Oh Anselmus!

Du bist einer der Charaktere, mit dem wir Schüler uns wohl am meisten identifizieren können.

Auf unserem bisherigen Weg haben wir wohl auch den einen oder anderen „Äpfelkorb“ einer feindseligen Person umgeworfen und fühlten uns von schlechten Omen verfolgt. Nur zu oft lag unsere Kleidung aus allen Gebieten der Mode und keiner unserer Schritte wollte richtig sitzen. Sich ständig fehl am Platz zu fühlen und sich dennoch irgendwie einfügen zu wollen, begleitete viele von uns jahrelang auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Gerade aber in dieser Zeit entdeckten viele von uns ihr friedliches Plätzchen unter dem Holunderbaum.

Uns, lieber Anselmus, reckten jedoch zumeist keine Schlangen die Köpfchen entgegen. Häufig wussten wir nicht einmal genau, wer oder was uns da überhaupt aus dem Geäst anblickt. Waren es Hobbys oder zukünftige Interessen? Waren es schon Leidenschaften oder nur kurzfristige Modeerscheinungen, denen wir hinterher hechteten? Das alles schien für uns undurchdringbares Dickicht, das wir nur durch viel Geduld und Zeit lichten konnten. Die wenigsten haben es bisher allerdings geschafft, „ihre Serpentina“ wirklich zu erblicken. Der eigene Zweifel lässt viele den Holunderbusch verlassen und sie suchen im Alltag die „Schlänglein“, die noch immer in den Zweigen auf sie warten.

Gerade in den ersten Stufen des Erwachsenwerdens schlägt auf viele die Realität ein. Die eigenen Leidenschaften und Hobbys werden vernachlässigt und auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft, obwohl sie eigentlich eine Auszeit aus der Routine bieten sollten.

Junge Menschen sehen sich immer mehr unter dem Druck, sich für ihre Interessen zu rechtfertigen, sie zu rationalisieren und schließlich etwas „Brauchbares“ aus ihnen zu machen. Wie oft, Anselmus, wurdest du wegen deines „kindlich poetischen Gemütes“ schon angezweifelt und für verrückt gehalten? Und dennoch entschiedest du dich für das, was dir richtig erschien. Wer endlich entdeckt hat, was ihn da so aus den Zweigen anblickt, sollte um alles in der Welt daran festhalten. Egal, was alle anderen sagen und denken, egal, wie „unnütz“ anderen die Hobbys erscheinen, sie sind unser Platz unter dem Holunderbusch und niemand muss ihn mit uns teilen oder gar verstehen, warum wir so einen Frieden durch ihn erfahren.

Ich hoffe allerdings, dass du verstehst, dass nicht jeder von uns mit „seiner Serpentina“ nach Atlantis gelangen kann. Interessen können sich gerne mal widersprechen und es bedarf zweier Seiten, um einen Ausgleich zu schaffen. Ich verstehe, dass es für dich unmöglich war, Atlantis und die bürgerliche Welt zu vereinen, denn sie glichen sich nie aus, sondern griffen sich immer gegenseitig an und wollten sich zerstören. Wir können allerdings häufig Zuflucht unter den Holunderblüten finden, ohne uns deren vollkommen zu verschreiben. Es mag auch in unserer Generation Menschen geben, durch deren Leben sich ein konsequenter Interessensfaden zieht, aber das ist nun mal nicht die Regel.

Für uns alle ist es wichtig, unsere Leidenschaften zu entdecken und sie zu verteidigen. Sie bieten uns die einzigen Möglichkeiten, dem Alltag zu entfliehen, mögen andere sagen, was sie wollen. Wir sollten unsere Interessen nicht darauf reduzieren, ob sie praktisch sind oder ob andere einen Nutzen daraus ziehen können. Unsere Hobbys gelten in erster Linie uns, und wenn sie uns Zufriedenheit und Ausgeglichenheit verschaffen, dann ist egal, was andere sagen, denn dann haben wir es nach langer Zeit geschafft, wirklich unser Tor nach Atlantis zu finden. Es steht uns dann immer offen, wenn wir es benötigen, denn wir wissen, dass wir uns vor niemandem dafür rechtfertigen müssen, wenn wir hindurch schreiten.

Durch dich ist das vielleicht einigen von uns klar geworden. Egal, wie tollpatschig und ausgegrenzt man auch sein mag, egal, welche Erwartungen unser Umfeld an uns hat, letztendlich sollte jeder das tun, was ihm einen Blick nach Atlantis verschafft, ob nun als Hobby oder als Beruf.

Danke dir, wertester Anselmus!

Alison