Während der Rest meiner Mitschüler den ersten Tag der Sommerferien genießt und im SchSZMS - Unterrichtsgebäude (3)wimmbad entspannt oder bereits mit dem Flieger auf dem Weg nach Mallorca ist, sitze ich frühmorgens bei unserem Deutschlehrer Herrn Schenck am Wohnzimmertisch. Ich bin aber nicht die Einzige, die komplette FT-Redaktion trifft sich.

Wir sind alle furchtbar aufgeregt, heute ist der große Tag, an dem uns die China-Delegation der Eliteschule „Shenzhen Middle School“, der Partnerschule unserer Schülerzeitung, besucht.

Auf dem Weg zu unserer Gaststätte unterhalte ich mich mit Frau Gao Qing, Direktorin der naturwissenschaftlichen Abteilung dieser Elite-Schule. 

xIMG_6403Natürlich interessiert es mich brennend, ob chinesische Kinder wirklich mit so harten Methoden auf Erfolg getrimmt werden und wie das Leben an einer chinesischen Elite-Schule aussieht.

„Shenzhen Middle School“, Zahlen: rund 5.000 Schüler, 400 Lehrer, Eliteschule. „Middle“ steht für die Schule von der 7. – 12. Klasse. Die Oberstufe, beginnend ab der Klasse 10, umfasst 3.000 Schüler. Frau Gao Qing meint, sie nähmen nur 10% der Oberstufen-Bewerber. Schnell wird mir auch klar warum, schließlich galt diese Schule in den 80er Jahren als Vorzeigeschule in China! Grund hierfür war ein neues Unterrichtssystem, bei dem es nicht darum geht, nur auswendig runterzubeten, was der Lehrer sagt, so wie es früher in China üblich war, sondern selbst zu lernen und zu denken.

2004 wurde die „Shenzen Middle School“ Modellschule für China und heute werden nur noch die Besten der Besten ausgewählt. Rund 90% der ehemaligen Schüler erhalteSZMS - Sportfest Eröffnungsfeier027n an den Top-Unis der USA Studienplätze, bei den restlichen schaffen es 60% an die Top-Unis in China.

Ein normaler Schultag besteht aus neun Stunden, fünf davon finden vormittags statt, vier nachmittags, dazwischen gibt es zwei Stunden Pause, sodass um 16.35 Uhr Schulschluss ist. Danach geht es aber nicht nach Hause, jeder Schüler gehört einem oder mehreren der 65 Clubs an, was aber alles andere als

Freizeitbeschäftigung ist. Beispielsweise gibt es einen Deutsch-Club, der zwei Mal pro Woche stattfindet, manchmal sogar samstags von 8 – 11.30 Uhr, und große Leistung von den Schülern abverlangt. Regulären Deutsch-Unterricht gibt es auch, aber nur für die extrem Begabten: „Gerade haben sich 32 mit einem Motivationsschreiben für den Deutsch-Unterricht SZMS - Sportfest Eröffnungsfeier025beworben, zwölf fliegen raus, wir wählen von den Besten die Allerbesten aus!“

Nach Frau Gao Qing scheinen die Schüler in China allgemein viel ehrgeiziger zu sein, die Leistungsbereitschaft ist enorm. Sie biete am Wochenende Förderkurse für die Besten in Physik an, um beispielsweise an einem weltweiten Physik-Wettkampf in den USA teilzunehmen. Letztes Jahr holte sie den ersten Platz weltweit!

Für chinesische Schüler gibt es keine andere Note als A, im schlechtesten Fall noch B, alles andere wird

nicht akzeptiert. Der ständige Konkurrenzkampf und der unheimliche Druck der „Tiger-Mamas“ treiben die Schüler an, sie möchten keinesfalls als Schulversager dastehen. FreiP1040180xzeit kennen die Schüler nicht, da bleibt der Spaßfaktor natürlich auf der Strecke. Gao Qings Tochter war ein Jahr in Deutschland und auf meine Frage, ob sie nun nicht genauso leben möchte wie die Jugendlichen in Deutschland, meinte Gao Qing nur, sie sei ebenfalls eine „Tiger-Mama“, also bleibe der Tochter Dodo keine andere Wahl.

Nach dem Gespräch war ich ziemlich nachdenklich. Wie oft beschwere ich mich darüber, dass ich erst nachmittags um 16 Uhr nach Hause komme und für die eine oder andere Klausur lernen muss?! Ich möchte keinesfalls mit einem dieser chinesischen Schüler tauschen, egal welche tollen Karrieren ihnen bevorstehen werden. Der Preis dafür ist einfach viel zu hoch: verlorene Jugend.