Also lass es doch zu, dass deine Träume zu Zielen werden.