Im Rahmen des Unterrichts hatten wir, die Klasse evangelische Religion von Herrn Schenck, die Chance, in einem intensiven Gespräch mit dem ehemaligen erfolgreichen Florettfechter und Leiter des Olympiastützpunktes Tauberbischofsheim, Matthias Behr, uns mit seinen Schicksalsschlägen und ihrer Bewältigung auseinander zu setzen. In einer Doppelstunde davor beschäftigten wir uns mit der Biografie von Herrn Behr und arbeiteten gemeinsam mit Herrn Schenck verschiedene Fragen zum Thema „Fechten“ und dem damit verbundenen Fechtunfall 1982 und seine Bewältigung heraus. Obwohl Matthias Behr nach der Show von Markus Lanz im letzten Jahr mit diesen grübelnden Fragen in der Öffentlichkeit abgeschlossen hatte, wollte er seine Lebenserfahrungen an uns weitergeben und überwand sich noch einmal, mit seinen Höhen und Tiefen konfrontiert zu werden. 

Mit den heutigen Fechtwaffen erscheint es fast unmöglich, dass solch ein tödlicher Unfall durch den Bruch einer Klinge verursacht wird. Doch zurzeit der Weltmeisterschaft 1982 war es in intensiven Trainingseinheiten üblich, dass dutzende Klingen durch ihre Instabilität brachen. Nach der Tragödie auf der Planche in Rom brach die deutsche Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft ab und Matthias Behr versuchte zunächst Abstand durch einen Urlaub mit der Familie zu gewinnen. Er beschrieb es als seinen „innersten Wunsch“, an der Beerdigung von Wladimir Smirnov teilzunehmen, konnte sich jedoch nicht überwinden in die Ukraine zu reisen, da er Angst hatte, als Mörder von dem „Helden der Nation“  wahrgenommen zu werden. Lange hatte Matthias Behr versucht, die Witwe Emma Smirnova zu kontaktieren, doch all seine Bemühungen erschienen erfolglos – bis zu dem Zeitpunkt, als ein Fernsehteam ihm erste Kontaktdaten zu der Witwe verschaffte. Matthias Behr fühlte bis dahin eine stete Unruhe, – ohne einen Kontakt, ohne ein Gespräch war es ihm unmöglich, in sich selbst die erhoffte Ruhe zu finden. Als die beiden dann in der Markus-Lanz-Show sich begegneten, Seit an Seit vor der Kamera saßen, konnte Herr Behr auf vieles eine Antwort finden, für ihn noch wichtiger, Versöhnung und Gleichklang spüren und in sich mit den ständigen Schuldfragen, dem Ungelösten abschließen. Als wir genau diese Frage der Schuld stellten, verglich Herr Behr den Fechtunfall mit einem Autounfall. Man fährt verkehrsgerecht und trotzdem kann etwas passieren, für das man gar keine Schuld trägt und trotzdem mit dem Geschehenen belastend leben muss. Matthias Behr selbst half der Gedanke, ein vom Schicksal, von Gott Auserwählter zu sein. Durch den tragischen Unfall wurden alle Sicherheitsvorschriften deutlich verschärft, aber auch das Material von Waffe und Maske so sicher, dass ein derartiger Unfall nicht mehr möglich ist. Es ist diese sinngebende Form der Bewältigung, ohne die Herr Behr verzweifelt wäre. Dieses sinngebende Annehmen von Schicksalsschlägen gab uns Matthias Behr auf unseren Lebensweg mit.

Ein Mann blickt zurück – offen, ehrlich und überzeugend, wir aber können im Augenblick nur nach vorne blicken in der Hoffnung, von extremen Lebensschicksalen und dunklen Lebensphasen verschont zu werden.

 

Artikel: Carlotta Wenz

Fotos: Mara Löffler