Sehr geehrter Herr Haller,

nachdem ich sowohl Ihre Aufzeichnungen als auch die Ihres Nebenmieters lesen durfte, habe ich mich zu diesem Brief entschlossen. Zumindest bei ihrer Vermieterin und ihrem Neffen scheinen Sie ja ordentlich Eindruck hinterlassen zu haben, wohl zurecht.

Zugegeben, anfangs erschienen Sie mir um einiges zu selbstmitleidig. Diese ewige Jammerei über angenehme Tage, die keine Extremen darstellen, die Verweigerung eines jeden bürgerlichen Genusses, all das fand ich nervig. Auf der einen Seite waren Sie sich viel zu gut für Jazz und Tanz, aber der Besuch von Kneipen mit reichlich Alkoholkonsum war wieder okay? Und obwohl Sie sich immer zuerst kritisieren, ist das keine Ausrede für absolut ungebührendes Verhalten gegenüber Menschen, die es nur gut mit Ihnen meinen. Sie haben am eigenen Leib erleben dürfen, dass ohne Selbstliebe auch keine Nächstenliebe möglich ist. Auch waren Sie anfangs von einem Elitismus geprägt, der mir absolut widersprach, frei nach dem Motto: „Nur das, was mir Spaß macht, sollte auch anderen Spaß machen! Die wissen ja alle gar nicht, wie fantastisch die Unsterblichen sind!“ Kurz gesagt – ich hätte Ihre Gegenwart wohl nicht als angenehm empfunden.

Wie allerdings schon angedeutet, musste ich diese Haltung im Laufe der Lektüre revidieren. Ich fand es außerordentlich mutig von Ihnen, sich trotz dieser scheinbar festgefahrenen Anti-Haltung auf Neues einzulassen. Sich aus seiner Komfortzone herauszubewegen gefällt nicht jedem, gar einer verbringt sein ganzes Leben in dieser Blase aus mittelwarmem Lebenswillen. Diesen Schritt zu wagen kostet Kraft, doch Sie können ja an sich selbst sehen, wie wertvoll diese Bewegung ist. Häufig wird Ihnen bzw. Ihrer Aufzeichnung unterstellt, dass sie vollkommen irrelevant für Schüler unseres Alters ist. Gut, die gemeinsame Schnittmenge von uns ist denkbar gering. Auch die Identifikation mit Ihnen fällt mir daher nicht leicht, das muss sie aber auch nicht, um doch etwas aus dem Roman zu ziehen. Wenn ich daher eins gelernt habe, dann ist es, dass es nie zu spät ist, um umzukehren und sich zu ändern, egal welches Alter man hat. Egal wie festgefahren sich eine Lebenssituation oder eine Einstellung anfühlt, man kann diese stets ändern. Die Gewissheit, dass es immer die Möglichkeit gibt, alles umzuwerfen und neu anzufangen, gibt mir persönlich einen gewissen Seelenfrieden. Wird diese Änderung dann einfach sein? Auf gar keinen Fall. Wird es sich lohnen? Höchstwahrscheinlich. Es wird jedoch viel Wille und Mut zu Fehlern und Rückschlägen kosten, wenn man dieses Ziel erreichen möchte.

Und apropos alles umwerfen und neu anfangen: Ihre verschiedenen Persönlichkeitsanteile. Ich fand sehr interessant, dass das Thema der facettenreichen Persönlichkeit beleuchtet wurde. Viele Menschen wissen zwar inzwischen, dass sie selbst facettenreich sind, neigen jedoch dazu andere als eindimensional zu betrachten. Ich möchte auch Ihnen dabei unterstellen, das anfangs getan zu haben, ohne mich dabei außen vor zu lassen. Die meisten müssten sich wohl schuldig dazu bekennen, jemanden zu einer Zeit auf wenige Aspekte der Persönlichkeit reduziert zu haben. Vielleicht auch, weil es einfacher ist, sich einige Facetten auszusuchen, anstatt jede Seite einer Persönlichkeit zu betrachten. Wir reduzieren aus Faulheit oder Unwissenheit Menschen in unserem Umfeld auf Bruchstücke von sich selbst und lassen dann nur mit Widerwillen von unserem Bild dieser Person ab, so wie Sie, Herr Haller, es mit ihrer eigenen Persönlichkeit taten. Es wäre demnach für uns alle besser, unsere Umwelt weltoffener zu betrachten. So lassen wir zu, dass andere neue Facetten an sich entdecken können, ohne von dem Gedanken geplagt zu werden, von anderen verurteilt zu werden, nur weil man deren Charakterbild zerstört hat. Auch an seinem eigenen Persönlichkeitsbild sollte man nicht zu sehr klammern. Es gibt immer wieder neue Seiten, die man entdecken kann, und das fällt leichter, wenn man diese Multidimensionalität in sich akzeptiert.

Sie enden Ihre Aufzeichnungen mit einem Rückschlag, jedoch nicht mit einer Niederlage. Obwohl uns schriftlich nichts mehr vorliegt, bin ich mir gewiss, dass es mit Ihnen danach weiter ging, zwar nicht stringent nach oben, aber zumindest weiter nach vorne. Vielleicht haben Sie ja endlich gelernt, auch über sich selbst zu lachen, denn für jemanden, der auf der Suche nach dem Humor war, waren Ihre Aufzeichnungen doch recht humorlos.

Mit freundlichen Grüßen

Alison