Hallo..Gott,                                         .
wie fange ich einen Brief an etwas so Abstraktes wie Dich nur an? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Bei Texten stellt sich mir immer die Frage, wen ich als Adressaten habe, doch wer ist mein Adressat eigentlich?
Thomas von Aquin würde Dich wohl als den ersten Beweger betrachten, was für mich persönlich das Wort „Gott“ einfacher greifbar macht, denn ich weiß nicht, ob Du bist, wer oder was Du bist oder wie Du bist. Ich habe schlichtweg wechselnde Vorstellungen von Dir im Kopf. Einerseits stelle ich mir Dich so menschlich vor. Vielleicht wie ein echt netter alter Herr, der gerne spazieren geht und die Menschen auf der Straße alle so freundlich grüßt

Im nächsten Moment bist Du jedoch wieder der abstrakte Beweger. Du bist dann das Universum und Teil von allem in ihm, wie ein großer funktionierender Organismus.
Dass Du so undefinierbar bist, macht Dich, glaube ich, sehr unbeliebt bei den Menschen. Die einen suchen fundierte Beweise zu Deiner Existenz, doch finden keine. Die anderen missbrauchen Deine Abstraktheit, um ohne Belege frei zu interpretieren und schreckliche Dinge in Deinem Namen zu begehen. Bei beiden Seiten scheinst Du jedoch sehr passiv zu agieren. Wenn es Dich gibt, so glaube ich jedoch nicht, dass Dir das Geschehen egal ist. Wir alle haben einen freien Willen und können frei handeln. Unsere Handlungen sind nicht vorherbestimmt und folgen in der Regel einem freien Verstand, den wir von Natur aus innehaben. Wir

befinden uns nicht in Deinem großen Puppentheater, in dem Du die Fäden ziehst. Du hast dieses Theater vielleicht gebaut, doch die Akteure folgen ihrem freien Willen. Du bist lediglich ein Zuschauer in der Audienz. Es wäre also unsinnig, Dich für die schlechte Leistung einer der Akteure verantwortlich zu machen, unabhängig davon, ob Du nun existierst oder nicht.
Die Schuld für das Versagen der Menschen wird oft bei Dir gesucht. Hast Du uns doch in das Leid dieser Welt gestürzt und erwartest nun gute Leistungen, während Du im Publikum die Beine hochlegst und Popcorn isst.

Ich finde diese Behauptung jedoch falsch.
Wie wäre die Welt denn, wenn Du nicht passiv wärst? Wenn wir alle ein Skript hätten, das die Welt wie eine geölte Maschine laufen lassen würde? Wenn Du Dich sogar zu erkennen geben würdest? Das würde sehr dystopisch enden. Eine Existenz hätte die Macht über alles, alle Fäden lägen in einer Hand. Wir wären total kontrolliert und überwacht, ein Albtraum.

Außerdem denken wir zu häufig negativ. Wir vergessen schnell die positiven Seiten im Leben. Unter allen Umständen sollten wir an unserem Istzustand etwas ändern. Wir müssen kritisch denken und unsere Meinung äußern. Die Einstellung „Es könne noch schlimmer gehen“ bringt nichts voran, doch nur im Negativen zu bleiben, wird nichts Positives hervorbringen. Es ist wichtig, sich auch die schönen Seiten anzugucken und sich dessen zu besinnen, was wir als Menschen schon alles dank freiem Willen geschafft haben.

Am Ende ist es dann doch wohl unbedeutend, was ich hier schreibe, denn jegliche Szenarien sind nur Modelle, Versuche, die Komplexität der Welt zu fassen zu bekommen. In manchen dieser Modelle kommst Du bewusst vor, in anderen nicht. Letztendlich versuchen wir doch nur, die Welt um uns herum zu verstehen, und wenn ein göttlicher Teil im Leben das Leben für Menschen einfacher macht, dann sei es so. Wenn sich jemand bewusst dagegen entscheidet und sein Leben auf bloßen Fakten aufbaut, so ist auch das sein freier Wille. Wenn Du Menschlichkeit in Dir trägst, Gott, dann glaube ich, dass Du das verstehst.

Schlussendlich wirst Du immer ein strittiges Rätsel bleiben. Glaubt man an Dich, glaubt man nicht an Dich. Glaubt man an deine Menschlichkeit oder glaubt man an das Abstrakte in Dir. Und eigentlich ist es doch auch relativ, an was man glaubt, solange man niemanden damit verletzt oder einschränkt. Niemand, der an Dich glaubt, sollte in Deinem Namen andere dazu zwingen an Dich zu glauben oder andere in Deinem Namen zu verletzen. Wenn wir uns alle stärker auf unseren freien Willen konzentrieren, ob mit oder ohne göttlicher Zuwendung und uns gegenseitig weniger wegen unseres Glaubens einschränken, dann glaube ich, dass wir weniger auf Dir herumhacken würden und unsere Welt friedlicher wäre.

Grüße

Alison

Artikel: Alison Strauch