Bild von Wokandapix auf Pixabay

Am zweiten oder dritten Tag der Ausgangsbeschränkung saß ich am späten Vormittag in meiner kleinen Münchner Studentenwohnung, die Sonne schien und ich schaute aus dem Fenster. Beziehungsweise: Ich wollte aus dem Fenster schauen, doch stattdessen blickte ich auf staubiges Glas. Ich war schockiert! Wie konnte es sein, dass mir davor nicht aufgefallen war, wie viel Schmutz sich an den Fenstern gesammelt hatte? Sofort rückte ich mit Handtüchern, Lappen und Glasreiniger an und putze meine großen Fenster, bis kein Staubkorn mehr zu sehen war. Später am Tag dämmerte mir, weshalb ich den Schmutz so lange nicht wahrgenommen hatte. Da ich im Erdgeschoss wohne, schließe ich abends meine Plissees, und wenn ich sie in den letzten Monaten morgens aufzog, blickte ich in die Dunkelheit. Da ich zwei Fächer parallel studiere und eine Arbeitsstelle habe, sind meine Tage prall gefüllt. Meinem Job in einer Einrichtung des Jugendamtes gehe ich an mindestens drei Tagen pro Woche von 13:00 bis 18:00 Uhr nach, sodass ich die zahlreichen Veranstaltungen meines Studiums auf die Vormittage oder den späteren Abend verteile. Was hat das aber nun mit meinen staubigen Fenstern zu tun? Ganz einfach – mir fiel der Dreck erst jetzt auf, weil ich im Alltag nicht vormittags zuhause bin und aus dem Fenster schaue. Oft beginnt die Uni für mich um 8:15 Uhr, und wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, scheint schon lange keine Sonne mehr auf meine gen Süden gerichtete Wohnung. Seit Anfang Februar sind an der Ludwig-Maximilians-Universität Semesterferien. Wobei der Begriff „Ferien“ hier ein Trugschluss ist, da sich die Prüfungen und Hausarbeiten bis Mitte März streckten und ich zudem ein Praktikum bei einer schulpsychologischen Beratungsstelle absolvierte. Ich befand mich also gerade in einer stressigen, aber auch spannenden Phase zwischen Prüfungen, Hausarbeiten, Praktikum und Job, als mir am 13.03 auf einmal der Stecker gezogen wurde. An diesem Tag war ich gerade mit der Intelligenztestung einer Schülerin fertig, als ich auf meinem Handy die Nachricht las, dass die Schulen mit sofortiger Wirkung bis zum 19.04 geschlossen würden. Für mich hieß das: Kein Praktikum mehr, keine Arbeit mehr und, nachdem ich die letzte Hausarbeit am 16.03 abgab, auch keine Leistungsnachweise mehr fürs Studium. Und so kam es dazu, dass ich das erste Mal seit Monaten die Vormittagssonne auf meine Fenster fallen sah.

Das ist nun schon fast einen Monat her und so erholt und gesund habe ich mich lange nicht gefühlt – die „Zwangspause“ scheint auch positive Effekte zu haben. Am kommenden Montag beginnt für mich nun das neue Semester und ich bin schon sehr gespannt darauf, wie die Umsetzung eines „virtuellen Semesters“ funktionieren wird. Wie auch sonst an zahlreichen Universitäten findet an der LMU normalerweise überwiegend Präsenzlehre statt und das virtuelle Angebot ist eher schlecht als recht. Da die LMU verlauten ließ, dass keine Lehrveranstaltungen ausfallen, sind die DozentInnen jetzt gezwungen, in kurzer Zeit ein umfangreiches Onlineangebot zu erarbeiten. Ich bin als Studentin sehr froh darüber, dass durch die Bemühungen der DozentInnen alle Veranstaltungen virtuell stattfinden und ich so zeitlich im Studienplan bleibe. Ich glaube, dass die Universitäten von der lange geforderten, immer wieder aufgeschobenen und nun erzwungenen Digitalisierung langfristig profitieren werden und sich die Lehre möglicherweise nachhaltig ändert. Da ich Inhalte oft besser verstehe und erlerne, wenn ich mich selbst damit auseinandersetze und nicht von DozentInnen im Rahmen einer Präsenzveranstaltung dargestellt bekomme, kommt mir ein virtuelles Angebot zugute. Einige Seminare sollen über die Plattform „Zoom“ stattfinden, sodass auch das Diskutieren und der Austausch mit anderen Studierenden oder DozentInnen nicht zu kurz kommt. Mit diesen Aussichten mache ich mir deshalb keine Sorgen, dieses Semester die gewünschten Kurse besuchen und Prüfungsleistungen ablegen zu können – in welcher Form auch immer. Was mir hingegen etwas Bauchschmerzen bereitet, ist, dass auch die Bibliotheken für noch nicht absehbare Zeit geschlossen bleiben. Eigentlich schreibe ich nämlich gerade meine Zulassungsarbeit – ohne die psychologisch-pädagogische Fachbibliothek mit ihren Unmengen an Büchern ist mir dies aber nicht möglich. Aktuell wird von meinem Betreuer geprüft, ob und wie es rechtlich möglich ist, die vereinbarte Frist zu verschieben. Auch wenn ich zuversichtlich bin, dass sich eine Lösung finden wird, so macht mich die nahende Abgabefrist doch etwas nervös. Ein anderes Problem, mit dem sich aktuell wohl viele Studierende konfrontiert sehen, ist der Verdienstausfall. Mit der Schließung der Schulen wurde auch die Einrichtung geschlossen, in der ich und andere StudentInnen arbeiten. Da sich Studentenjobs häufig in Restaurants, Cafés, Bars oder anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr abspielen, ist es vielen momentan nicht möglich Geld zu verdienen – und Leben in München ist zwar wunderschön, aber auch sehr teuer. So glaube ich, dass für viele Studierende weniger das virtuelle Semester eine Herausforderung darstellt als vielmehr dessen Finanzierung.

So schlimm die finanziellen Nöte sind, mit denen sich StudentInnen, KleinunternehmerInnen, Selbständige oder Personen in Kurzarbeit konfrontiert sehen, so kreisen meine persönlichen Sorgen vor allem um Kinder und Jugendliche, die in prekären Verhältnissen Leben und nun Missbrauch oder Vernachlässigung ausgesetzt sind.

Ebenso denke ich aber auch mit Dankbarkeit und Respekt, an die Personen in systemrelevanten Berufen, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz alles dafür geben, dass wir alle diese Zeit möglichst gut durchstehen. Und so möchte ich zum Schluss an alle appellieren, sich zu überlegen, was ein jeder aktuell für die Gesellschaft tun kann. Sei es, für einer Risikogruppe angehörende Nachbarn einzukaufen oder sich „nur“ an die geltenden Regeln und Beschränkungen zu halten. Falls die Langeweile einmal groß werden sollte, kann ich Fensterputzen sehr empfehlen!

Denkt daran, es war noch nie so leicht, Leben zu retten! ;)

Eva Hock

Zur Aktion: #WirSchreibenUnsMut