Wenn ich ab und zu mal abends oder am Wochenende die Schule betrete, um etwas zu kopieren, mache ich einen kleinen Psychotest, wie meine Seele zur Schule tickt. Ich schließe auf, der mir bekannte Schulgeruch / -mief steigt mir in die Nase, dann achte ich auf das spontane Gefühl, dann weiß ich, wie ich zur Schule stehe: Ich bin gerne Lehrer!

Ich liebe meinen Beruf – aber in Distanz. Distanz bedingt meine Freude am Unter­richten, am Lehrberuf, sie gibt mir Freiraum authentisch zu sein mit einem Stück Un­abhängigkeit von den Klassen und den Menschen. Distanz schützt, macht weniger verletzbar, Distanz lässt la­chen oder anders: Lachen und Humor bringen nicht nur Farbe in das Grau des Schulalltags, beide lassen das Grau an einen weniger heran­kommen. Das Grau be­rührt nicht oder nicht so!

Ich empfinde mein Tun als sinnvoll. Ich bin überzeugt etwas bewirken zu können! Ich finde diese Lebendigkeit, dieses ständige Gefordertsein in den Grenzen des Mach­baren aktivierend. Schule ist für mich Herausforderung des Lebendigen, des Zukünf­tigen, des Veränderbaren – gegen alle Alltagserfahrung. Und ich bin mitten drin, ich bin Teil dieses Veränderbaren – und gleichzeitig Kontinuum in der wirbelnden Welt.

Ich habe tolle Fächer, die absolut lebendig sind, in denen ich mich irren kann, in de­nen ich durch Schülerfragen und –gegenpositionen zu neuen Erkenntnissen gelange, deswegen schätze ich so die 13. Klasse, weil hier dann in gewissem Maße auf Augen­höhe unterrichtet werden kann. In meinen Fä­chern lerne ich ständig dazu, besonders in Literatur. Ich genieße es in mich hinein horchend vor der Klasse zu interpretieren, ich bestreite nicht, ich bin ein wenig stolz, es tut gut in­terpretatorische Zu­sammenhänge herzu­stellen, zu ver­tiefen, beim Sprechen in vorher nicht vor­bereitete Tiefen vorzu­stoßen, in mal mehr oder weniger wache Augen zu blicken, zuzu­schauen, wie alle mit­schreiben, wenigstens die meisten, diese konzentrierte Stille, aus der nur her­aus ich denkend mein Bestes geben kann.

Schule ist für mich Sport. Ich will gewinnen, ich will immer gewinnen, nicht weil ich muss, sondern weil es einfach Spaß macht gut zu sein, an seine Grenzen zu gehen, alles zu geben, um der Sache, um der Aufgabe, um der Menschen willen, aber es hat dennoch etwas Spielerisches, Distanziertes. Wer nicht mitspielt, spielt nicht mit. Ich breche bei Null-Punkten-Leistungen nicht in Tränen aus und wer kein‘ Bock auf Schule hat, soll zu den Maurern gegenüber. Ich biete Leistung, ich engagiere mich, aber ich reibe mich nicht auf! Ich sage klar, was ich wann will, ich arbeite mit präzi­sen Zeitplänen, wem die Selbstdisziplin fehlt, hat an diesem Punkt einen deutli­chen Lern­bedarf, den er zu erbringen hat, nicht ich! Und wer Hilfe braucht, für den bin ich da!

Was mir an Schülern nicht passt, ist das ständige Berechnen der eigenen Leistung, sie wird mit komplizierten Methoden exakt so dosiert, dass sie zur nächsten Note knapp reicht. Leistung an sich hat etwas Beglückendes, für viele Schüler unvorstell­bar. Ich hasse diese minima­listische Einstellung, dieses Billige, diesen Facebook-Ho­rizont, überall drin, aber nir­gends dabei, die fehlende Präsenz in der konkreten Gegenwart, diese Umwer­tung der Werte: jeder Face­book-Furz lässt rennen, jede Schenck-Mail jedoch pennen! Okay, klar, ich stehe für Schule, für Störung der Frei­zeit-Bedürfnisse. Ich vermisse oft dieses Stück Leiden­schaft, was das Leben so in­tensiv macht, diese Hingabe an eine Aufgabe, aber auch an einen Menschen, ohne nicht mit einem iPhone in der Hand Mensch und Aufgabe zu verwässern, ihr Tiefe, Herausfor­derung zu nehmen. Multi-Tasking-Kids, alles gleichzeitig, nur nichts richtig!

Und noch was stört mich: die fehlende Anerkennung! Nein, ich krepiere nicht daran, ich habe sie mir abtrainiert. Ich finde aber Engagement für andere Menschen ohne Lob und Anerkennung nicht dem Menschen gemäß, kurz: unmenschlich. Ich fühle mich benutzt – ohne eigene Wertigkeit, eine Sache, die man für ein erfolgreiches Abitur braucht, die man ausnutzt, ausquetscht und dann wegwirft. Wertschätzung wird an unserer Schule großgeschrieben, man sollte sie auch leben, gegenseitig, in der Frageposition: Habe ich mich heute schon bedankt? Habe ich bemerkt, was an­dere für mich tun?

Konkret: Als wir vom Skifahren in Flachau mit der 11. Klasse zurückkamen, hätte ich mich, aber sicherlich auch die anderen Kollegen, ungemein gefreut, wenn nur ein Elternteil, ein Elternteil von den 45 Kindern sich bei uns bedankt hätte. Wir haben ihre Kinder gesund wiedergebracht, das ist nicht selbstverständlich. Wir haben uns bemüht, wir haben ihnen die Kurventechnik gezeigt, ihnen geholfen, sie aufgehoben, beim Arzt gesessen, wir haben geschaut, dass es ihnen gefällt, gutgeht, sie sich wohl fühlen. Unterrichten ist die ruhigere Kugel im Vergleich zum Schullandheim!

Abi-Ball ist wie Weihnachten, mit Erwartungen und Gefühlen überfrachtet, hier habe ich meine Sehnsucht nach Anerkennung noch nicht abtrainieren können. Es ist für mich fast unerträglich, dass man am Ende von drei Jahren aufgedonnert rumrennt, aber seine „alten“ Lehrer kaum noch kennt. Und manche verdanken doch nur uns, aber wirklich nur unserem Einsatz, dass sie vorne ihr Zeugnis abholen können. Kein persönlicher Dank, auch kein persönlicher Dank von Eltern, kein  Verabschieden. Himmel noch mal, wir haben drei Jahre für euch gekämpft, da sitzt ihr an euren Ti­schen und feiert wie blöd euch selbst, aber letztendlich ohne die zu bedenken, die euch dieses Abi-Feiern erst ermöglichten! Was den meisten Schülern nicht klar ist, der Abi-Ball, die Abi-Zeitung ist der letzte Eindruck und mit einem Schlag sind drei erfolgreiche und oft schöne Jahre nach so einem Abend wie weggeätzt!

These, Antithese, Synthese: Vieles stört mich massiv, besonders die Passivität, die Gleichgültigkeit, die Verantwor­tungslosigkeit für das eigene Leben, dieses Hinweg­trampeln über Lebenschancen… und doch gehe ich meist mit Freude in die Schule und bin ein bisschen stolz auf meine Schüler. Sie können mich noch immer mit guten Hausarbeiten, schön gestal­teten Kopiervorlagen, ideenreichen Präsentationen be­geistern. Ich finde Schule ganz einfach spannend, Abi-Ball hin, Abi-Zeitung her, ich schätze den herzlichen Gruß, das spontane Auf-mich-Zugehen, die Freude, das La­chen, ich liebe dieses Leben, ich würde wieder Lehrer werden und möchte es noch lange sein!