Hallo,

ich heiße Nadja Bürgel, bin 20 Jahre alt und war das letzte Jahr in den USA als AuPair. Während meines Auslandaufenthalts sammelte ich nicht nur jede Menge positive Erfahrungen, sondern wurde zugleich vor einige Herausforderungen gestellt, unter anderem kulturelle, welche ich hier kurz darstelle.

Im Allgemeinen ähnelt die US-amerikanische Denk- und Verhaltensweise, verglichen mit anderen Ländern, stark der deutschen, was sich auch in der Erziehung widerspiegelt.

Jedoch darf man nicht vergessen, dass die USA ein Einwanderungsland ist und somit von verschiedenen Kulturen geprägt. Daher kann die amerikanische Gesellschaft nur schwer verallgemeinert werden und keine Familie und deren Erziehungsmethoden ähnelt der anderen.  Deshalb möchte ich zunächst klarstellen, dass die folgenden Punkte einzig und allein auf meinen Erfahrungen und die meiner AuPair-Freunde basieren.

Zu Beginn gleich einmal ein Problem, mit dem ich die ganzen zwölf Monate im Ausland zu kämpfen hatte: die Pünktlichkeit der Amerikaner. Die deutsche und amerikanische Definition hierbei ist nicht dieselbe, wie ich sehr schnell feststellen musste. Ist ein Deutscher drei Minuten zu spät, dann ist er unpünktlich. Ist ein Amerikaner zehn bis 15 Minuten zu spät, ist das noch in Ordnung und wird als pünktlich angesehen. Mit dieser Auffassung werden natürlich auch die amerikanischen Kinder großgezogen. So passierte es auch mir, dass meine Bemühungen, meine Gastkinder pünktlich zum Training zu fahren, kläglich scheiterten. Dies lag ausnahmsweise nicht an deren Gemütlichkeit, sondern daran, dass ihre Freunde, welche ich auf dem Weg einsammeln musste, durch deren Eltern nicht zum vereinbarten Zeitpunkt parat waren.

Nachdem ich mein Pünktlichkeits-Denken anpassen musste, wurde auch meine gute deutsche Ordnung über den Haufen geworfen. Spielzeug wird gerne einmal von den Kindern überall im Haus an den undenkbarsten Orten verteilt – und das ist auch völlig in Ordnung.

Und an meine absolute pädagogische Grenze kam ich, als ich das erste Mal miterlebte, wie amerikanische Eltern ihre Kinder belehren, wenn diese einen Fehler begingen: Das Telefon klingelt und eine wütende Lehrerin beschwert sich über das Fehlverhalten des Kindes im Unterricht. Die Mutter – völlig aufgebracht – konfrontiert den Unruhestifter und plappert fünf Minuten etwas von Ehrlichsein und Regeln befolgen. Danach folgen zehn Minuten vor sich hinreden und genervt sein und anschließend ist alles vergeben und vergessen. Das Kind wird mit Liebe und Komplimenten wie „Du bist so intelligent“ oder „Du bist so ein hübsches Mädchen“ überschüttet. Wo darin das Lernen aus Fehlern besteht, habe ich bis jetzt noch nicht verstanden und werde es wahrscheinlich auch nie…

Aber das liegt wohl daran, dass die Amerikaner ihren Kindern einfach gerne so viel Selbstbewusstsein wie nur irgendwie möglich mitgeben, sodass jedes Kind der Meinung ist, es sei eine einzigartige Schneeflocke, die auch alles erreichen kann, wenn er oder sie sich genug anstrengt und es auch wirklich möchte…

Die aufgeführten Beispiele sind vielleicht nicht unbedingt der Normalfall, allerdings kann man im Großen und Ganzen sagen, dass die Amerikaner uns Deutschen ähnlich sind in Bezug auf die Kindererziehung, jedoch aufgrund der unterschiedlichen Kultur eben nicht alles einen so hohen Stellenwert wie bei uns hat.

Artikel und Fotos: Nadja Bürgel

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