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Es ist Sonntag, 10 Uhr. Die Glocken läuten. Nicht nur einmal. Sondern mehrmals. Laut. Sie rufen die Menschen zum Gottesdienst und tatsächlich sieht man einige, die eilig ihre Haustüren verlassen und sich auf den Weg machen. Eltern bringen noch schnell die letzten Kinder in den Kindergottesdienst. Dies wiederholt sich. Sonntag für Sonntag. Gestern. Heute. Und auch morgen? Jain. So war das zumindest bis zum 15. März 2020. Seitdem läuten die Glocken noch immer, aber die Kirchen sind leer. Aber nicht nur das. Auch keine Kinder und Jugendgruppen, keine Osterfreizeiten, keine Ostergottesdienste. Keine Gebetstreffen. Kein Seniorennachmittag. Konfirmation? Wurde verschoben. Und schnell könnte man diese Reihe fortsetzen und sagen: Also auch kein Gott? Denn tatsächlich drängt sich diese Frage ja auf: Wo ist Gott? Hat der sich wegen der Corona-Krise auch abgesetzt und hält den von der Bundesregierung angeordneten Abstand von zwei Metern ein? Fragen über Fragen und als „Berufschrist“ ist man vor diesen Fragen nicht gefeit. Ich stelle mich kurz vor:  Ich bin Sara Serpi, 32 Jahre alt und arbeite als Gemeindepädagogin in der Ev. Kirche Wenkheim. Mein Job ist es also, mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam Antworten auf ihre ganz eigenen Fragen zu finden. Ich gebe es zu: Manchmal versuche ich sie auch mit Fragen zu konfrontieren, die sie noch gar nicht hatten. (Mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung) Aber eigentlich ist das mein Job und ich spüre plötzlich eine Unsicherheit. Auf diese Frage eine einfache Antwort zu finden ist… schwierig. Auch für mich persönlich, da ich unter der plötzlichen Einsamkeit wirklich sehr leide. Die Situation ist kompliziert, und auch wenn ich mir das unendlich wünschen würde, kann ich in Gottes vielschichtige Gedankengänge leider nicht hineinsehen. Also was tun? Den Glauben an den Nagel hängen, frei nach dem Motto: Ist das noch Gott, oder kann das weg? Und während ich mir die vielen Nachrichten ansehe, in die besorgten Gesichter der Politiker und der Bevölkerung sehe, spüre ich plötzlich noch etwas anderes: Hoffnung. Hoffnung in der Verzweiflung. Hoffnung, wo Planlosigkeit herrscht. Hoffnung, wo sich das Leben gerade wie Stochern im Nebel anfühlt. Hoffnung, beim Herumstochern eine liebevolle Hand zu ertasten, die mich spüren lässt: ICH BIN DA! Ohne Abstand. Der die Dunkelheit mit tröstendem Licht ausfüllt. Kein Scheinwerfer. Keine 360° Sicht. Vielleicht enttäuscht dich das etwas. Keine Top Secret News, wie das mit Corona weiter geht. Glaube ist keine geheime Verbindung, in der Gott mir seine Pläne offenlegt. Wäre manchmal praktisch – ich gebe es zu. Glaube bedeutet für mich, dass in diese Unsicherheit hinein jemand da ist, der noch Eisen im Feuer hat. Der mit dieser Welt noch nicht fertig ist. Es wird eine Zeit nach Corona geben. Ganz sicher. Und wir dürfen wissen: Dass wir diese Zeit bis dahin gestalten dürfen. Nutzen dürfen. Für den anderen. Damit diese Welt, so unvollständig, wie sie gerade ist, ein bisschen besser wird.

Da höre ich den Ostergruß vom Pfarrer Habiger, telefoniere mit Leuten aus der Gemeinde, sehe von weitem jubelnde Kinder, die mir entgegen rufen: „Ich hab deine Geschichte bei Youtube gesehen… DANKE!“ Und ich spüre ein warmes Gefühl im Bauch: Plötzlich ist Gott ganz nah. Ganz unperfekt. Und doch perfekt.

Artikel: Sara Serpi  Sara [dot] Serpi [at] kirche-wenkheim [dot] de 

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