Huhu, ihr Lieben,

heute dreht sich meine Kolumne um das Kilt oder den Schottenrock, wie wir Deutschen dieses Kleidunsgstück auch gern betiteln. Der Schottenrock ist oft das Erste, was wir als Kontinentaleuropäer mit Schottland verbinden. Als meine Mama mich das erste Mal in Schottland besuchte, begann sie plötzlich aus dem Nichts ein kleines Liedchen vor sich her zu summen: Jeder Schotte hat in Schottland ein Schottenröckchen an. Trotzdem ist ein jeder Schotte von Kopf bis Fuß ein Mann… Ich musste lachen, als ich das hörte. Nicht nur, weil meine Mama nicht besonders gut singen kann und, dem Klischee entsprechend, Schottland als Erstes mit dem Schottenrock assoziierte, sondern vor allem, weil die beiden Zeilen einiges über unsere Auffassung des Schottenrocks als Kontinentaleuropäer preisgeben: Der Rock für den Mann, ein absoluter Exot unter den Kleidungsstücken. Die Exotik dieses Kleidungsstückes rührt für uns wohl aber nicht nur daher, dass ein Mann ein für uns intrinsisch weibliches Kleidungsstück trägt, sondern auch – und vermutlich auch vor allem – von der Frage: Was trägt man(n) darunter­? Dieses Geheimnis werde ich in dieser Kolumne für euch lüften. Außerdem werde ich mit all den falschen Auffassungen über den Schottenrock aufräumen und euch in die tatsächliche Bedeutung des Kilts für den Schotten und ihre Kultur einweihen.

Als ich die Recherche für diese Kolumne aufnahm, brütete ich lange über der Frage, wie sich das Geheimnis des Schottenrocks wohl am einfachsten lüften ließe. Meine erster Einfall war ein Trick, dem sich die Schuljungen in meiner Grundschule bedienten, um uns Mädchen unter unsere Röcke zu spicken: Sie ließen im Pausenhof ein Geldstück auf den Boden fallen, so dass es direkt neben unseren Füßen fiel und als sie es aufhoben, warfen sie einen kleinen Blick nach oben.  Als angehende Juristin verwarf ich diesen Gedanken dann gleich wieder, eine Anzeige wegen sexueller Belästigung würde meinen Lebenslauf nicht besonders schmücken… Die nächste Idee bekam ich von meiner Freundin Jasmin, die einmal in der Stadt beim Einkaufen einen Dudelsackspieler im Kilt sah, der von einer Windböhe entblößt wurde. Für die schottische Version des berühmten Bilds von Marilyn Monroe über dem Belüftungsschacht mussten aber zu viele Faktoren gleichzeitig zusammenspielen, um das Geheimnis zu lüften, und da die Vorstellung ein Zelt neben dem städtischen Dudelsackspieler aufzuschlagen mich nicht besonders begeisterte, beschloss ich einfach,  ganz simpel meine schottischen Freunde zu befragen.

Die erste Lektion, die mir von meinen Freunden erteilt wurde, war, dass es ein absolutes Unding, ein Affront auf die schottische Kultur und Tradition ist, den Kilt als Rock zu bezeichnen. Der Kilt ist ein Kleidungsstück für den Mann, bestehend aus einer langen Stoffbahn aus Tartan (der karrierte Schottenstoff). Ein Rock dahingegen ist nicht nur kürzer, sondern auch vollkommen anders geschnitten. Es gibt tatsächlich Röcke aus Tartan, aber die sind für Frauen und ein komplett anderes Kleidungsstück, eine Schotte würde sowas nie tragen. – Uuuups, da bin ich wohl ins Fettnäpfchen getreten… Diesbezüglich ist nicht mit den Schotten zu spaßen. Auf die Frage hin, was er einem Ausländer entgegnen würde, der ihn auslacht, weil er einen Rock trägt, antwortete ein Freund von mir todernst: Deine Ignoranz ist grenzenlos, das bestürzt mich. Ok, von nun an nennen wir den Schottenrock nicht mehr Schottenrock, sondern Kilt, da mir meine schottischen Freunde sehr am Herzen liegen.

Nach dieser Lektion zurück zu der Frage, die euch, wie mich auch, vermutlich am meisten interessiert: Was geht unter dem Kilt vor sich? Nun ja, überraschender Weise gibt es da keine einheitliche Antwort. Einige Schotten tragen nichts als Deodorant unter den langen Stoffbahnen und genießen die Briese frischer Luft, anderen dagegen ist diese Freiheit zu kratzig, zu kalt und zu riskant mit dem turbulenten schottischen Windböhen. Die Erkenntnis, dass es keinen ganzheitlichen schottischen Ansatz zu einer derart wichtigen Frage gibt, die die Fantasie und Neugierde von uns Kontinentaleuropäern derartig anregt, hat mich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht. Das heißt, wir müssen weiter rätseln bei jedem einzelnen Schotten, der uns im Kilt begegnet… (Es sei denn, uns kommt eine Windböhe zur Hilfe.)

Begeistert war ich allerdings, als ich erfuhr welch wichtige Rolle der Kilt in der schottischen Kultur spielt. Als ich vor fast zwei Jahren das erste Mal in Schottland ankam, war ich ganz gespannt darauf den ersten Schotten in einem Kilt zu sehen. Ich war damals jedoch fest davon überzeugt, dass heute kaum einer einen Kilt ernsthaft tragen würde; ein bisschen wie die Lederhosen und Dirndl, die zwar mittlerweile jeder im Schrank hängen hat, wobei es sich bei einem Großteil der (vor allem jungen) Trachtenbesitzer mehr um einen Trend für die richtige Gaudi als um die Aufrechterhaltung einer alten Tradition handelt. Nicht so mit dem Kilt! Der Kilt repräsentiert für den Schotten heute immernoch schottische Kultur, Tradition und Familienwürde. So gut wie jeder Schotte hat einen Kilt und diejenigen, die keinen haben (oft weil sie zu teuer sind – kaum einer kostet weniger als 400 Pfund), können sich in speziellen „Kiltsverleihhäusern“ einen ausleihen. Im Gegensatz zu den bayrischen Trachten, die meist nur noch von den älteren Familienmitgliedern zu festlichen Anlässen getragen werden und sonst, wie bereits erwähnt, lediglich eine trendige Partybekleidung für uns auf Volksfesten in ganz Deutschland darstellen, schlüpfen die Schotten, Jung und Alt, für jede Festlichkeit in ihre Kilts. Bei Schulabschlüssen, Bällen, Hochzeiten, eleganten Silvesterfeiern, 21. Geburtstagsparties, formellen Diners und Tanzabenden ist der Kilt der „schottische Anzug“. Berühmt sind auch die Bilder der Baumstamm werfenden Schotten in ihren Kilts während der Highland Games. Einer meine Freunde hob einen weiteren besonderen Verwendungszweck von Kilts hervor, wenn es darum geht ausländische Mädchen anzubaggern. Also, Mädels, nehmt euch in Acht vor den Bravehearts in Kilts, sie haben vielleicht den einen oder anderen Hintergedanken!

Während wir uns den Kilt meist rot-karriert vorstellen, gibt es ihn in unzähligen Farbmustern (Tartans), wobei die Wahl meist nicht nach Geschmack gefällt wird. Jeder Klan, also jede Familie, hat ihren eigenen Klantartan, welcher Zugehörigkeit zu dem Klan ausdrückt. Der Klantartan des MacGregor Klans ist beispielsweise rot-grün, weshalb wir den schottischen Hollywoodschauspieler Ewan MacGregor in einen rot-grünen Kilt bewundern dürfen. Prince Charles hat wegen seiner verschiedenen Titel eine Auswahl an Tartans, die er tragen kann. (Da wirft sich gleich wieder die Frage in meinem Kopf auf, wie die beiden es wohl mit der schottischen Freiheit unter dem Kilt handhaben…) Manche schottischen Jungs bekommen ihren Kilt im Klantartan als Zeichen dafür, dass sie ein Mann sind, das heißt, nach dem 18. oder 21. Geburtstag. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass der Kilt für die Schotten nicht nur kein weibliches Kleidungsstück, sondern ein Ausdruck von Männlichkeit ist.

Wie es in dem Liedchen meiner Mutter heißt, sind die Schotten im „Schottenrock“ (Entschuldigung für den Ausdruck, liebe schottischen Freunde) von Kopf bis Fuß echte Männer. Sie tragen ihre Kilts mit Stolz. Kilts sind sexy und wenn wir ehrlich sind, nicht nur in Schottland. Ich kann zumindest nicht leugnen, dass ich mich freue schottische Freunde zu haben, die meine Uniabschlussbilder einmal optisch aufwerten werden. Und natürlich werde ich ein paar dieser Bilder gerne mit euch teilen

Eure Julia

Julia Spiesberger

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