Was für ein interessantes Leben du auch hattest, obwohl du es die meiste Zeit wohl nicht gesehen hast!

Knappe 60 Jahre lang alles erdenkliche Wissen zu erlangen nur um dann festzustellen, dass das wohl nicht die Essenz des Lebens ist. Das muss schon frustrierend sein, aber die Grenzen der Menschheit anerkennen wolltest du auch nicht. Wie jeder Mensch in seinem eigenen Rahmen versuchtest du aus deinem eigenen auszubrechen und warst im Endeffekt doch nur die Schachfigur in einer Wette von Gut und Böse.

Ich meine, ich verstehe dich schon auf eine gewisse Art. Erst im späten Alter zu erkennen, dass das Leben, das man gelebt hat, nicht das Leben war, das man eigentlich leben wollte, dass es nicht das Leben war, welches in einem gewissen Ziel endet, ist wohl einem jeden eine Schreckensvorstellung. Letztendlich konnte dir aber nicht einmal der Teufel geben, nach was du dich wirklich immer gesehnt hattest.

Dennoch stört mich eine Sache ein wenig. Auf deinem ganzen Weg mit Mephisto zogst du nur gerade so eine Spur von Opfern hinter dir her. Du hast quasi eigenhändig Gretchens ganze Familie ausgelöscht und auf deinem Weg in die große Welt nahm diese Opferzahl nur immer weiter zu. Ein schlechtes Gewissen zeugt dann zwar von Selbsterkenntnis, macht jedoch nichts ungeschehen. Gar etwas trampelig watest du durch die Welt auf der Suche nach Erfüllung, nach dem perfekten Augenblick. Und trotz des Schadens, den du angerichtet hast, gelangst du dennoch in den Himmel?  Und wirst dann auch noch von Gretchen empfangen? Es irrt der Mensch, so lang er strebt, ist da wohl sehr milde ausgedrückt. Ich meine, warst du dir in alle dem wirklich noch des rechten Weges bewusst? Kann man sagen, du kanntest deinen Weg, als du dich auf Walpurgisnacht vergnügtest und Gretchen die wohl schwersten Stunden ihres Lebens durchlitt?

Und obwohl das für mich teils sehr unfair erscheint, ist es dennoch etwas hoffnungsvoll: Trotz all seiner Irrungen in den Himmel zu gelangen, wenn man sich dieser nur bewusst wird, klingt ja schon ganz gut. Religiös gesehen, ist „Faust“ also wohl die literarische Fortsetzung von der „Geschichte vom verlorenen Sohn“.

Für jemanden, der jedoch nicht sehr religiös orientiert ist, bewirkt diese Botschaft aber wohl nicht den gewünschten Effekt. Trotzdem ist aus deinem Leben viel zu lernen. Wer also nicht an Himmel und Hölle glaubt, sollte sein Leben auch so gestalten, dass kein Mephisto notwendig wird. Es ist wohl jedem klar, dass Leben ohne Irrungen und Fehler unmöglich ist, doch letztendlich sollte es das Ziel sein, sein Leben nicht bereuen zu müssen.

Wer aus seinem Leben flüchten möchte, wird sich einen Mephisto herbeiwünschen, doch dieser wird mehr Schlechtes als Rechtes anrichten und die Situation nur verschlechtern. Es ist daher wohl hilfreich, seinen eigenen Mephisto zu kennen und ihn nicht gewinnen zu lassen, egal welches Laster er auch verkörpern mag. Bei dir, Faust, war Mephisto der Drang nach Göttlichkeit, doch bei jemand anderem ist er vielleicht Neid oder Habsucht. Angenommen, der Mephisto der Habsucht gibt mir alles Materielle, das ich mir wünsche, so wird es mir dennoch nie gelingen wahrlich glücklich zu sein, denn es fehlt alles Zwischenmenschliche und Emotionale. Die Erfahrung wird nie ganzheitlich sein, denn diese Ganzheitlichkeit müssen wir uns selbst schaffen. Ein Leben, das nicht aus Höhen und Tiefen besteht, ganz ohne Streben ist wohl sterben. Wer sich nie irrt, ist dann wohl schon tot, denn „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“. Und wir alle streben irgendwie immer nach etwas. Das kann Status, Macht oder schlichte Anerkennung durch die Mitmenschen sein.

Du, Faust, hast wohl mehr gestrebt als andere und dich dabei auch mehr geirrt. Es ist an dieser Stelle nicht meine Aufgabe, irgendeine deiner furchtbaren Taten zu rechtfertigen oder in ein anderes Licht zu rücken, aber letztendlich ist deine Geschichte die eines Mannes, der trotz all seiner Fehler noch Erlösung gefunden hat. So kann man sich dann wohl auch sicher sein, dass es im Leben immer wieder Hoffnung auf Rettung gibt, wenn man sich irrt und sich verfehlt. Ob man deine Geschichte nun aus einem religiösen oder nicht-religiösen Standpunkt aus betrachtet, man muss anerkennen, dass du gewissermaßen die Hyperbel der Menschheit bist, durch deren Fehler wir uns wiedererkennen, aber auch lernen können.

Grüße,

Alison