Hier ein weiterer Bericht vom Berlin-Besuch der Schülerzeitungsredaktion „Financial T(’a)ime“: Ich möchte euch von einem Mann berichten, den die DDR-Diktatur nicht brechen konnte, von einem Mann, dessen Standhaftigkeit mich tief beeindruckte! Um die Unmittelbarkeit seiner Schilderung zu wahren, verfasse ich diesen Artikel in der Gegenwart, also in Präsens:

Karl-Heinz Richter weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber zusammen mit seinen Freunden weiß er, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll. In der DDR diktieren die SED-Führer das Leben von 16 Millionen Bürgern. Auch Karl-Heinz Richter bekommt die Macht des Staates zu spüren, als er nicht zum Abitur zugelassen wird – auf Grund der Verweigerung zum Eintritt in die „Freie Deutsche Jugend“. Doch schon am 17 .Juni 1953 zeigt sich bei der brutalen Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR, wie zwecklos Widerstand gegen die Regierung ist. Seit dem Mauerbau 1961 gleicht Berlin einem großen Gefängnis, aus dem er 1964 vielen seiner Kumpels zur Flucht verhilft, indem sie auf den nächtlichen Moskau-Paris-Express aufspringen. Bei seinem eigenen Fluchtversuch bricht sich der 17-Jährige beide Beine, einen Arm und fünf Rippen. In diesem schmerzhaften Zustand kriecht er zurück nach Hause, wo er nur ein paar Tage später vom Ministerium für Staatssicherheit, dem wichtigsten Organ zur Aufrechterhaltung der Diktatur der Kommunisten, verhaftet und ins Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, das auf keinem Stadtplan eingezeichnet ist, verschleppt wird. Ohne Gerichtsverfahren werden hier Vertreter demokratischer Parteien, NS-Verdächtige und überhaupt alle, die sich nicht Regime treu verhalten, festgehalten. In diesem geheimen Gefängnis ist physische sowie psychische Folter an der Tagesordnung. Keine medizinische Behandlung für Richter trotz den vielen gebrochenen Knochen, nur drei Scheiben Brot und ein halber Liter Wasser pro Tag in einer von der Außenwelt komplett isolierten Zelle. Seine Beine und Arme schlägt er aufeinander, um den Juckreiz unter dem Gips zu mildern, mit dem Ergebnis von großen Schmerzen und dem Zerbröseln des Gipses. Nach über zehn Wochen ist ihm zum ersten Mal erlaubt, sich zu duschen, was darin endet, dass er zwölf Stunden mit abgedrehtem Wasser, aber noch nicht abgewaschener Seife in dem kleinen Raum bleiben muss. Auf Grund seiner Arroganz wird er zwar von einem Wärter, gegen den er sich wehrt, bewusstlos geschlagen, aber genau diese Arroganz hilft ihm auch über die lange Zeit der Inhaftierung hinweg. In seiner Zelle stellt er sich vor, zu Hause zu sein, was nur einen schmalen Grad zum Wahnsinn darstellt. Oft weint er sich in den Schlaf. Vor den Augen der Stasi vergießt er jedoch nie auch nur eine Träne. Diesen Triumph gönnt er der verhassten Stasi, die unter anderem drei seiner Kumpels erschossen hat, nicht. Seine Kumpels, die es mit seiner Hilfe in den Westen geschafft haben, machen dort auf den schlechten Zustand und die menschenunwürdige Behandlung ihres Freundes aufmerksam, was die Stasi dazu zwingt, ihn freizulassen. 18 Monate verbringt er im Krankenhaus, wo er zum ersten Mal seit seinem gescheiterten Fluchtversuch medizinisch behandelt wird. Richters Ehefrau wird inhaftiert und die fünfjährige Tochter vom Staat zwangsadoptiert.

Heute pendelt Richter zwischen Saudi-Arabien und Berlin, wo er seine Frau seit Jahren in der Psychiatrie besucht. Dennoch sieht sich Karl-Heinz Richter nicht als Opfer, sondern als Betroffener, der heute Besuchergruppen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, heute Gedenkstätte, führt.

 

Artikel:
Vanessa Müller

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