Introvertierte – das sind doch diese Schüchternen, Stillen, diejenigen, bei denen man nie so recht weiß, was sie denken, klar, sie sagen ja auch selten überhaupt etwas. Kaum jemandem gelingt es wirklich, sein Schubladendenken zu überwinden, diese Sicherheit aufzugeben.

Da gibt es die “Coolen”, die, die immer zu wissen scheinen, was sie sagen sollen, sich mit jedem anfreunden können und sich auch vom Lehrer nicht verunsichern lassen. Will nicht insgeheim jeder so sein, so selbstsicher, so locker und offen? Vermutlich geht es vor allem den Ausgeschlossenen so. Es ist nicht von den “Mobbingopfern” die Rede, nein es geht um diejenigen, die sich bei vollem Bewusstsein von ihren Mitschülern differenzieren. Wir kennen Introvertierte meist als ruhige Schüler, sie machen keinen Ärger und verbringen die Pause meist allein, am Handy oder über dem Stoff für die nächste Stunde. Es widerstrebt ihnen, mit Menschen zu reden, die sie nicht kennen, Freundschaften zu schließen scheint beinahe unmöglich. Viele bezeichnen sie deswegen als schüchtern oder auch als arrogant, als hielten sie sich für etwas Besseres.

Ein Introvertierter aber muss nichts dergleichen sein. Es ist der Smalltalk, der ihm nicht liegt, das ungewohnte Umfeld, das ihn stört. Steckt man einen Schüler mit Introversion in eine neue Klasse, gehen die Warnsignale an. Er wird jeden versuchen einzuschätzen, ist sich aber bewusst, dass dies Zeit braucht. Aus diesem Grund hält er sich zunächst zurück. Die Pause wird genutzt zum Beobachten: Wer spricht hier mit wem, wer ist laut, wer leise, wie funktioniert diese Klasse? Doch hat er erstmal seine Leute gefunden, die er versteht, die ihn verstehen und akzeptieren, wenn er sich endlich wohl und sicher fühlt, dann kann auch ein Introvertierter seine Zurückhaltung aufgeben. Er wird beim Schritt durch die Tür des Klassenzimmers die abweisende Miene ablegen und mit einem Strahlen seinen Freunden zuwinken. Er ist glücklich, weil er angekommen ist. 

Dann wird er für viele kaum wiederzuerkennen sein, er lacht laut und reißt auch mal dumme Scherze, verhält sich wie ausgewechselt. Dennoch bedeutet Schule für ihn auch immer Stress. Schon nach einem halben Tag unter so vielen Menschen muss er erstmal nach Hause, um sich zu akklimatisieren. Sein Zimmer ist für ihn ein Ort zum Durchatmen, ein Tempel der Ruhe und Sicherheit. Er wird ihn nicht mit vielen teilen – aus Angst, ihn zu verlieren.

Introversion heißt viel Grübeln. Man zweifelt oft an sich, denn man hat hohe Anforderungen, nicht nur an andere. Lieber nichts sagen als etwas Falsches. Doch es heißt auch, dass man zu einer getroffenen Entscheidung steht. Wer es geschafft hat, einen Introvertierten als Freund zu gewinnen, kann sich seiner Treue und Unterstützung sicher sein. Denn dies sind die Ideale, die auch ihm besonders wichtig sind. Was wäre die Welt schon wert ohne ehrliche Freundschaft?

 

Artikel: Hannah Braun

E-mail: hannah [dot] sofia [dot] braun [at] gmx [dot] de

Zeichnungen: Alison Strauch